Kreis Paderborn untersucht die Situation der Angehörigen
Private Pflege als Vollzeitjob

Paderborn (WB). Das Thema Pflege brennt vielen unter den Nägeln. Auch deshalb, weil 75 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause gepflegt werden – entweder von den Angehörigen alleine oder mit Unterstützung von ambulanten Diensten. Ihre Lebenssituation hat der Kreis Paderborn daher in den Blick genommen.

Freitag, 08.02.2019, 08:30 Uhr aktualisiert: 08.02.2019, 08:46 Uhr
Sie wollen die Lebenssituation von pflegenden Angehörigen im Kreis Paderborn verbessern: Margot Becker (links) und Delia Strickling stellen die Auswertung einer Befragung von Betroffenen vor.

»Unser größter Pflegedienst in Deutschland sind die zahlreichen Angehörigen, die sich liebevoll um ihre Eltern, Schwiegereltern oder auch Ehepartner kümmern«, sagt Landrat Manfred Müller. Der Kreis Paderborn hat daher Ende vergangenen Jahres pflegende Angehörige zu ihrer Lebenssituation befragt und die Auswertung der Umfrage, an der 304 Betroffene teilgenommen haben, vorgestellt.

Drei Viertel der Befragten waren Frauen, die meisten im Alter von 45 bis 64 Jahren. Für die Pflege ihrer Angehörigen wenden 28 Prozent der Befragten mehr als acht Stunden am Tag auf, 41 Prozent zwischen sechs und acht Stunden. »Im Ergebnis ist für fast 70 Prozent der Befragten die Pflege ein Vollzeitjob, der eine permanente Anwesenheit oder zumindest Ansprechbarkeit, quasi eine 24-stündige, permanente Rufbereitschaft bedeutet«, fasst Margot Becker vom Paderborner Kreissozialamt zusammen.

Großer Zeitaufwand bleibt nicht ohne Konsequenzen

An der Befragung mitgewirkt hat Delia Strickling, Studentin der Sozialen Arbeit an der Katholischen Hochschule Paderborn, während ihres Projektpraktikums im Kreissozialamt. »Pflegende vereinsamen und ihre Gesundheit leidet«, hat sie festgestellt. Ein so großer Zeitaufwand bleibe natürlich nicht ohne Konsequenzen. Nach Übernahme der Pflege hätten viele Frauen ihre Arbeitszeit drastisch reduzieren müssen. Auch das Privatleben leide. 27 Prozent gaben an, keine Zeit für Freunde zu haben, und 40 Prozent spüren negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit.

Verstärkt werde diese Belastung dadurch, dass die Angehörigen nur wenig Möglichkeit für eine Pause sehen. 26 Prozent geben an, niemanden zu haben, der sie mal für ein oder zwei Stunden vertreten kann. Und 50 Prozent finden eine solche Vertretung nur mit großen Schwierigkeiten. »Interessanterweise ist diese Vereinsamung und Unterstützungslosigkeit bei Bewohnern in der Stadt Paderborn häufiger als bei Pflegenden in den kleineren Städten und Gemeinden«, berichtet Strickling.

Bestehende Angebote sind nicht bekannt genug

Auch geben pflegende Männer häufiger als Frauen an, dass sie problemlos jemanden finden könnten, wenn sie mal eine Auszeit bräuchten. »Scheinbar liegt bei den Frauen eine größere beziehungsweise alleinige Verantwortung für die Pflege«, vermutet Strickling.

Es gebe bereits zahlreiche Angebote im Kreisgebiet, um Pflegende zu unterstützen, was noch nicht bekannt genug sei. Auch wünschen sich viele eine schnellere und vor allem automatische Information durch Ärzte, Krankenkassen oder Berater über bestehende Ansprüche und Angebote.

»Wir werden uns als Kreis stärker dafür einsetzen, dass es präventive Gesundheitsangebote für pflegende Angehörige gibt wie Entspannungs- und Bewegungskurse«, kündigt die Sozialplanerin beim Sozialamt des Kreises an.

Nachbarschaftliche, ehrenamtliche Strukturen stärken

Außerdem verstärke der Kreis schon seit einiger Zeit seine Anstrengungen, existierende Entlastungs- und Unterstützungsangebote bekannter zu machen. Seit 2017 gibt es das Online-Pflegeportal des Kreises, das wichtige Informationen enthält sowie sämtliche Angebote und Beratungsstellen erfasst.

Ein Ziel des Kreises sei es auch, die nachbarschaftlichen, ehrenamtlichen Strukturen zu stärken, um Angehörige zu entlasten und für sie Möglichkeiten für Auszeiten zu schaffen. Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf Angehörigen von Demenzkranken liegen.

Eines werde aus der Umfrage aber auch deutlich: Die meisten Pflegenden nehmen diese Aufgabe – trotz aller Be- und Überlastung – gerne wahr. »Diese Menschen verdienen unsere größte Wertschätzung und brauchen unsere absolute Unterstützung. Wir werden daher weiterhin daran arbeiten, ihre Situation durch gezielte Beratung und Entlastung zu verbessern«, verspricht Müller. Die vollständige Auswertung ist nachzulesen unter www.kreis-paderborn.de/pflegeumfrage . Das Pflegeportal des Kreises ist unter www.kreis-paderborn.de/pflegeportal zugänglich.

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