Die Pflege von Siegfried Wagners (86) Frau verschlingt monatlich mehr als 5000 Euro
Wenn das ganze Vermögen draufgeht

Paderborn (WB). Die Betreuung seiner Frau kostet jeden Monat 5071 Euro. Die Pflege frisst das Geld von Siegfried Wagner weg wie Feuer das trockene Gras – und das belastet den 86-Jährigen sehr. Der Rentner betont: »Ich habe mir ein Vermögen erarbeitet, aber jetzt werde ich darum gebracht, und mein Sohn wird möglicherweise auch noch belastet – die Politik, die dafür verantwortlich ist, kann ich nicht verstehen und akzeptieren.«

Donnerstag, 07.02.2019, 11:33 Uhr aktualisiert: 07.02.2019, 14:38 Uhr
Die Kosten für die Pflege von nahen Angehörigen kann ins Geld gehen. Für einen 86-jährigen Paderborner könnte es sogar dazu führen, dass er, obwohl lebenslang hart gearbeitet, in naher Zukunft zu einem Sozialfall wird. Foto: dpa

Wagner stammt aus Hindenburg in Oberschlesien und lebt seit 1970 in Paderborn. Der Industrieelektromeister hat Kraftwerke gebaut und unter anderem bei Nixdorf, Telenorma und Bertelsmann gearbeitet. Im Juli 2015 zog er in eine Wohnung des Hauses Sankt Antonius des Caritaszentrums für Wohnen, Pflege und Beratung an der Grünebaumstraße. Eine Etage unter ihm wird seine Frau Renate stationär versorgt.

Rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen

»Meine Frau hat Demenz, ich habe sie ein Jahr lang selbst betreut, bis ich mir einen Wirbel brach«, erzählt Siegfried Wagner. Renate Wagner braucht rund um die Uhr Hilfe, sie hat den höchsten Pflegegrad 5. Und das kostet. 3066 Euro beträgt der Eigenanteil, den das Ehepaar jeden Monat aufbringen muss, die Pflegekasse steuert 2005 Euro bei.

Darüber hinaus muss Siegfried Wagner die Miete für seine 60-Quadratmeter-Wohnung in Höhe von 1135 Euro zahlen. Allein durch die Rente könnte der 86-Jährige das Ganze nicht schultern. Er erhält nach eigenen Angaben 1538,44 Euro Rente, seine Frau 757,37 Euro.

Rentner verkauft schweren Herzens das gemeinsame Haus

Schweren Herzens musste Siegfried Wagner sein Haus in der Stadtheide verkaufen, um den Pflegeplatz seiner Frau zu finanzieren und weiter in ihrer direkten Nähe zu leben. Mittags hilft er ihr beim Essen, nachmittags sitzt er neben ihr oder fährt sie im Rollstuhl nach draußen. »Sie versteht alles, kann sich aber selbst nicht äußern«, erzählt er.

Verbittert über die steigenden Pflegekosten

Er selbst kann nicht verstehen, warum die Pflegekosten so hoch sind und auch noch permanent steigen. Der Eigenanteil ging in den vergangenen Jahren von 2763 auf 2812 und jetzt 3066 Euro hoch. In einem Schreiben vom 4. Januar 2019 begründet der Caritasverband die neuerliche Zunahme so: »Die Erhöhung der Entgelte im stationären Bereich ist in diesem Jahr höher als erwartet, da die Aufteilung des Personals, entsprechend dem tatsächlichen Einsatz, stärker zu Lasten des stationären Bereichs, weniger zu Lasten der Kurzzeitpflege geht.«

Die 5071 Euro setzen sich so zusammen: Allgemeine Pflege, Grad 5: 3007,93 Euro; Ausbildungsumlage pro Monat: 131,41 Euro; Investivkosten pro Monat: 685,97 Euro; Unterkunft: 703,92 Euro; Verpflegung: 541,78 Euro.

Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung seiner Frau hält Siegfried Wagner für völlig überzogen: »Wir haben damals zu zweit weniger für Kost ausgegeben.« Durch den Verkauf ihres Hauses erlösten die Wagners 210.000 Euro. Jeder bekam die Hälfte. »Das Geld meiner Frau wird im Laufe des Jahres aufgebraucht sein, dann komme ich und mein Geld dran«, sagt Siegfried Wagner nachdenklich.

Zum Fall fürs Sozialamt will er nicht werden

Seine Horrorvorstellung besteht darin, dass auch noch sein Sohn finanziell für die Pflege der Eltern herangezogen wird und die Wagners am Ende aufs Sozialamt angewiesen sind. »Ich habe im Leben etwas erreicht, aber dann wäre mein Lebenslauf vernichtet«, betont Siegfried Wagner.

Das Vermögen muss für die Pflege eingesetzt werden

Er ist kein Einzelfall. Solange Vermögen da ist, müsse es für die Pflege aufgebraucht werden, bis der Sozialstaat einspringe, beschreibt der Sozialverband VdK im Kreis Paderborn die Rechtslage. Die Mitarbeiter hören öfter Klagen wie: »Ich habe mein Leben lang gespart, damit die Kinder später etwas davon haben, und jetzt geht das Geld für die Pflege drauf.« Dieses Gefühl sei nachvollziehbar, aber gleichzeitig sei der Eigenanteil von 3066 Euro im höchsten Pflegegrad keine außergewöhnlich hohe Summe.

Ausgaben fürs Personal steigen

Das sagt auch der Bereichsleiter Pflege und Gesundheit des Caritasverbandes Paderborn, Hans-Werner Hüwel. Wegen der steigenden Personalkosten nehme der von Personen wie Siegfried Wagner aufzubringende Eigenanteil zu. »80 bis 90 Prozent unserer Kosten sind Personalkosten«, sagte Hüwel dieser Zeitung. Pflege sei sehr personalintensiv, Tariferhöhungen machten sich entsprechend bemerkbar. Kirchliche Pflegeanbieter zahlen oft besser als private und sind dadurch als Arbeitgeber attraktiver. Das kommt den alten Menschen in Form der Pflegequalität zugute.

Auch Siegfried Wagner attestiert dem Personal, dass es sich gut um seine Frau kümmere. Die Pflegekosten und die für Unterkunft und Verpflegung verhandelt die Caritas mit dem AOK-Landesverband. Resultat sind so genannte Pflegesatzvereinbarungen, die meist für zwölf Monate abgeschlossen werden.

»Das Problem ist, dass wir in der Pflege eine umgekehrte Kaskoversicherung haben«, sagt Hüwel. Während bei der Versicherung eines Autos der Kunde wisse, wie hoch der Beitrag ist, sehe das im Pflegebereich anders aus. Hier zahle die Pflegekasse einen festen Zuschuss, während alles, was sich an Kostensteigerungen ergebe, bei Menschen wie Siegfried Wagner hängenbleibe. »Zuschuss statt Vollkostendeckung« laute das Prinzip.

Kommentare

Tochter  wrote: 12.02.2019 14:33
Nur rumjammern
Die Kosten sind völlig normal und absolut grechtfertigt.

Meine Eltern müssen ebenfalls ins Altersheim. Kosten pro Person 2562.- + staatl. Pflegegeld pro Person.

Renten zus. 2.200.- der Rest wird durch den Verkauf der Immobilie erbracht - davon hat noch keiner "Taschengeld" usw.

Fußpflege, Reinigung, Friseur, Medikamentenzuzahlung müssen privat erbracht werden.

Diese verdammten, viel besungenen Immobilien für die "man ein Leben lang gearbeitet hat" dienen der Alterssicherung - es kann nicht für alles der Staat aufkommen.
Es heißt doch immer das ist für die Altrssicherung.
Wenn es soweit ist wird die Immobilie verkloppt und das Geld eben dafür verbraucht.
Wohldem der seine Kinder soweit auf den Weg gebracht hat, daß diese nicht auf Erbschaften angewiesen sind. Das ist eine Lebensleistung und nicht ein Haus in der Stadtheide.

Und was die Kosten für Verpflegung angeht: Da sind viele Hände dran beteiligt.

Der Herr sollte bei seinem Gejammere auch mal nachdenken, wenn er früher eingekauft hat wurden auch Investitionsgüter eingesezt - sprich Auto, Herd, Kühlschrank,Bankofen usw. sowie die Arbeitskraft seiner vermutlich kochenden Gattin - das ist Geld. Das sind acu die Kosten der Verpflegung.

Im übrigen sind doch recht üppige Steuervorteile in den Eigenheimbau reingeflossen.

Ach ja, die Immobilie die jetzt vertickt wird gehört mir nominell - es ist mir sowas von glasklar das damit die Pflegekosten finanziert werden. So what?

Anjeska Mitowitsch  wrote: 07.02.2019 13:42
Alt werden?
Wie kommt der Redakteur*in auf so eine plumpen Aussage?
"JEDER WILL ALT WERDEN"
Bei genauer Recherche und Befragung seiner Mitmenschen käme ein ganz anderes Ergebnis raus, "NICHT JEDER WILL ALT WERDEN".
Mit z..B. 86 Jahren hat man alles schon mindestens 2 xmal erlebt, was man in unseren Breitengraden erleben kann und auf den Rest kann man getrost verzichten.
Wohin will man denn, wenn man aus dem Arbeitsleben raus ist?
Gut Leben? Reisen?, Wohlstand, also alles was man vorher schon nicht hatte?
Anfang der Rente, wenn man sie denn erreicht und nicht vorher durch die Lebensarbeit krank wurde, ist man in der Lebensphase der unbrauchbaren Überbleibsel.
Allein für das Einkommen der Bediensteten im Altenheim ist man etwas Geld wert, aber auch da kommt bei Bedarf menschlicher Nachschub.
"Das Leben ist ein Fake" wie D. Tump sagt.
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