Akteure des WDR5-Kabarettfestes plädieren für mehr Gelassenheit »Leute, entspannt mal«

Paderborn (WB). Ja, es war auch ein lustiger Abend. Doch nachhaltigeren Eindruck hinterließen die ernsten Töne, die die Akteure des WDR5-Kabarettfestes anschlugen. Sie mahnten alle ein persönliches wie gesellschaftliches Umdenken an.

Von Andrea Pistorius
Nachdenkliches wurde beim WDR5-Kabarettfest mit viel Witz präsentiert. Dabei waren (von oben im Uhrzeigersinn) Matthias Brodowy und Gastgeber Carsten Hormes, Lisa Feller, Nektarios Vlachopoulos und Ingo Oschmann.
Nachdenkliches wurde beim WDR5-Kabarettfest mit viel Witz präsentiert. Dabei waren (von oben im Uhrzeigersinn) Matthias Brodowy und Gastgeber Carsten Hormes, Lisa Feller, Nektarios Vlachopoulos und Ingo Oschmann. Foto: Andrea Pistorius

»Klimawandel oder auch Wandelklima«: Das sollte das Leitmotiv des Satireabends in der Paderhalle sein, und Moderator Matthias Brodowy hatte auch schon ausgemacht, wer für das ganze Chaos in der Welt verantwortlich ist – die 7. Und dann singt er von dem Unheil, das die sieben Siegel, Todsünden, Zwerge und Posaunen anrichten, er begleitet sich dabei selbst an den Tasten und seine Samtstimme und die heitere Melodie begeben sich in schroffen Kontrast zum Weltuntergangsszenario. Die Dramaturgie wiederholt sich bei den folgenden Liedern, die inklusive Bandbegleitung zu den Glanznummern des Programms zählen. Wolfgang Stute (Gitarre, Cajun), Tony Kaltenberg (Gitarre) und Carsten Hormes (Bass) sorgen mit ihrem Sound für die vordergründige Wohlfühlatmosphäre. Bei den Wortbeiträgen bekamen die 400 Zuhörer dagegen wenig Gelegenheit, sich entspannt in die Sessel zu lehnen.

Soziale Medien veratwortlich für schnelllebigere Zeit

Ingo Oschmann zum Beispiel findet das Leben viel zu überdreht. Das habe mit den digitalen Medien zu tun, die inzwischen fast alle Menschen nutzten. Sie seien damit immer erreichbar und schnell in ihren Entscheidungen. Doch sonderbarerweise habe niemand mehr Zeit. Diese Entwicklung demonstriert der inzwischen 48-Jährige in kurzweiligen Szenen, in denen er mit Filmrolle fotografiert und Langspielplatten auflegt. Der Trend, alles mal eben fix zu erledigen, verändere auch die Kommunikation. »Ich habe Bushido«, hatte ihm neulich sein Neffe mit einer CD in der Hand verkündet. Er habe darauf geantwortet: »Dann geh’ zum Arzt.«

Die Alltagsbeobachtungen, die Ingo Oschmann darstellt, werden im zweiten Teil amüsanter. Dann schildert er fröhlich, was passiert, wenn er das Auto im Parkhaus nicht wiederfindet oder nicht nein sagen kann, auch wenn man ihm Dinkelkissen schenkt. Die Zuhörer erkennen sich selbst in diesen Geschichten wieder.

Nur nicht verrückt machen lassen: Das ist auch die Botschaft von Lisa Feller, die als satirischer Elternratgeber auf Bühnen und in TV-Shows unterwegs ist, seit sie zwei Söhne hat. Sie plädiert für Gelassenheit, wenn das eigene Kind beim Dosenwerfen versagt, der talentierte Tristan aber sämtliche Preise abräumt. Oder wenn ihr beim Versuch, die Kreuzigung des Heilands oder das Zustandekommen von Säugetier-Babys zu erklären, die passenden Worte fehlen. Den Zuhörern sind auch diese Situationen aus dem Familienalltag vertraut, sie leiden und sie lachen herzlich mit. Und sie sind auch solidarisch, wenn sich Lisa Feller (41) – fürs Programm wieder Single – bei der Partnersuche gegen den Schönling und stattdessen für den Mann entscheidet, »der aussieht, als hätte man ihn aus Fimo geknetet.«

»Leute, entspannt mal« ist das Motto von Nektarios Vlachopoulos

»Leute, entspannt mal«, das empfiehlt auch Nektarios Vlachopoulos, ein Name, den sich Satirefreunde merken sollten. Der 31-Jährige hat kein Problem mit Zuwanderern, die erst einmal Deutsch lernen müssen (»Was guckst Du, Otto?«), aber größte Vorbehalte gegen Menschen, die allzu selbstsicher auftreten, »so wie Trump oder Erdogan.« Vlachopoulos spielt seit zehn Jahren in den oberen Ligen des Poetry- Slam: Seine Texte sind knapp, aber zugespitzt und er deklamiert lebhaft mit angemessenem Pathos.

Ingo Börchers rundet als Ko-Moderator das Programm ab – wie immer mit Sätzen voller Wortspiele. Mit Blick auf die Sondierungsgespräche in Berlin hofft er, »dass das Erreichte zählt und nicht das Erzählte reicht.«

  • Sendetermine: WDR5, 20. Januar (15.05 Uhr) und 21. Januar (00.05 Uhr).

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