132.000 Fälle in NRW – Zettel hinter Scheibenwischer reicht nicht Dauerärgernis Unfallflucht

Paderborn (WB). »Der klassische Fall ist der Parkplatzrempler«, sagt Paderborns Polizeisprecher Michael Biermann. Mehrfach jeden Tag beschädigen Autofahrer in OWL die Fahrzeuge anderer und begehen Unfallflucht. In Nordrhein-Westfalen registrierte die Polizei im vergangenen Jahr mehr als 132.000 Fälle.

Von Dietmar Kemper
Nicht nur in der Weihnachtszeit sind Parkplätze voll belegt. Beim Rangieren beschädigen Autofahrer immer wieder andere Fahrzeuge und machen sich aus dem Staub. Etwa die Hälfte der Fälle können die Polizeibehörden aufklären.
Nicht nur in der Weihnachtszeit sind Parkplätze voll belegt. Beim Rangieren beschädigen Autofahrer immer wieder andere Fahrzeuge und machen sich aus dem Staub. Etwa die Hälfte der Fälle können die Polizeibehörden aufklären. Foto: imago

Im Kreis Lippe stieg die Zahl der Verkehrsunfallfluchten von 1560 im Jahr 2015 auf 1639 im vergangenen Jahr. Bis Ende Oktober 2017 wurden auch schon wieder 1391 Delikte dieser Art gezählt. Auch im Kreis Paderborn bewegt sich das Problem »auf sehr hohem Niveau«, bedauert Michael Biermann. Dort wurden ihm und seinen Kollegen 2016 insgesamt 1773 Unfallfluchten bekannt, 89 mit verletzten Personen. In diesem Jahr verzeichnete die Polizei bis Ende Oktober 1493 Verkehrsunfälle, bei denen sich die Verursacher aus dem Staub machten.

»Unfallflucht ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat«, mahnt Biermann. Geregelt ist die in Paragraf 142 des Strafgesetzbuches. Wenn sie die nötigen Feststellungen zum Unfallhergang nicht unverzüglich ermöglichen, drohen den Sündern Geldstrafen oder eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren.

Dass man nur einen Zettel mit seiner Telefonnummer hinter den Scheibenwischer des beschädigten Autos klemmen müsse und dann weiterfahren könne, ist ein verbreiteter Irrtum. Damit der Unfallhergang »durch seine Anwesenheit und durch die Angabe, dass er an dem Unfall beteiligt ist«, festgestellt werden kann, muss jemand laut Gesetz »eine nach den Umständen angemessene Zeit« warten.

An Ort und Stelle anhalten

So leitete die Gütersloher Polizei ein Verfahren gegen eine 55-jährige Frau ein, die am 1. Dezember auf einem Parkplatz in Rheda-Wiedenbrück einen VW beschädigt hatte. Gegenüber einer Zeugin behauptete sie, nichts von einem Unfall bemerkt zu haben, schrieb einen Zettel, klemmte ihn hinter die Windschutzscheibe und fuhr weiter. »Bei

Polizeisprecher Michael Biermann.

der Wartezeit können sich Personen, die einen Schaden angerichtet haben, zum Beispiel am Parkschein des Geschädigten orientieren«, rät Biermann.

Die Polizei zu benachrichtigen, ist in jedem Fall sinnvoll. Bei einem geringen Sachschaden, der nicht im fließenden Verkehr entstand, ermöglicht Absatz 4 des Paragrafen 142, dass das Gericht eine geringere Strafe verhängen kann, wenn der Unfallflüchtling sich binnen 24 Stunden freiwillig meldet. Beschädigt jemand ein am Straßenrand abgestelltes Fahrzeug, muss er übrigens an Ort und Stelle anhalten. Bis zu einem Parkplatz weiterzufahren, ist riskant. »Das Weiterfahren kann schon Fahrerflucht bedeuten«, erläutert Biermann.

Warum flüchten Fahrer? »Das Motiv Nummer 1 ist das Verdecken einer anderen Straftat«, sagte der Bielefelder Verkehrspsychologe Horst Joneleit dem WESTFALEN-BLATT. Sie hätten entweder keinen Führerschein, seien betrunken, hätten Drogen genommen oder besäßen keinen Versicherungsschutz für ihr Auto. Oft entfernten sich Anfänger mit einem Führerschein auf Probe vom Unfallort, weil sie befürchteten, ihre Fahrerlaubnis zu verlieren.

»50 Prozent der Straftaten werden aufgeklärt«

Andere wiederum begingen Unfallflucht, »weil der Beifahrer oder die Beifahrerin nicht bekannt werden soll«. Wieder andere empfänden die mit einem Blechschaden verbundenen Pflichten als »lästig« und redeten den Vorfall sich gegenüber herunter (»ist doch nur ein kleiner Kratzer«), erläutert Joneleit. Versicherungen haben die Möglichkeit, die Unfallflüchtlinge in ihren Kundenreihen zu sanktionieren. Bei besonders schweren Fällen können Haftpflichtversicherer sich nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft in Berlin von eigenen Kunden bis zu 5000 Euro zurückholen.

Denjenigen, die glauben, sie würden nicht erwischt, sollte die Statistik eine Warnung sein. Die Aufklärungsquote liege bei über 40 Prozent, bei einer Unfallflucht mit Personenschaden bei 70 bis 80 Prozent, erläutern Polizeisprecher Michael Biermann und sein Kollege im Kreis Lippe, Lars Ridderbusch.

»50 Prozent der Straftaten werden aufgeklärt, bei denen mit Personenschaden ist die Quote etwas höher, weil in die Aufklärung mehr Manpower gesteckt wird«, erklärt Ridderbusch und berichtet von einem Fall im Juli 2015. Damals überfuhr ein 27 Jahre alter Mann frühmorgens nur 100 Meter vom Polizeipräsidium in Detmold entfernt eine 66-jährige Frau und verschwand. Die Frau starb. Weil beim Aufprall das Kennzeichen des Autos abgefallen war, wurde der Mann schnell gefunden.

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