Interview mit Knigge-Trainer Martin Fryburg: Tipps für ein friedliches Fest Damit es keinen Stress gibt

Paderborn (WB). Weihnachten ist das Fest der Liebe und friedvollen Begegnungen? Von wegen! Oftmals knatscht es beim Aufeinandertreffen der Familien. Wie lässt sich das verhindern? WV-Redakteur Ingo Schmitz hat dazu Martin Fryburg befragt. Der 48-Jährige leitet die Paderborner Knigge-Akademie.

Harmonische Weihnachtsstimmung hat auch etwas mit gutem Benehmen zu tun. »Respekt, Toleranz und Wertschätzung sind die Eckpfeiler«, sagt der Paderborner Knigge-Trainer Martin Fryburg, der hier eine Akademie betreibt.                                    
Harmonische Weihnachtsstimmung hat auch etwas mit gutem Benehmen zu tun. »Respekt, Toleranz und Wertschätzung sind die Eckpfeiler«, sagt der Paderborner Knigge-Trainer Martin Fryburg, der hier eine Akademie betreibt.                                     Foto: Jörn Hannemann

Viele verbinden mit Weihnachten Stress. Warum?

Martin Fryburg: Weihnachten wird mit vielen Erwartungen überfrachtet. Wenn diese nicht erfüllt werden, dann kommt Stress und unschöne Stimmung auf. Von daher empfehle ich emotionale »Abrüstung«. Die religiöse Dimension bleibt oft aus den Blick. Daher werden andere Dinge in das Fest hingelegt wie »Jetzt haben wir uns mal alle lieb, ist doch Weihnachten.« Der vermeintliche Stress mit diesem religiösen Fest liegt darin, dass es losgelöst von der Religion begangen wird. Nach Knigge fängt gutes Benehmen da an, wo meine eigenen Bedürfnisse hintanstehen und ich anderen mit Respekt, Toleranz und Wertschätzung für ihr Handeln rund um dieses Fest begegne.

Zum Fest treffen alle Generationen aufeinander. Wo lauern die Fallstricke?

Martin Fryburg: Der Fallstrick liegt in der Inkongruenz, dem Nichtzusammenpassen der einzelnen Personen zu diesen Tagen. Unterschiedliche Lebenserfahrungen aus unterschiedlichen Zeitperspektiven treffen aufeinander. Alle sollten sich gegenseitig Wertschätzung für unterschiedliche Gewohnheiten entgegenbringen sowie Respekt vor anderen Einstellungen und Toleranz für das Verhalten des jeweils anderen zeigen. Ein religiöses Fest unreligiös begehen, das ist ein eckiger Kreis.

Wie bereiten sich neue Lebenspartner am besten auf solche Familientreffen vor?

Martin Fryburg: Die eigenen Gewohnheiten hintanstellen. Vorher Fragen stellen, wie diese Tage in der Familie begangen werden. Welche Themen sind angesagt? Wer kann mit wem und wie? Welche Kleidung ist gewünscht? Hier greift im Grundsatz die Knigge-Regel: Wer einlädt oder besucht wird, bestimmt den Ablauf, und nicht die Gäste. Auch gilt: Einladungen muss man nicht annehmen, besonders wenn man sich zu sehr verbiegt.

Gastgeschenk ja oder nein? Was ist angemessen?

Martin Fryburg: Vorher fragen, was üblich ist. Wenn Gastgeschenke, dann nichts, was man nachher von rechts nach links stellen muss und im Grunde nicht gebraucht wird. Leckere Dinge, die verzehrt werden können, keine Topfpflanzen! Lieber ein Blumenstrauß. Der ist nach einiger Zeit weg und stört nicht mehr.

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Nicht ich muss mich nur wohlfühlen, die anderen Personen sollten sich mit mir wohlfühlen.

Martin Fryburg

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Wie sollte eine korrekte Begrüßung aussehen?

Martin Fryburg: Im Idealfall wird die/der Neue vom Demjenigen vorgestellt, der eine neue Person in ein Familiensystem mitbringt. Der Vorstellende sagt zu jeden etwas und die/der Neue begrüßt dann in dieser Reihenfolge jeden Einzelnen. Wichtig: jeden anschauen und nach Möglichkeit die Namen merken.

Du oder Sie? Wie verhält es sich in einer Zeit, in der angeblich alles lockerer zugeht?

Martin Fryburg: Neu hinzukommende Personen sollten erst mal alle unbekannten Personen mit »Sie« anreden. Das »Du« wird von den anderen Familienmitgliedern angeboten oder auch nicht.

Wie steht es mit den Tischmanieren?

Martin Fryburg: Upps, das wäre jetzt ein eigenes Interview. Im Grunde sollte man sich anpassen. Tabu wäre, lautstark kundzutun, was man alles nicht mag und nicht essen würde. Ideal wäre, wenn bestimmte Dinge vorher der Person mitgeteilt werden, die das Essen gestaltet und zubereitet. Dazu gehören: Unverträglichkeiten und religiöse Gewohnheiten. Bitte nicht eine Liste abgeben, was man mag und was nicht!

Wie steht’s mit dem Alkoholkonsum?

Martin Fryburg: Aber gerne doch, so wie es in der Familie üblich ist. Tipp: Etwas weniger trinken als die anderen!

Gutes Essen ist Arbeit – auch dann, wenn alle schon satt sind. Mithelfen im Haushalt?

Martin Fryburg: Niemals aufdrängen und selbst nie zu aktiv werden, sondern freundlich fragen! Zum Beispiel: »Was darf ich helfen? Nach diesem tollen Essen tut etwas Bewegung gewiss gut.«

Mit welchen Themen können die Neuen punkten?

Martin Fryburg: Die »Neuen« sollten sich den Themen anschließen, die von der Familie angesprochen werden – aber zurückhaltend. Wenn man gefragt wird, dann kann man seine Meinung klar sagen. Aber immer so, dass die persönliche Meinung nicht für allgemein verbindlich erklärt wird. Eine schweigende Person ist immer anstrengend.

Das Treffen findet kein Ende: Wie kann man die Feier verlassen, ohne unhöflich zu sein?

Martin Fryburg: Gar nicht, es sei denn, die Person, mit der ich gekommen bin, verlässt das Fest. Bitte keine Doppeltermine! Wenn man mehrere Termine an einem Abend abarbeitet, dann ist keine Zusammenkunft wirklich wichtig. Grundsätzlich gilt für ein solches Fest: Nicht ich muss mich nur wohlfühlen, die anderen Personen sollten sich mit mir wohlfühlen.

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