Paderborner Dozentin ist Expertin für mittelalterliche Wandmalerei Detektivarbeit unter der Putzschicht

Paderborn (WB). Wenn es darum geht, mittelalterliche Wandmalereien zu untersuchen, dann ist Kompetenz aus Paderborn gefragt. Uni-Dozentin Ulrike Heinrichs (53) ist derzeit mit der Analyse der Wandbilder in der Brandenburger Domklausur betraut.

Von Manfred Stienecke
Die ehemalige Bibliothek des Domkapitels in Brandenburg an der Havel war einmal vollständig ausgemalt. Weitgehend erhalten ist die Deckenmalerei.
Die ehemalige Bibliothek des Domkapitels in Brandenburg an der Havel war einmal vollständig ausgemalt. Weitgehend erhalten ist die Deckenmalerei. Foto: Mechthild Noll-Minor

Was die Restauratoren vor zwölf Jahren in der Havel-Stadt unter einer Putzschicht entdeckt und freigelegt haben, gilt als seltenes Zeugnis der spätmittelalterlichen Kulturgeschichte. »Es handelt sich hier um ein Ensemble auf der Höhe der europäischen Renaissance«, schwärmt die Paderborner Kunsthistorikerin. Zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen wird sie jetzt die Befunde vor Ort analysieren und Fehlstellen wissenschaftlich rekonstruieren. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert ihre Arbeit über drei Jahre mit einer Summe von 227.000 Euro.

»Der gotische Raum war ursprünglich vollständig ausgemalt«, ist sich Prof. Ulrike Heinrichs sicher. »Erhalten geblieben ist aber nur die Deckenmalerei.« Die Wände seien irgendwann übertüncht worden. Dass auch sie mit bildlichen Darstellungen, Ornamenten und Schriftzügen versehen waren, habe man erst in den Jahren 2001 bis 2005 festgestellt.

Was die Restauratoren noch an Originalsubstanz retten konnten, wird nun von der Paderborner Dozentin grundlegend untersucht. Dabei geht es um die detaillierte Erfassung des Befundes, die kulturgeschichtliche Einordnung und Deutung sowie um die anschließende Dokumentation in Buchform und einer digitalen Archivierung des Bild- und Textmaterials.

Rund sechzig Prozent der ursprünglichen Waldbemalung sei unwiederbringlich zerstört, schätzt Heinrichs. Doch die erhaltenen Teile ermöglichten einen aufschlussreichen Blick auf die Ikonografie des 15. Jahrhunderts. So ließen sich in den Flügeln des Kreuzgangs Figuren ausmachen, die als Allegorien auf die damaligen Wissenschaften zu lesen seien. Gut erkennbar seien zum Beispiel Personifikationen der Theologie und der Rechtsprechung, des Theaters und der Landwirtschaft. Leider nur rudimentär erhalten seien die Darstellungen der Philosophie, der Medizin und der Handwerkskünste. »Die Figuren sind etwas unter lebensgroß«, beschreibt die Kunsthistorikerin die Befunde. »Zum Teil sind sie perspektivisch verkleinert in panoramaartige Landschaften gestellt.« Beeindruckend sei die kräftige Farbigkeit der vorgefundenen Ausmalung.

Während sich die Fehlstellen der Wandbemalung nur gedanklich rekonstruieren ließen, sehe das bei den entdeckten Inschriften aufgrund eines glücklichen Umstandes ganz anders aus, freut sich Prof. Heinrichs. Eine in der Staatsbibliothek in München aufbewahrte Handschrift aus dem 15. Jahrhundert enthalte nämlich eine exakte Beschreibung der Ausmalung in der Domklausur. Angefertigt habe sie der Mediziner Hermann Schedel, der von 1446 bis 1452 Leibarzt des Kurfürsten Friedrich II. von Brandenburg war.

»In dieser Handschrift sind die Inschriften an den Wänden der Domklausur buchstabengetreu wiedergegeben«, so die Paderborner Dozentin. »Das ist eine unglaublich wertvolle Quelle.« Da Schedel auch die Ausmalung in lateinischer Sprache genau beschrieben habe, stelle seine Schrift ein große Hilfe bei der gedanklichen Rekonstruktion der Bilder dar.

Materiell ergänzen werde man den lückenhaften Befund in der Domklausur aber nicht. Das sei aus heutiger konservatorischer Sicht völlig indiskutabel. Der Denkmalschutz folge dem Prinzip, dass alles, was man sehe, auch der Originalzustand sei. Denkbar sei höchstens der Versuch einer zeichnerischen Rekonstruktion der Fehlstellen in der wissenschaftlichen Dokumentation.

Hilfe bei ihrer Forschungsarbeit bekommt die Paderborner Professorin von ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterin Katharina Pick sowie der Expertin für Inschriftenkunde, Martina Voigt. Das Damen-Trio arbeitet eng mit der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (Hildesheim/Holzminden/Göttingen) zusammen.

Der Brandenburger Dom war bis ins späte 16. Jahrhundert hinein Bischofssitz unter anderem auch für den Mönch und späteren Reformator Martin Luther und wurde von Prämonstratensermönchen geführt. Danach war hier bis nach dem Zweiten Weltkrieg die sogenannte »Ritterakademie« untergebracht, ursprünglich eine weiterführende Schule für adlige Jungen.

Heute beherbergt der ehemalige Dom ein Museum. Der von der Paderborner Wissenschaftlerin jetzt untersuchte Bibliotheksraum ist jedoch aus konservatorischen Gründen nicht für den normalen Besucherverkehr geöffnet. Heinrichs: »Dafür ist der Bestand einfach zu empfindlich.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.