Schauspiel „Judas Ischariot“ gastiert im Kloster Dalheim
Revolution im Dalheimer Sommer

Lichtenau-Dalheim (WB). Mit dem Schauspiel „Judas“ von Walter Jens überzeugt die Premiere des Dalheimer Sommers. Im barocken Ehrenhof der Klosteranlage hatten sich 99 Besucher eingefunden. Mit gebührender Corona-Distanz platziert, folgten sie gebannt der Inszenierung des Intendanten Harald Schwaiger.

Montag, 10.08.2020, 07:13 Uhr aktualisiert: 10.08.2020, 07:16 Uhr
Intendant und Schauspieler Harald Schwaiger brilliert in der Rolle des Judas Ischariot. Foto: Rainer Maler

Gibt es einen berüchtigteren Verräter als Judas, als den Mann, der für eine Handvoll Silberlinge seinen Freund Jesus verraten hat? Ist nicht der Kuss ein Sinnbild für Zuneigung und Liebe? Judas aber küsst Jesus, um ihn den Häschern im Garten Getsemani auszuliefern.

Brauchen wir Verräter wie Judas, Spione und Agenten wie James Bond, um den Lauf der Geschichte zu gestalten, dem Bösen Einhalt zu gebieten, die Schurken zu richten oder Verantwortung auf andere zu schieben? Wäre Jesus ohne den Verrat überhaupt zum Messias geworden?

Der Schriftsteller Walter Jens (1923 – 2013) verfasste eine Rede zur Verteidigung von Judas. Walter Jens wollte die Frage nach Schuld und Sühne im Christentum anstoßen. Sein Judas kann als Mensch nicht schuldig werden, denn er durfte sich nicht frei entscheiden, alles war durch Gott vorherbestimmt. Judas musste als Verräter agieren, um Gottes Heilsplan zu erfüllen.

Ein Influencer Gottes

Judas, gespielt von Harald Schwaiger, sieht sich als göttlicher Unterstützer, ein Influencer des entstehenden Christentums. „Ich konnte Jesus nicht verraten, römische Spitzel hatten den Aufrührer längst im Visier. Ich musste Jesu die Angst vor dem Tod nehmen, bin ihm durch meinen Selbstmord vorausgegangen“, schreit Judas seinen Zorn auf Gott heraus.

Wenn das Schicksal von Jesu durch Gott vorherbestimmt war, war Judas nur ein Werkzeug Gottes. Wir Menschen wollen, dass das Gute siegt und sind fasziniert vom Bösen. Judas will diese Rolle nicht, er fühlt sich getäuscht, benutzt. Sein Bruder im Geiste, Jesus, der ängstliche, zaudernde Sohn Gottes, er mache Judas zum Bösen, um selbst durch die Wiederauferstehung über das Böse zu triumphieren. Eine schöne Geschichte, wenn das Gute am Ende siegt und Judas einen erheblichen Teil zu diesem Lauf der Welt beigetragen hat, dann plädiert Walter Jens auf unschuldig.

Mit Wucht und Sprachgewalt

Harald Schwaiger, eher aus Fernsehserien wie „Lindenstraße“ und „Rosenheim-Cops“ bekannt, zeigt über sechzig Minuten ein ganz starkes Spiel. Mit Wucht und Sprachgewalt brechen Verzweiflung und Einsamkeit des zum Erfüllungsgehilfen degradierten Opfers aus seinem Judas hervor, beeindruckend körperliches Spiel, ganz starkes Schauspiel. Wenn Jesus um den Verrat weiß, ist das Schicksal von Judas vorherbestimmt und er kann damit nicht schuldig werden. Schuldig machen sich Jesus und letztendlich Gott an Judas, den sie als Marionette im göttlichen Wirken benutzen, Judas wird ihr Opfer. Mit schaurig schönen Improvisationen über Johann Sebastian Bach untermalt Christian Drengk an der Orgel die Verzweiflung des vermeintlichen Verräters, der durch „Fake-News“ der Apostel in der Bibel als der Böse verleumdet wurde.

Revolution mit Ausrufezeichen hat Intendant Schwaiger dem Dalheimer Sommer als Motto verpasst, mit Schauspiel und Lesungen will er die Menschen aus der Komfortzone locken. Revolutionen gehören der Geschichte, wir brauchen permanente Veränderung statt Umsturz, wenn wir an Pandemien, Klimaveränderung und neue politische Eiszeiten zwischen Ost und West denken.

Schriftsteller Walter Jens hat mit seinem Judas gezeigt, dass ein Perspektivwechsel alte Denkmuster zumindest in Frage stellen kann.

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