Ausgrabungen an Alter Eisenbahn zwischen Willebadessen und Lichtenau
1521 Fundstücke lagern in Kiel

Lichtenau (WB). 1521 Funde haben Archäologen zwischen 2016 und 2018 bei den Ausgrabungen an der Alten Eisenbahn zwischen Willebadessen und Lichtenau gemacht. Sie lagern jetzt in Kiel. Auch gut zwei Jahre nach der letzten Grabung ist die Auswertung der Stücke noch in vollem Gange.

Dienstag, 09.06.2020, 11:40 Uhr aktualisiert: 09.06.2020, 12:04 Uhr
Dr. Fritz Jürgens war einer der beiden Grabungsleiter des Projektes. Bei den archäologischen Untersuchungen standen viele Orte der ­Alten Eisenbahn – hier der geflutete westliche Einschnitt – im Fokus der Forschung. Foto: Daniel Lüns

Bei der Alten Eisenbahn handelt es sich um eine unvollendete Tunnelbaustelle. Mitte des 19. Jahrhunderts sollte dort ein Tunnel entstehen, um Warburg und Paderborn mit einer Bahnlinie zu verbinden. Der Tunnelbau wurde aufgegeben, zurück blieb eine verlassene Großbaustelle. Schon bald sollen dort auch Info-Tafeln und Stahlschnitte aufgestellt werden.

An der Christian-Albrechts-Universität Kiel (CAU) betreut Dr. Fritz Jürgens die Auswertung der archäologischen Arbeit. Jürgens und Nils Wolpert (LWL) waren bei den Untersuchungen an der Alten Eisenbahn die beiden Grabungsleiter. Dass eine Nachbereitung so lange dauere, sei normal, sagt Jürgens: „Die Grabung ist eigentlich immer der kürzeste Teil. Der längste ist die Ausarbeitung. Dabei hat man jede Scherbe mindestens ein Mal in der Hand.“

Funde sind 30 Kilogramm schwer

Das meiste Material wurde in der Schmiede gefunden – zumindest vom Gewicht her. Von den ­etwa 20,5 Kilogramm schweren Proben entfielen etwa 15 Kilogramm auf Schlacke. Die meisten Stücke wurden in der Wächterhütte gefunden: 1070 Teile. „Die Hütte wurde wohl verlassen und ist irgendwann selbst zusammengebrochen“, erklärt Jürgens. Schüsseln, Gläser und Essgeschirr stellten die Forscher dort sicher.

„Das war was Feineres“, sagt der Borgentreicher. Immerhin habe dort die Verwaltung der Großbaustelle gearbeitet. Ganz anders sei die Fundlage hingegen an der Schenke gewesen. „Dort haben wir die wenigsten Teile gefunden, nämlich 120 Stück.“ Aber die Schenke habe auch nur etwa neun Monate bestanden. Sie sei auf polizeiliche Weisung (es fehlte eine Baugenehmigung) abgerissen worden. Vor diesem Abbruch sei der Ort wohl geräumt werden.

Die wenigsten Funde – nämlich gar keine – konnten bei den Unterwasser-Untersuchungen am gefluteten westlichen Einschnitt geborgen werden. „Da unten war alles zugewachsen“, sagt Jürgens. Insgesamt seien alle Funde etwa 30 Kilogramm schwer und füllten ein Dutzend Kartons.

Stücke werden in Datenbank erfasst

Alle Stücke sind nach Kiel gekommen. Nur ein Teil, ein Holz­löffel aus der Wächterhütte, ging direkt nach Münster. „Normalerweise wäre der ja schon längst im Boden verrottet“, sagt der Forscher. Um den Löffel zu erhalten, werde er in einer Klimakammer des Fundarchivs der LWL-Archäologie für Westfalen aufbewahrt.

In Kiel wurden die Funde erst gereinigt und sortiert. Seitdem läuft die langwierige Prozedur: ­Alle Teile werden in einer Datenbank erfasst. Was ist es? Woraus besteht es? Welche Merkmale hat es? Wie groß oder schwer ist es? Diese und weitere Fragen werden dabei beantwortet. Zudem werden die Funde in einem Fotolabor abgelichtet. „Wo es sich lohnte, da haben wir Teile auch zusammengefügt“, erklärt der Grabungs­leiter. So konnten kaputte Tassen oder Töpfe wieder zusammen­gesetzt werden.

Vor allem Alltags- und Arbeitsgegenstände

Gefunden haben die Forscher vor allem Alltags- und Arbeitsgegenstände. Dazu zählen neben Keramik auch Nägel, Knöpfe oder Pfeifen. Mit dem Ergebnis ist Jürgens zufrieden. Reichtümer hatte er ohnehin nicht erwartet. Schließlich hätten die etwa 600 Arbeiter den Großteil der Belegschaft ausgemacht – und die war wohl alles andere als vermögend.

Die schriftliche Auswertung hat Jürgens noch nicht abgeschlossen. Ein paar Erkenntnisse stehen aber schon fest. Etwa, dass fast alle Funde 170 Jahre alt sind, neuere Stücke wurden kaum gefunden. Oder dass die Keramik in der Wächterbude schöner war als jene, die woanders auf der Baustelle genutzt wurde.

Keine weiteren Grabungen geplant

Aufschluss könnte auch eine Schnapsflasche geben, die ein Siegel der damaligen Glaserei Urenberg aus Herbram trägt. „Wir sprachen hier ja immer von einer Zeitkapsel. Das gilt also immer noch“, sagt Jürgens. Denn nirgendwo sonst seien so viele Spuren aus der Pionierzeit der Eisenbahn erhalten geblieben. Sobald die Stücke erfasst sind und die Ausarbeitung abgeschlossen ist, werden auch die übrigen Funde im LWL-Archiv in Münster eingelagert. Der Fundus kann dann bei Ausstellungen gezeigt oder für wissenschaftliche Arbeiten genutzt werden. „Damit ist das Projekt für die CAU abgeschlossen“, sagt Jürgens. Weitere Grabungen vor Ort seien möglich, aber zumindest seitens Kiel nicht geplant. „Sie würden uns wohl keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse liefern“, erklärt der Archäologe.

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