Heimatforscher erinnern an Opfer der letzten Kriegstage in Lichtenau und Herbram
Als der Krieg ins Dorf kam

Lichtenau (WB/han). Kein Osterfest wie gewohnt werden die Menschen im Altkreis Büren wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr feiern. Vor genau 75 Jahren war es, wenn auch unter ganz anderen Umständen, ähnlich: Das Osterfest 1945 stand im Zeichen des Kriegsendes. In Lichtenau und Herbram erinnern sich die ­Heimatforscher Heinrich-Karl ­Hillebrand und Eberhard Krömeke an diese dramatische Zeit, die in den letzten Kriegstagen noch Todesopfer in der Dorfbevölkerung forderte.

Samstag, 04.04.2020, 14:00 Uhr
Auf dem Alten Friedhof in Lichtenau erinnert ein Ehrenmal an die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges, darunter auch die drei Dorfbewohner, die in den letzten Kriegstagen beim Einmarsch der Alliierten ums Leben kamen. Foto: Hillebrand

Herbram

Wie Heimatforscher Eberhard Krömeke recherchiert hat, kamen am 4. April 1945 bei der Verteidigung des Dorfes Herbram gegen die anrückenden Amerikaner vier deutsche Soldaten ums Leben. In den letzten Kriegswochen war die Front bis in die ostwestfälischen Kleinstädte und Dörfer vorgerückt. Auch Herbram sei betroffen gewesen, so Krömeke.

Die Bewohner seien durch die vielen Soldaten, die überall im Dorf Stellung bezogen hatten, stark beunruhigt gewesen. An allen Ortsausgängen hätten Panzer Position bezogen. Immer wieder seien Militärfahrzeuge der Wehrmacht durch das Dorf gefahren, es habe eine merkwürdige Eile und Hektik geherrscht.

„Warum in den letzten Tagen des Krieges der Befehl an etwa 30 deutsche Wehrmachts- und SS-Soldaten zur Verteidigung des kriegsstrategisch völlig unbedeutenden Dorfes Herbram erteilt wurde, konnte ich auch nach ausführlichen Recherchen nicht herausfinden“, gibt Krömeke zu.

Es sei denkbar gewesen, dass die Soldaten das für den Treibstoffnachschub der Wehrmacht kriegswichtige Heerestanklager in der östlichen Herbramer Gemarkung, gegenüber des Bahnhofs Neuenheerse, möglichst lange verteidigen sollten. Bereits am 28. März ist das Tanklager durch ein heftiges Bombardement der US-Luftwaffe größtenteils zerstört worden, verfügte aber immer noch über tausende Liter an Benzin und Öl.

Dorfbewohner flüchteten in die Keller

Schon am Ostermorgen (1. April) erwartete man in Herbram einen Kampf. Tigerpanzer rasselten über die Dorfstraße und gingen an allen Ortseingängen in Stellung. Zäune und Hecken wurden umgerissen und tiefe Löcher in die Straßen und Gärten gewühlt. Im Dorf herrschte höchste Anspannung. Mehrfach wurde Herbram aus Richtung Grundsteinheim beschossen. Die Dorfbewohner flüchteten in die Keller. Gottesdienst wurde an den beiden Ostertagen nicht mehr gehalten, so Krömeke. In einem Kellerraum der Bäckerei Buchholz wurde den Gläubigen die Generalabsolution erteilt.

Gegen Mittag des 4. April tauchten nördlich vom Dorf erste amerikanische Panzer auf. Sobald sie deutsche Soldaten sahen, schossen sie mit Garanten und Maschinengewehren. Fünf Häuser gerieten in Brand. Die amerikanischen Truppen rückten mit ihren Panzern vor bis an den großen Gutshof und begannen dann, Haus für Haus zu durchsuchen.

Drei deutsche Soldaten verloren in Herbram ihr Leben

Bei den nur kurzen Kampfhandlungen verloren in Herbram drei deutsche Soldaten ihr Leben, hat Eberhard Krömeke recherchiert. Auf dem Rittergut des Grafen von Westphalen starb durch einen Kopfschuss der erst 19-jährige Obergrenadier Winfried Dichtl aus Isen in Oberbayern.

Ebenfalls starben der bei Eckernförde geborene Feldwebel Heinrich Reble und der Unteroffizier Werner Heide. Die drei Soldaten wurden am folgenden Tag auf dem Herbramer Friedhof beerdigt. Bewohner des Dorfes kamen beim Einmarsch der Amerikaner nicht zu Tode.

Als im November 1945 wieder Briefe transportiert wurden, nahm Bürgermeister Josef Stute Kontakt zu den Familien der in Herbram getöteten Soldaten auf. Besonders Letizia Dichtl, die verzweifelte Mutter des Winfried Dichtl, bedankte sich und bat den Bürgermeister, ihr alles über die Todesumstände ihres Sohnes mitzuteilen.

Im Frühjahr 1946 besuchte sie das Grab ihres Sohnes auf dem Herbramer Friedhof und bat den Bürgermeister um Unterstützung bei der Überführung des Leichnams in seine Heimatgemeinde Isen in Oberbayern, was aber erst im Jahr 1948 gelang. Dazwischen lag ein reger brieflicher Austausch der Familie Dichtl mit Josef Stute.

Im vergangenen Jahr nahm Tobias von Hoermann, ein Neffe des in Herbram erschossenen Soldaten Winfried Dichtl, Kontakt zu Eberhard Krömeke auf. Er lebt in Prein am Chiemsee und hatte im Nachlass seiner verstorbenen Großmutter Letizia Dichtl die Briefe des Bürgermeisters Stute gefunden und wollte nun gern mehr über die Todesumstände seines Onkels erfahren.

Lichtenau

Der Lichtenauer Heimatforscher Heinrich-Karl Hillebrand hat sich die Erinnerungen von Gertrud Bieling berichten lassen. Die 89-Jährige, die heute in einem Seniorenheim in Werl lebt, ist gebürtige Lichtenauerin und war viele Jahre lang die Haushälterin von Pastor Karl Mause. Sie erinnert sich noch ausführlich an den Karsamstag 1945: An dem schönen Frühlingstag sei ihr Vater nach dem Abendessen auf den Nordberg gegangen, um zu erkunden, ob man von den feindlichen Truppen etwas sehen konnte. „Er kam nicht mehr lebend zurück“, sagt Gertrud Bieling: „Als die Schüsse fielen, standen meine Mutter, Änne Barkhausen und ich auf der Brücke, die über den Odenheimer Bach führt, in der Nähe des Schulhofes der Volksschule. Frau Barkhausen war bei ihrem Bruder Johannes gewesen, da SS-Soldaten ihre Pferde holen wollten. Wir waren gerade auseinander gegangen, als plötzlich geschossen wurde.“

Ein Splitter stecke heute noch in ihrer Hüfte

Änne Barkhausen sei in die Lunge getroffen worden. „Meine Mutter wurde am Schienbein und an der Ferse getroffen. Da ich schon in der Nähe unseres Hauses war, habe ich auch dort einige Splitter abbekommen“, erzählt Gertrud Bieling weiter. Einer der Splitter stecke heute noch in ihrer Hüfte.

Die Frauen seien zum Nachbarn Sommer in den Keller geflüchtet, Johannes Sommer habe Erste Hilfe geleistet und einen Arzt gerufen. Änne Barkhausen, stellte er fest, müsse dringend im Krankenhaus behandelt werden. Doch in den chaotischen Tagen des Kriegsendes sei weit und breit kein Auto aufzutreiben gewesen.

Mit Pferdefuhrwerk ins Krankenhaus nach Scherfede

Daher habe Ännes Vater, Johannes Barkhausen, seine Tochter kurzerhand auf ein Pferdefuhrwerk gepackt und ins 15 Kilometer entfernte Krankenhaus nach Scherfede gefahren. Gertrud Bieling: „Paderborn kam nicht in Frage, da die Stadt durch die Luftangriffe total zerstört war“.

Neben Gertrud Bielings Vater seien bei dem Angriff noch zwei weitere Menschen ums Leben gekommen. Die drei Toten seien am 6. April 1945 auf einem Milchwagen zum „Neuen Friedhof“ gefahren und dort beerdigt worden. „Leider konnten aufgrund der Verletzungen meine Mutter und ich an der Beerdigung nicht teilnehmen“, erinnert sich die 89-Jährige. Auf dem „Alten Friedhof“ in Lichtenau errichtete später die Gemeinde ein Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges.

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