Forscher finden in Gebiss erstmals Hinweise, dass auch Klosterfrauen Bücher illustrierten Die malende Nonne aus Dalheim

Lichtenau (WB). Nicht nur Mönche, auch Klosterfrauen arbeiteten im Mittelalter mit dem kostbaren Farbstoff Ultramarin-Blau, der aus dem Gestein Lapislazuli gewonnen wird. Forscher des Max-Planck-Instituts fanden den Farbstoff im Zahnstein einer Frau, die vor etwa 1000 Jahren im Kloster Dalheim begraben wurde.

Von Matthias Band
Von der Klosterkirche, die die religiöse Gemeinschaft von vermutlich 14 Frauen in Dalheim (Kreis Paderborn) nutzte, sind nur noch die Grundmauern zu sehen. Mindestens eine der Frauen illustrierte religiöse Manuskripte – eine Tätigkeit, die bisher nur Männern zugeschrieben wurde.
Von der Klosterkirche, die die religiöse Gemeinschaft von vermutlich 14 Frauen in Dalheim (Kreis Paderborn) nutzte, sind nur noch die Grundmauern zu sehen. Mindestens eine der Frauen illustrierte religiöse Manuskripte – eine Tätigkeit, die bisher nur Männern zugeschrieben wurde. Foto: Max-Planck-Gesellschaft

Damit hat das Forscherteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena und der Universität York in England erstmals einen Beleg dafür gefunden, dass im Mittelalter auch Frauen bebilderte Handschriften erstellten.

Der Fund legt nahe, dass sie mit der wertvollen Farbe religiöse Texte illustrierten. Denn Ultra­marin-Blau wurde im Mittelalter für Verzierungen von wertvollen Büchern verwendet, die in Klöstern abgeschrieben wurden. Die Entdeckung eines so wertvollen Pigments, das aus einer so frühen Zeit stammt, im Mund einer Frau, die in einer entlegenen Gegend lebte, stuft die Fachwelt als beispiellos ein. Denn bislang galt die Annahme, dass Frauen bei der Herstellung von Bilderhandschriften so gut wie keine Rolle spielten.

Farbstoff aus Zahnstein isoliert

Eigentlich wollten die Wissenschaftler mikroskopisch kleine Pflanzenreste untersuchen. »Dabei fielen uns winzige blaue Farbteilchen auf«, erzählt Christina Warinner. Die Forscher entwickelten eine Methode, mit der sie den Farbstoff aus dem Zahnstein isolieren konnten. In den Pigmenten ließen sich jedoch weder Kupfer, Kobalt noch Eisen nachweisen, schreiben die Wissenschaftler in der Online-Zeitschrift »Science Advances«.

Diese drei Metalle bilden die Hauptbestandteile der im Mittelalter normalerweise verwendeten blauen Farben. Die einzige Ausnahme ist Ultramarin-Blau, das mithilfe der Mikro-Raman-Spektroskopie im Zahnstein der Frau nachgewiesen wurde. Nach Angaben der Forscher war Ultramarin-Blau zuvor noch nie im Zahnstein oder in den Zähnen eines Menschen nachgewiesen worden. Aber wie war der Farbstoff dorthin gelangt?

Lapislazuli-Pigmente. Foto: Max-Planck-Gesellschaft

Ultramarin-Blau wird seit mindestens tausend Jahren in einem aufwendigen Verfahren aus Lapislazuli-Gestein hergestellt, das in Minen im Hindukusch gewonnen wird. Der Farbstoff gelangte von Afghanistan über den Landweg bis an die Levanteküste und Ägypten. Von dort aus wurde er nach Venedig verschifft, dem wichtigsten Hafen für die Wareneinfuhr nach Europa.

»In ein riesiges Handelsnetz eingebunden«

Händler lieferten ihn dann vermutlich nach Dalheim. Von seinem Ursprung legte das in der Studie analysierte Lapislazuli mehr als 6000 Kilometer bis nach Dalheim zurück. »Die Frau war also in ein riesiges Handelsnetz eingebunden«, erklärt Michael McCormick, Historiker an der Universität Harvard.

Die Überreste der Frau wurden auf einem Friedhof neben den Grundmauern der Klosterkirche ausgegraben. Sie stammen sehr wahrscheinlich von einer Nonne.

Das Gebiss. Foto: Max-Planck-Gesellschaft

Gestorben ist die Frau um 1000 bis 1200. Sie war 45 bis 60 Jahre alt. An ihrem Skelett fanden die Forscher keinerlei Spuren schwerer körperlicher Arbeit. Das passt zu besser gestellten Kreisen, aus denen in dieser Zeit auch die Mönche und Nonnen kamen. Vermutlich stammt die Frau aus der Oberschicht, die in der Regel ­Lesen und Schreiben konnte.

Die internationalen Forscher diskutierten viele Theorien, wie der Farbstoff in den Zahnstein gelangt sein könnte – eine ist am plausibelsten: Aufgrund der Verteilung des Pigments im Mund der Frau kamen sie zu dem Schluss, dass die Nonne selbst mit dem Pigment malte. Monica Tromp vom Max-Planck-Institut: »Wenn sie dabei die Pinselspitze immer wieder anleckte, kann das so aufgenommene Ultramarin-Blau leicht im Zahnstein abgelagert worden sein.«

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