Grüne stellen mit Jörn Achtelik erstmals einen Bürgermeisterkandidaten in Hövelhof
„Es gibt keine Diskussionskultur“

Hövelhof (WB). Vor nicht einmal neun Monaten hat Jörn Achtelik erstmals als neuer Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen seine erste Haushaltsrede gehalten. Bei der Kommunalwahl am 13. September tritt er als Bürgermeisterkandidat gegen Amtsinhaber Michael Berens an. WV-Redakteurin Meike Oblau hat mit ihm über die wichtigsten politischen Themen in der Sennegemeinde gesprochen.

Donnerstag, 27.08.2020, 06:03 Uhr
Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Jörn Achtelik, möchte Bürgermeister in Hövelhof werden. Foto: Christian Burkert

Was hat in der auslaufenden Legislaturperiode gut geklappt?

Achtelik: Viele neue Eindrücke im Ehrenamt bestimmten die ersten Jahre. Man lernt viele interessante Menschen kennen und wo man ansetzen muss, um etwas zu verändern. In einem tollen, grünen Fraktionsteam haben wir viele Anträge eingebracht, die teilweise, wenn auch oft verspätet, umgesetzt wurden. Ich denke wir haben die CDU oft vor uns hergetrieben. Die Jüngeren in der CDU haben letztendlich unser Klimaschutzkonzept für gut geheißen und mit uns verabschiedet.

Zur Person

Jörn Achtelik ist 32 Jahre alt und Physiker. Er ist ledig und hat keine Kinder. Seine Hobbys sind Städtereisen, Fitness und Elektronikbasteleien. Seit 2019 ist er Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Gemeinderat. Die Grünen sind hier aktuell mit vier Ratsmitgliedern vertreten. Nachdem die Grünen zwischen 2004 und 2014 nicht im Gemeinderat vertreten waren, erzielten sie bei der Wahl 2014 bis 10,6 Prozent ihr bisher bestes Ergebnis.

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Und wo hat es gehakt? Was ist schlecht gelaufen?

Achtelik: In der Opposition gegen eine absolute Mehrheit anzukämpfen, fällt nicht immer leicht. Wir wollten eine Baumschutzsatzung für Hövelhof, für die Natur, für die Menschen durchsetzen. Das hat noch nicht geklappt. Es wurden Bäume gefällt, die heute noch stehen könnten. Viele Bürger verstehen das nicht. Auch deshalb werden wir dran bleiben. Es gab leider im Rat und den Ausschüssen kaum eine Diskussionskultur. Der Anspruch der Grünen ist da weitaus höher. Es kann nur besser werden.

 

„Relativ reiche Gemeinde“

Wie beurteilen Sie die Finanzlage der Gemeinde?

Achtelik: Ich denke die Gemeinde Hövelhof ist eine relativ reiche Gemeinde. Es stehen große Gewerbeeinnahmen sowie viele Fördermittel zur Verfügung. Dieser Etat müsste auf jeden Fall mehr auf zukunftsfähige Investitionen ausgerichtet sein. In Hövelhof werden zum Beispiel neue, gemeindeeigene Kindergärten mit Flüssiggas geheizt. Das ist weder modern noch innovativ. Die Gemeinde sollte bei ihren Bauvorhaben darauf achten, weitestgehend auf moderne, klimaneutrale Heizungstechnologien, wie beispielsweise Wärmepumpen und Solarthermie, sowie allgemein auf eine Niedrigenergiebauweise setzen.

Die bisherigen gemeindeeigenen Bauprojekte, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden, werden über ihre Lebensdauer gerechnet mehr kosten als vergleichbare, klimaschonende Ansätze.

 

Was wünschen Sie sich fürs Hallenbad?

Achtelik: Ein Bad in dem Kinder sicher schwimmen lernen können ist das Minimum. Um außerhalb der Schulschwimmzeiten interessant zu sein, braucht es aber kleine Highlights, die sonst kein Schwimmbad in der Nähe hat, zum Beispiel eine Boulderwand zum Klettern über dem kalten Nass. Oder einen kleinen Außenbereich mit ein paar Liegen sowie einen Getränkeautomaten. Ein gutes Beteiligungsverfahren bringt uns sicher noch mehr Ideen und eine gute Entscheidung.

 

„Start-Ups müssen eine Chance bekommen“

Wie soll es im Gewerbepark Senne und mit der Wirtschaft vor Ort in Hövelhof im Idealfall weitergehen?

Achtelik: Hövelhof sollte sich bei der Ansiedlung von Betrieben lieber Zeit lassen und auf zukunftsfähige Geschäftsmodelle setzen. Start-ups und IT-Dienstleister müssen in Hövelhof eine Chance bekommen. Man kann mittlerweile, nicht nur wegen Corona, viel Geld von zu Hause aus verdienen. Dabei entstehen keine Emissionen für die Nachbarn. Auf Produktionsbetriebe, die hochautomatisiert kaum noch Geld in die Region bringen werden oder die nicht zukunftsfähig sind, weil sie in Hövelhof nicht expandieren können, sollte man nicht mehr setzen. Natürlich gibt es dabei auch Ausnahmen, wie zum Beispiel additive Fertigungen (3D-Druck).

Thema Schule: Am bisherigen System festhalten oder Neues angehen?

Achtelik: Welches Schulsystem in Frage kommt, ist ja von den möglichen Schülerzahlen abhängig. Daher sind wir in Hövelhof doch eingeschränkt. Dass die Schüler sich weiterhin für auswärtige Schulen entscheiden (müssen), ist schade, aber wohl nicht zu umgehen. Immerhin ist da die Auswahl sehr gut. Also eher ein Luxusproblem. Gestalten kann man aber auch in Hövelhof. Haben wir genug Grundschulen? Sind unsere Schulen gut ausgestattet? Ist es möglich auf sich ändernde Anforderungen wie in der Corona-Krise zu reagieren? Vor allem stellt sich mir aber die Frage: sind die Schüler zufrieden und erfolgreich? Wie können wir das besser machen? Müssen ältere Schüler überhaupt jeden Tag in die Schule fahren, oder kann es nicht auch Homeoffice-Ansätze für sie geben? Aus meinem Beruf weiß ich, dass Berufsschulen den Unterricht in der Corona-Krise zu Hause gut hinbekommen haben. Homeoffice für Schüler ist aber eine landespolitische Frage. Aber trotzdem ein weiteres Argument für schnelles Internet im ganzen Ort – mobil und in jedem Haushalt.

„Freier Blick aufs Jagdschloss hätte was“

Welche Bereiche müssten im Zuge eines möglichen neuen Ortskernkonzeptes noch „angepackt“ werden?

Achtelik: Von der Paderborner Straße aus einen freien Blick auf unser Jagdschloss zu haben, das hätte natürlich was. Auch einen Shared Space auf der Allee im gleichen Layout wie die Einkaufsstraße wäre nett anzusehen und praktisch. Die Eichen müssen dabei erhalten bleiben. Wir sollten mehr Bäume pflanzen, damit sich die Menschen über große, grüne Schattenspender freuen können.

„Es geht überhaupt nicht, polemisch Politik zu machen“

Was erwarten Sie im politischen Miteinander? Wie sollte es sein, was geht gar nicht?

Achtelik: Ich möchte, dass man mir mit ernsthaften Argumenten erklärt, wie Entscheidungen zustande kommen. Der Gemeinderat ist ein ernsthaftes Gremium und den Bürgern des Ortes verpflichtet. Es geht überhaupt nicht, hinterrücks vor ausgewählten Gruppen zu lügen und polemisch Politik zu machen, im Rat aber nur nett zu lächeln. Auch Beschwerden über das Miteinander im Rat habe ich oft zu hören bekommen. Leider vermute ich mittlerweile, dahinter steckt der Wunsch nach noch weniger Kritik – das können wir besser!

Was sollte in der neuen Legislaturperiode am dringendsten umgesetzt werden?

Achtelik: Heimat darf und muss modern sein. Ein öffentliches Backlog für die Verwaltung ist einfach umzusetzen und legt den Grundstein für ein neues Arbeiten in Politik und Verwaltung zusammen mit den Einwohnern Hövelhofs. Beim Backlog geht es darum, nicht nur die Dinge öffentlich zu machen, die eine Abstimmung in den Gremien erfordern, sondern alles, was passieren soll. Dazu braucht Hövelhof Prozesse für eine aktive Bürgerbeteiligung. Bürger müssen von Beginn an in Prozesse eingebunden werden. Diese müssen in einer Vorhabenliste einsehbar sein. Die Rechte und Möglichkeiten für jeden einzelnen müssen aktiv aufgezeigt werden. Das alles zu verbessern tut keinem weh und ist in der Wirtschaft beim Umgang mit Kunden oft Standard.

„Eine Stichwahl wäre unser Wunsch“

Was ist das Ziel bei der Wahl?

Achtelik: Unser Ziel ist es, mit Hilfe der anderen Oppositionsparteien die absolute Mehrheit der CDU zu brechen. Das ist realistisch und würde Hövelhof gut tun. Ein „einfach weiter so“ würde es nicht mehr geben. Kompromisse müssten geschlossen werden. Dafür steht unsere grüne Politik. Unser Wunsch ist es auch, den amtierenden Bürgermeister in einer Stichwahl zu fordern. Dies würde ihn vielleicht zum Nachdenken bringen und seine Alleingänge beenden.

Zu den wichtigsten lokalen Themen in Hövelhof haben sich im Vorfeld der Kommunalwahl auch bereits die Spitzenkandidaten der SPD sowie FDP-Bürgermeisterkandidat Benjamin Sandbothe geäußert. Das Interview mit Amtsinhaber Michael Berens (CDU) folgt in den kommenden Tagen.

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