Stillstand bei Tönnies verursacht gravierende Platzprobleme in Ställen
Zu viele und zu dicke Schweine

Hövelhof (WB). Für die Landwirte in Deutschland und vor allem in Nordrhein-Westfalen wird die Lage wegen der anhaltenden Schließung des Tönnies-Schlachtbetriebes in Rheda-Wiedenbrück immer kritischer. Nach Angaben von Hubertus Beringmeier, Präsident des Westfälisch-Lippischen Bauernverbandes und selbst Inhaber eines Schweine haltenden Betriebs in Hövelhof im Kreis Paderborn, ist inzwischen bei 150.000 Schweinen das geplante Schlachtdatum überschritten. Mit jeder Woche, in der der Betrieb bei Tönnies in Rheda ruhe, kämen weitere 70.000 Tiere hinzu.

Freitag, 03.07.2020, 07:15 Uhr aktualisiert: 03.07.2020, 07:20 Uhr
Von der Besamung bis zur Schlachtung vergehen normalerweise etwa 300 Tage. Doch wegen der Schließung des Tönnies-Schlachthofes in Rheda bleiben derzeit viele Tiere im Stall. Foto: dpa

Die Bauern, so Beringmeier, hätten einfach nicht genug Platz, um die lange bestellten und jetzt angelieferten Jungschweine einzustallen. So delegierten sie das Problem an die Ferkelzüchter, denen es natürlich ebenfalls an Platz fehle.

Von der Besamung bis zur Geburt eines Schweines vergehen nach Angaben des Bauernpräsidenten 115 Tage. Die Aufzucht beim Ferkelzüchter dauere weitere 70 Tage. Nach 120 Tagen im Mastbetrieb habe ein Schwein die Schlachtreife erreicht und müsste eigentlich geschlachtet werden.

Die Landwirte in Ostwestfalen-Lippe hälfen sich zum Teil damit, dass sie die geplanten Transporte in andere Schlachthöfe – etwa zum Tönnies-Betrieb in Weißenfels in Sachsen-Anhalt, im emsländischen Sögel oder Kellinghusen bei Hamburg – umleiteten. Doch seien die Möglichkeiten, die Schlachtzahlen dort auszuweiten, auch angesichts der Corona-Pandemie sehr eingeschränkt.

Zu den Problemen wegen des Tierschutzes komme für einige Schweinezüchter die wachsende finanzielle Belastung. Schweine, die über das geplante Schlachtdatum hinaus gefüttert werden müssen, gehen ins Geld. Gleichzeitig ist der Preis von 2,08 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht auf 1,60 Euro gesunken, wie Beringmeier erklärt. Der Grund sei, dass die Konkurrenz in den Niederlanden, Spanien und Italien wegen der Absatzprobleme im eigenen Land auf den deutschen Markt dränge. Umgekehrt sei aber der traditionelle Absatzmarkt China für Schweinefleisch aus Europa gesperrt.

„Unsere Lage wird jeden Tag kritischer“, erklärte Beringmeier am Donnerstag. Klar habe die Gesundheit der Mitarbeiter in den Schlachthöfen und allgemein der Bevölkerung Vorrang. Trotzdem dürften Entscheidungen nicht einfach auf die lange Bank geschoben werden. Beringmeier: „Es ist keine Frage, dass das schrittweise Wiederanlaufen der Schlachtbetriebe mit Auflagen verbunden sein muss.“ Diese müssten aber von den Politikern und Behörden zügig formuliert werden, damit die Betriebe sie auch umsetzen könnten. Aus Verantwortung für Mensch und Tier müssten endlich die wachsenden Platzprobleme in der heimischen Tierhaltung in den Blick genommen werden.

Vor der Pandemie sind in dem größten deutschen Schlachthof von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, der jetzt seit gut zwei Wochen geschlossen ist, täglich 20.000 bis 25.000 Schweine geschlachtet worden.

Kommentare

P. Detering  wrote: 03.07.2020 20:05
Tierwohl?
Man mag mich als lebensfremd bezeichnen aber ich bin schockiert mit welcher Abgebrühtheit Herr Beringmeier sog. Tierwohl mit knallharten betriebswirtschaftlichen Überlegungen verknüpft. Na klar, man kann nicht unbegrenzt neue, lang bestellte Tiere aufnehmen, wenn der Platz nicht vorhanden ist. Statt sich jedoch zu beschweren sollte der Herr seinen Einfluss lieber gegenüber denen geltend machen, die er vertritt und anregen, diese Massenbesamung zu reduzieren. Hier zeigt sich doch eindeutig, wie ein Interessenvertreter - statt selbstkritisch auf das eigene Handeln zu schauen und evtl. zumindest ein klein wenig auf sich ändernde Umstände zu reagieren und zu lernen - mal wieder nur mit dem Finger auf die anderen zeigt.
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