Hövelhofer Erzieherin Barbara Nolte vom VBE im Interview
Wie geht es in den Kitas weiter?

Hövelhof (WB). Geschäfte dürfen mehrheitlich wieder öffnen, Museen, Spielplätze und Tierparks ebenso. Der Schulunterricht läuft langsam wieder an. Und was ist mit den Kitas? Barbara Nolte, Leiterin des Familienzentrums an der Schatenstraße, ist Leiterin des Referats für Erzieherinnen im Verband Bildung und Erziehung (VBE) in NRW. Wie es derzeit in den Kitas läuft und was vor einer Wiedereröffnung getan werden müsste, darüber hat WV-Redakteurin Meike Oblau mit der Hövelhoferin gesprochen.

Mittwoch, 06.05.2020, 09:23 Uhr aktualisiert: 06.05.2020, 09:28 Uhr
Hier wird schon lange nicht mehr gespielt: Seit mehr als sieben Wochen sind landesweit die Kitas geschlossen. Foto: dpa

Seit mehr als sieben Wochen sind die Kitas landesweit geschlossen, es gibt lediglich eine Notbetreuung. Wie erleben Sie die Situation?

Barbara Nolte: Das ist sicherlich eine Lage, die sich noch zu Jahresbeginn niemand vorstellen konnte. Die ersten Tage in der leeren Kita waren wirklich seltsam, alle mussten sich neu sortieren. Wir möchten weiterhin für die Kinder und ihre Familien da sein. Das liegt uns sehr am Herzen.

 

Wie funktioniert das, wenn die Türen der Kitas geschlossen bleiben müssen?

Nolte: Es gibt ganz tolle Modelle, vom Videoclip von Erzieherinnen auf Youtube über Grüße nach Hause bis hin zu Basteltipps für Ostern oder Muttertagsgeschenke auf dem Postweg. Es gibt Mal- und Fotoaktionen. Es gibt aber darüber hinaus auch viele Anfragen von Eltern. Eltern, die derzeit, oft zwischen Kind und Beruf stehend, an ihre Grenzen stoßen. Hier sind wir weiterhin unterstützend und begleitend als Ansprechpartner für die Eltern da.

 

Je länger die Kita-Schließungen dauern, desto mehr werden Forderungen nach einer Wiedereröffnung laut. Wie kann das gelingen?

Nolte: Der Verband Bildung und Erziehung hat dazu einen schriftlichen Denkanstoß veröffentlicht, an dem ich mitgearbeitet habe. Vorrang bei allen Überlegungen bei der Wiederaufnahme des Kitabetriebs müssen der größtmögliche Schutz und die Erhaltung der Gesundheit aller am Kitaleben beteiligten Menschen haben. Wir müssen uns klar machen, dass wir nicht nach Corona, sondern mit Corona wiedereröffnen werden, wir müssen also lernen, mit der Krise umzugehen und entsprechende Maßnahmen zu treffen. Natürlich gibt es jetzt einen in gewisser Weise auch verständlichen Druck von vielen Seiten. Wir dürfen aber nicht zu schnell wieder öffnen. Wir brauchen Zeit und wir brauchen aus meiner Sicht auch eine Art Stufenplan. Wir können nicht einfach von heute auf morgen wieder aufschließen und dann können sofort alle Kinder wiederkommen. So wird es nicht funktionieren.

 

Wie denn dann?

Nolte: Mit möglichst klaren und ausführlichen Regelungen. Mir ist klar, dass viele Fragen und Probleme erst in der alltäglichen Praxis aufploppen werden, dennoch gibt es vieles, was aus meiner Sicht so gut wie möglich vorab geregelt werden muss. Die Kollegen vermissen die Kinder und die Familien, für diese Arbeit brennen wir. Trotzdem werden wir ‚auf Sicht‘ fahren müssen. Wir wollen keine Risiken eingehen und möglichst klare Aussagen zum Neustart treffen können.

 

Was muss konkret vorbereitet werden, bevor die Kitas wieder öffnen können?

Nolte: Die geltenden Hygienemaßnahmen müssen umgesetzt und gewährleistet sein. Wir brauchen für Räume konkrete Reinigungszyklen, wir brauchen Material wie Handschuhe und Desinfektionsmittel, auch um Spielzeug regelmäßig desinfizieren zu können. Mundschutz ist ein großes Thema. Ich schwanke da selbst noch, was die beste Lösung sein könnte. Wir machen uns Sorgen, dass es den Kindern Angst macht, wenn wir Masken tragen. Außerdem sind gerade Kinder auf unsere Mimik angewiesen, um zu verstehen, was wir sagen wollen. Kindern im Vorschulalter ist auch schwerlich zu vermitteln, dass sie 1,5 Meter Abstand von allen anderen halten sollen. Kinder brauchen und suchen Nähe, sowohl zu den Erziehern als auch zu ihren Spielkameraden. Der Personalschlüssel ist ein weiteres Thema, derzeit betreut in der Notgruppe ein Erzieher fünf Kinder, da sind unsere Kapazitäten ratzfatz überschritten. Die im Vergleich zu vorher deutlich erhöhten Hygienemaßnahmen werden zusätzlich Zeit kosten und Personal binden. Es ist auch gar nicht klar, wie viel Personal überhaupt zur Verfügung steht. Es muss eine Risikobewertung für jeden unserer Mitarbeiter geben. Die Erzieher gehören teilweise zur Risikogruppe, haben Vorerkrankungen oder vorerkrankte Partner zu Hause. Auch eine Aussage, wie wir mit vorerkrankten Kindern umgehen, zum Beispiel mit jenen, die wir Inklusionskinder nennen, fehlt derzeit noch. Das sind so viele Fragen, daran sieht man aus meiner Sicht, dass man jetzt nicht einfach freitags eine Mail schicken kann, in der dann steht: Am Montag ist wieder ganz normal geöffnet.

 

Was könnten demnach die nächsten Maßnahmen sein?

Nolte: Die Wiederaufnahme des Kitabetriebes kann nur sukzessiv nach einem zeitlich festzulegenden Stufenplan erfolgen. Als sinnvoll erachtet wird ein Start mit den Kindern, die im Sommer eingeschult werden. So steht es auch in unserem Positionspapier. Gerade für die künftigen Schulkinder wäre es wichtig, von der Kita Abschied zu nehmen, bevor sie in einen neuen Lebensabschnitt starten. Ob das alles so möglich ist, müssen wir sehen. Die Wiedereröffnung kann sicherlich nur in sehr kleinen Gruppen geschehen. Natürlich muss auch bei einer sukzessiven weiteren Öffnung die jeweilige Notgruppe in der bisher eingeführten Form erhalten bleiben. Bei allen Kindern, die zurückkehren, muss zudem sehr feinfühlig beobachtet werden, was sie in dieser Krisenzeit bewegt, was sie beschäftigt und gegebenenfalls auch, was sie in den langen Wochen zu Hause erlebt haben.

 

Was erwarten Sie also vor einer wie auch immer gearteten Kita-Wiedereröffnung vom zuständigen Ministerium?

Nolte: Klare Vorgaben zur personellen Ausstattung der Kitas für die Wiederaufnahme, zur Anzahl der Kinder, die unter Einhaltung des Abstandsgebots in einem Gruppenraum betreut werden dürfen und zur entsprechenden Anzahl des Personals. Verbindliche Regelungen zur Sicherung der Hygienestandards, eine nachvollziehbare Regelungen zur Organisation des Mittagessens und verbindliche Maßnahmen zur Einhaltung des Abstandsgebots, zum Beispiel in der Bring- oder Abholsituation, bei Bewegungsangeboten oder bei der Nutzung des Außengeländes.

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