Hövelhofer Retter haben eine mobile Sichtschutzwand angeschafft
Feuerwehr will Gaffer aussperren

Hövelhof (WB). Gaffer, die bei Unfällen oder Bränden mit dem Handy filmen oder fotografieren, werden für Feuerwehr, Rettungsdienste und die Polizei vermehrt zum Problem. Die Hövelhofer Feuerwehr hat auf diese Entwicklung nun reagiert und eine 7,2 mal 1,8 Meter große, mobile Sichtschutzwand angeschafft.

Mittwoch, 04.03.2020, 19:00 Uhr aktualisiert: 05.03.2020, 08:36 Uhr
Stopp! Der stellvertretende Leiter der Hövelhofer Feuerwehr, Michael Kesselmeier, sagt, dass Einsatzkräfte bei Unfällen immer wieder Opfer schützen müssen, die von Gaffern mit dem Handy gefilmt oder fotografiert werden. Foto: Meike Oblau

„Bisher haben wir uns im Notfall damit beholfen, Unfallorte mit Decken abzuschirmen“, sagt der stellvertretende Leiter der Wehr, Michael Kesselmeier. „Allerdings bedeutete das auch immer, dass fünf, sechs Feuerwehrleute nicht beim eigentlichen Rettungseinsatz helfen konnten, weil sie stattdessen damit beschäftigt waren, die Decken zu halten.“

Sennewehr ist auch für einen Bereich der A 33 zuständig

Die mobile Sichtschutzwand ist nun schnell aufgebaut und muss nur dann von ein bis zwei Helfern beaufsichtigt werden, wenn es sehr windig ist. „Sie ist in der Höhe variabel, man kann sie auch im Quadrat oder über Eck stellen und mit Magneten zum Beispiel auf der Autobahn an der Mittelleitplanke befestigen“, schildert Feuerwehrmann Thomas Gehle. Die Hövelhofer Feuerwehr ist auch für einen Teilbereich der A 33 zuständig. Im vergangenen Jahr war sie 18 Mal auf der Autobahn im Einsatz .

Daniel Güthoff, Thomas Gehle, Benedikt Michaelis und Tim Kesselmeier (von links) präsentieren die Sichtschutzwand.

Daniel Güthoff, Thomas Gehle, Benedikt Michaelis und Tim Kesselmeier (von links) präsentieren die Sichtschutzwand. Foto: Oblau

Besonders dort, sagt Tim Kesselmeier, seien Gaffer ein Pro­blem: „Auf der Gegenfahrbahn fahren die Autofahrer zum Beispiel dann manchmal extrem langsam, filmen das Unfallgeschehen aus dem Auto heraus und man muss immer Sorge haben, dass sie durch diese Fahrweise selbst noch weitere Unfälle verursachen, weil sie abgelenkt sind.“

Das ist aber nur eines der Pro­bleme, sagt Michael Kesselmeier: „Große Sorge bereitet uns auch, wie unsensibel manche Mitmenschen dann mit den an Unfallorten erstellten Fotos und Videos umgehen. Die werden in Whats-App-Gruppen geteilt oder bei Facebook veröffentlicht. Wir hatten schon Fälle, da haben Angehörige durch solche geposteten Fotos erfahren, dass ein Verwandter gestorben ist, noch bevor die Polizei oder ein Notfallseelsorger sie informieren konnte.“

Polizei will mit „Gafferbox“ sensibilisieren

Auch die Kreispolizei Paderborn hat sich des Problems der Schaulustigen, die bei Unfällen filmen oder fotografieren angenommen – und zwar vorbeugend. Im vergangenen Jahr wurde die so genannte „Gafferbox“ angeschafft , die zum Beispiel auf Messen oder bei Veranstaltungen an Schulen zum Einsatz kommt, um gerade auch jüngere Menschen zu sensibilisieren. In dieser Box werden sie in die Situation eines Gafferopfers versetzt.

In der Mitte der Box steht eine Säule, die mit Unfallfotos von tödlich verletzten Unfallopfern ausgestattet ist. Diese Schockfotos sind durch eine Klappe mit einem entsprechenden Warnhinweis verdeckt. Der Besucher der Gafferbox muss sich also bewusst entscheiden, ob er sich die Fotos anschaut oder nicht. So wie an einer echten Unfallstelle.

„Für die Beamten hat der eigentliche Unfall Priorität“

Bei eben diesen echten Unfällen bleibe Polizeibeamten oft wenig Zeit, sich auch noch um Gaffer zu kümmern, sagt Polizeipressesprecher Michael Biermann: „Für die Kollegen hat der eigentliche Unfall immer Priorität. Wenn es aber die Möglichkeit gibt, insbesondere Gaffer zu belangen, die durch ihr Verhalten den Verkehr gefährden, dann werden wir das auch tun.“

In Hövelhof dürfte sich die „Chance“ für Schaulustige nun dank der neuen Sichtschutzwand deutlich reduzieren. „Wir sind froh, dass wir diese Utensilien jetzt haben, aber es ist schlimm, dass wir so etwas überhaupt anschaffen müssen“, sagt der stellvertretende Wehrführer Michael Kesselmeier abschließend.

Kommentar von Meike Oblau:

Die Frage muss erlaubt sein: Wie unsensibel und sensationslüstern können Menschen eigentlich sein? Was haben sie davon, einen Schwerverletzten oder gar einen Toten zu filmen oder zu fotografieren und diese Bilder dann so schnell wie möglich herumzuschicken oder im Internet zu veröffentlichen? Können sie sich wirklich nicht vorstellen, wie sich ein Unfallopfer dabei fühlt oder was diese Fotos und Videos bei Angehörigen auslösen können?

Die Nachricht, dass ein Verwandter einen schweren Unfall hatte oder sogar tödlich verletzt wurde, ist an sich schon kaum zu ertragen. Wenn man diese Information aber ohne jegliche Vorwarnung per Whats-App oder Facebook entgegen geschleudert bekommt, ist das etwas, was so nicht hinnehmbar ist. Das Heft des Handelns gehört hier in die Hand der Polizei, die mit Hilfe geschulter Notfallseelsorger diese schlimmen Nachrichten überbringt und versucht, für die Angehörigen da zu sein oder weitere Hilfe hinzuzuziehen.

Gaffer-Fotos können Opfer oder Angehörige zusätzlich traumatisieren. Worin hier die persönliche Befriedigung der Schaulustigen liegt, bleibt rätselhaft. Konsequenzen wären wünschenswert – aber dass sich die Polizei zunächst einmal um Verletzte oder die Sicherung einer Unfallstelle kümmern muss, ist ebenso unbestritten.

Kommentare

michael schönow  wrote: 05.03.2020 09:08
diesen
Gaffern sollte man das Handy wegnehmen, alle Daten löschen und ein sehr hohe Geldstrafe, mindestens € 1.000,-- wenn nicht mehr...und 6 Monate Fahrverbot und 4 Punkte in Flensburg, und wenn durch diese Gaffer ein Unfall passiert, dann müssen die den Schaden auch bezahlen und nicht die Versicherung...bin ja gespannt, wie viele dann noch filmen.
Mathias Anderer  wrote: 04.03.2020 23:15
Als ergänzende Maßnahme könnten hochauflösende Kameras am Ort des Geschehens installiert werden, die die Umgebung während der Bergungsmaßnahmen ununterbrochen filmen. Zum einen als zusätzliche Sicherheit gegen Übergriffe, aber das Bildmaterial könnte später auch zur Strafverfolgung ausgewertet werden gegen Gaffer, die die Persönlichkeitsrechte der Unfallopfer, aber auch der Helfer verletzen. Sobald jeder weiß, dass ihm dadurch Ungemach droht, ist damit schnell Schluss.
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