Bildhauerei saniert Gedenkplatte für Rosa Böhmer im Hövelhofer Schlossgarten Aus der Schule direkt nach Auschwitz

Hövelhof (WB). Die Bauarbeiten im Hövelhofer Schlossgarten sind abgeschlossen. Im Zuge der Sanierung hat Gustav Theismann jetzt auch den Gedenkstein für Rosa Böhmer, der seit 2011 am Ehrenmal platziert ist, restaurieren lassen. In der Bildhauerei Dunschen sorgte Steinmetzmeisterin Vivien Dunschen dafür, dass die Inschrift wieder besser lesbar ist.

Von Meike Oblau
Gustav Theismann hatte sich dafür eingesetzt, dass der Gedenkstein 2011 am Ehrenmal platziert wurde. Steinmetzmeisterin Vivien Dunschen hat ihn jetzt restauriert.
Gustav Theismann hatte sich dafür eingesetzt, dass der Gedenkstein 2011 am Ehrenmal platziert wurde. Steinmetzmeisterin Vivien Dunschen hat ihn jetzt restauriert. Foto: Meike Oblau

Der Stein verweist auf ein besonderes Hövelhofer Schicksal während der NS-Diktatur. Die Mitschüler von Rosa Böhmer erinnern sich noch heute an die tragische Geschichte. »Hubert Schier, der dieselbe Klasse wie Rosa Böhmer an der Kirchschule besuchte, hat ihr ein Kapitel in seinem Buch ›Menschenschicksale zur Zeit des Nationalsozialismus in der Senneregion‹ gewidmet«, sagt Gustav Theismann.

Zusammen mit einem Arbeitskreis hatte sich Theismann dafür eingesetzt, dass eine Gedenkplatte für das Mädchen am Ehrenmal platziert wird – das geschah dann am Vorabend des Volkstrauertages 2011. Die Idee geht auf den Hövelhofer Kreistagsabgeordneten Bernd Schäfer zurück.

Familie von Fürsorge unterstützt

Rosa Böhmer stammte ursprünglich aus Gelsenkirchen-Buer, wo sie am 22. September 1933 geboren wurde. Ihre Eltern wurden der Gruppe der Sinti und Roma zugeordnet. Stefan Goch vom Institut für Stadtgeschichte schreibt in seinem Buch »Mit einer Rückkehr nach hier ist nicht mehr zu rechnen« über Rosas Mutter: »Anna Böhmer war der Stadtverwaltung sicherlich besonders ein Dorn im Auge, weil die Familie von der Fürsorge unterstützt werden musste.«

Rosas Vater Karl war Musiker und stammte aus Bochum. Das Paar hatte neun Kinder. Rosa wurde ihren Eltern weggenommen. Sie lebte eine Zeit lang im Kinderheim Damianaeum in Warburg. »Damit teilte sie das Schicksal anderer Kinder, die nach zwangsweiser Auflösung ihrer Familien in Heime eingewiesen wurden, nachdem man ihre Eltern in Zwangslager deportiert hatte«, schreibt Hubert Schier in seinem Beitrag, der erstmals 2001 in der »Warte« erschien.

1939 kam das Mädchen als Pflegekind nach Hövelhof zur Familie Johannes Hunke, weshalb sie bei Mitschülern und Nachbarn als »Hunken Rosa« bekannt war. Sie besuchte die Kirchschule am heutigen Standort des Rathauses. Das Mädchen freute sich auf die Erstkommunion in der Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk, schildert Schier in seinen Erinnerungen. Diesen Tag aber sollte die Zehnjährige nicht mehr miterleben.

Rosa muss den Tornister packen

Kurz zuvor nämlich kamen zwei Männer und eine Frau in das Klassenzimmer an der Kirchschule, in der Rosas Klasse unterrichtet wurde. »Nach einer kurzen, im Flüsterton gehaltenen Mitteilung an die Klassenlehrerin wurde Rosa gebeten, ihren Tornister zu packen«, erinnert sich Schier.

Die unbekannte Dame sei wohl eine »Volkspflegerin« der Kreisleitung Paderborn-Büren des Amtes für Volkswohlfahrt der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) gewesen. Bei den beiden Herren, die mit ihr an der Kirchschule auftauchten, soll es sich um Gestapo-Beamte aus Gelsenkirchen gehandelt haben. »Nichts Böses ahnend hatte Frau Hunke noch in den Tagen zuvor ihrer Rosa ein hübsches neues Kleid genäht, das Rosa ausgerechnet an ihrem Schicksalstag zum ersten Mal trug«, berichtet ihr Klassenkamerad Hubert Schier.

Auf Klassentreffen haben ihre alten Schulfreunde immer wieder über den Tag gesprochen, an dem Rosa Böhmer abgeholt wurde. Auch ein Schriftsatz an den damaligen Hövelhofer Bürgermeister ist in den Archiven erhalten geblieben.

Die Staatliche Kriminalpolizei Gelsenkirchen schrieb am 23. Juni 1943, der Bürgermeister möge der Familie Hunke mitteilen, »dass die Einweisung des Zigeunerkindes Rosa Böhmer in das Konzentrationslager Auschwitz und die damit verbundene Wiedervereinigung mit ihrer Mutter endgültig ist und nicht rückgängig gemacht werden kann«.

Hunkes wollen kein arisches Waisenkind

Familie Hunke habe offensichtlich mit allen Mitteln versucht, ihre Pflegetochter zurückzubekommen, so Hubert Schier. In dem Schreiben der Kripo an den Hövelhofer Bürgermeister wird der Familie Hunke empfohlen, »anstelle des Zigeunerkindes ein arisches Waisenkind in Pflege zu nehmen«. Dazu erklärten sich Johannes und Theresia Hunke aber nicht bereit.

Rosa Böhmer wurde am 13. August 1943 unter der Häftlingsnummer Z-2562 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet. Ihr Vater Karl Böhmer war bereits am 9. Dezember 1941 im KZ Niedernhagen bei Wewelsburg gestorben. Mutter Anna musste in Auschwitz miterleben, wie neben Rosa sechs weitere ihrer Kinder (Elisabeth, Marie, Sophie, Karl, Albert und Werner) ermordet wurden.

Sie selbst kam am 16. Dezember 1943 ums Leben. Anna Böhmers Totenschein ist vom berüchtigten Lagerarzt Josef Mengele unterzeichnet. Sohn Willy wurde am 10. Januar 1944 ermordet, das Todesdatum von Tochter Sonia ist nicht bekannt.

"

»Man stolpert über Gedenkplatten nicht mit den Füßen, sondern mit dem Kopf und dem Herzen.«

Gustav Theismann

"

Rosa Böhmer ist nicht das einzige Opfer der Nazis aus Hövelhof. Mit der Platte aus schwedischem Granit am Ehrenmal soll stellvertretend aller Opfer gedacht werden. Wenn man vor der Platte steht und aufblickt, schaut man aufs Rathaus, wo früher die Kirchschule stand, aus der das Mädchen abgeholt wurde.

Gustav Theismann hofft, dass nach wie vor seine Worte Gültigkeit haben, die er zur Einweihung des Steins 2011 sagte: »Man stolpert über Gedenkplatten nicht mit den Füßen, sondern mit dem Kopf und dem Herzen.« Der Stein mahne, dass solche Grausamkeiten nie wieder geschehen dürften.

In Rosa Böhmers Heimatstadt Gelsenkirchen wurden in Gedenken an alle Familienmitglieder »Stolpersteine« verlegt, elf an der Zahl. Seit Jahren wird in Gelsenkirchen zudem darüber diskutiert, eine Straße oder einen Platz nach dem Mädchen zu benennen. Umgesetzt wurde das noch nicht.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6634650?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2851066%2F