Horatec-Chef Wolfgang Thorwesten im Interview zum Thema Fachkräftemangel »Wir brauchen nicht nur Abiturienten«

Hövelhof (WB). Wolfgang Thorwesten, Geschäftsführer der Hövelhofer Firma Horatec, hat ein Problem: Mitarbeiter. Aber nicht die, die für ihn arbeiten – sondern eben genau die, die nicht für ihn arbeiten. Warum der Fachkräftemangel ihm große Sorgen bereitet und welche Gründe er dafür sieht, darüber hat Wolfgang Thorwesten mit WV-Redakteurin Meike Oblau gesprochen.

Manchmal hat Wolfgang Thorwesten von der Hövelhofer Firma Horatec Glück und findet noch Auszubildende. Pascal Stiller, hier an der vollautomatischen Plattensäge, erlernt bei Horatec den Beruf des Holzmechanikers.
Manchmal hat Wolfgang Thorwesten von der Hövelhofer Firma Horatec Glück und findet noch Auszubildende. Pascal Stiller, hier an der vollautomatischen Plattensäge, erlernt bei Horatec den Beruf des Holzmechanikers. Foto: Jörn Hannemann

Als Bürgermeister Michael Berens und Wirtschaftsförderer Thomas Westhof im vergangenen Herbst Ihr Unternehmen besuchten, haben Sie gesagt, Sie könnten auf der Stelle 20 neue Mitarbeiter einstellen, fänden aber keine. Hat sich das gebessert?

Wolfgang Thorwesten: Nein. Weder wenn wir Fachkräfte noch wenn wir Auszubildende suchen. Wir haben für Sommer 2018 drei Ausbildungsplätze angeboten, einen für die Ausbildung zum Industriekaufmann oder -frau und zwei für den Bereich Holzmechaniker. Wir haben für alle drei Stellen zusammen ganze vier Bewerbungen bekommen.

Wo liegt aus Ihrer Sicht das Problem?

Thorwesten: Offenbar stimmt die Balance zwischen dem, was der Markt braucht und dem, was die Schulen zur Verfügung stellen, nicht. Viel zu viele Schüler werden zum Abitur und Studium gedrängt, und jenen, die das nicht schaffen, mangelt es oft an wichtigen Grundkompetenzen. Da geht die Schere sehr weit auseinander. Ich habe kein Patentrezept, aber ich habe das Gefühl, dass unser Bildungssystem beziehungsweise auch die Meinung vieler Eltern, ihre Kinder müssten unbedingt Abitur machen, die Probleme für viele Firmen noch verschärft.

Wie meinen Sie das konkret?

Thorwesten: Ich kritisiere in erster Linie nicht die Schulen, sondern die Eltern. Es fängt doch in der vierten Klasse schon an, wo nicht mehr auf die Empfehlungen der Lehrer hinsichtlich der passenden weiterführenden Schule gehört wird. Natürlich wollen Eltern das beste für ihr Kind, aber das beste bedeutet eben nicht, sein Kind auf die falsche Schule zu schicken. Es kann nicht jedes Kind ein Überflieger sein. Ich bin ein klarer Verfechter des herkömmlichen Systems mit Realschule und Hauptschule, so, wie wir es in Hövelhof noch haben. Wir brauchen nicht nur Abiturienten und wir brauchen nicht nur Meister.

Soll heißen: Sie sind kein Fan von Gesamtschulen?

Thorwesten: Ich finde, gleichmachen ist nicht leistungsfördernd. Ich befürchte, dass sich in vielen dieser Schulen an den Schwächsten orientiert wird – damit wird aber gleichzeitig die Spitze aufgehalten. Parallel dazu frage ich mich, wenn ich heute Berichte über Schulentlassfeiern lese und zig Schüler mit einer Eins vor dem Komma ihr Abi gemacht haben: Sind die wirklich alle so gut oder werden sie künstlich ›gut gemacht‹? Ich kann nicht glauben, dass die Kinder heute im Schnitt so viel intelligenter sind als früher.

Wie ist Ihr Eindruck aus Bewerbungsverfahren?

Thorwesten: Vielen jungen Menschen fehlt aus meiner Sicht so etwas wie Hausverstand oder Lebenstüchtigkeit. Wenn ich sehe, dass da neulich auf unserem Messestand ein von uns engagierter Student nicht mal weiß, wie man eine Filterkaffeemaschine bedient oder wie man das Volumen einer Mülltonne in Litern berechnet, dann kommen mir Zweifel... Ebenso, wenn im Handwerk Meisterschulen Gesellen anwerben, die gerade erst ihren Gesellenbrief in der Tasche, aber noch gar keine praktische Berufserfahrung haben. In Deutschland wird am Markt vorbei ausgebildet und die Quittung bekommen wir seit einigen Jahren. Natürlich versuchen wir als Unternehmen, Anreize zu schaffen, damit Mitarbeiter zu uns kommen. Das alleine wird auf Dauer aber nicht reichen. Man muss nur schauen, wie schwierig es heute sowohl für den Privatmann als auch für Kommunen ist, Handwerker zu finden. Die Auftragslage ist gut, aber ohne ausgebildete Mitarbeiter können Firmen das irgendwann nicht mehr bewältigen.

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