Toter in Westenholz: Urteil wird am 9. Juni verkündet
Von Mord ist keine Rede mehr

Delbrück/Paderborn (WB). Ein Vorschlaghammer, ein Toter, ein gelegter Brand. Damit beschäftigt sich das Paderborner Schwurgericht seit Ende April. Mittlerweile ist klar: Der Tod eines 84-Jährigen in Westenholz im vergangenen Oktober ist kein Mord. Aber was dann? Und wie soll die Justiz mit dem Mann umgehen, der für die Tat verantwortlich ist?

Donnerstag, 04.06.2020, 14:58 Uhr aktualisiert: 04.06.2020, 15:02 Uhr
Der Angeklagte verbirgt zum Prozessauftakt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel. Foto: Ralf Meier

Es ist der fünfte Prozesstag im Schwurgerichtssaal. Die Zeugen sind alle gehört, die gerichtlich bestellten Gutachter alle bis auf einen. Der psychiatrische Sachverständige Dr. Bernd Roggenwallner aus Dortmund kleidet das Geschehen – so wie er es aus dem Gehörten im Saal und dem Studium der Akten beurteilen kann – in einen Satz von beeindruckender Klarheit: „Das ist zum Teil eine Beziehungstat, mit einem überforderten Suchtkranken, der endlich einen Platz im Leben gefunden, aber seine Leistungsfähigkeit überschätzt hat.“

Von Vorschlaghammer am Kopf getroffen

Es ist die Zusammenfassung der Geschichte, die sich im vergangenen Oktober in Westenholz abgespielt hat – und über deren Umstände sich Staatsanwaltschaft wie Verteidigung einig sind: Der angeklagte 48-Jährige gerät an jenem Tag in Rage, weil ihn sein 84-jähriger ehemaliger Pflegevater mehrfach drängt, einen Vorschlaghammer in die Küche zu bringen. Schließlich landet der Hammer auf dem Kopf des Seniors, der an der Verletzung stirbt. Nach erheblichem Alkohol- und Drogenkonsum versucht der 48-Jährige, die Leiche zu verbrennen und zündet dabei einen Teil des Hauses an.

Senior soll Pflegesohn schikaniert haben

Von Habgier als Auslöser der Tragödie ist längst nicht mehr die Rede. Einigermaßen einig sind sich Staatsanwalt Frank Stegen und Verteidigerin Stephanie Risse auch bei der Ursache für die Wut des Angeklagten: Es fällt mehrfach das Wort „schikanieren“ – der Senior sei „schwierig“ gewesen, habe viel von dem erst vor wenigen Monaten wieder eingezogenen früheren Pflegesohn verlangt. Haushalt, Arbeiten rund ums Haus, Hilfe bei der persönlichen Pflege, das seien die Aufgaben gewesen – und die hätten den Angeklagten angesichts des fordernden Wesens des 84-Jährigen zunehmend belastet und ein Spannungsfeld erzeugt, sagt der Gutachter: „Er wollte dort bleiben und helfen, aber für einen Suchtkranken ist es schwer so etwas zu leisten. Er muss in einer gewissen Not gewesen sein.“ Am Tattag sei es schließlich angesichts der Hammer-Diskussion und des bereits genossenen Alkohols – und wohl auch einer Dosis Heroin – zu einem „nachvollziehbaren Affekt“ beim Angeklagten gekommen.

Vorsatz oder Versehen?

Was genau passiert ist, da sind sich die Prozessparteien uneins . Der Staatsanwalt glaubt an einen vorsätzlichen Schlag mit dem Hammer , den Tod des Getroffenen durchaus in Kauf nehmend, und an das Legen des Feuers, um die Tat zu verdecken. Das wäre kein Mord, aber Totschlag, und besonders schwere Brandstiftung, gut für achteinhalb Jahre Haft. Die Verteidigerin hingegen hält den vom Angeklagten geschilderten Wurf des Hammers und das tödliche Ergebnis für die Wahrheit und glaubt dem 48-Jährigen, er habe seinen toten Pflegevater und sich selbst „im Fegefeuer“ verbrennen wollen. Sie beantragt „höchstens fünf Jahre“ Freiheitsstrafe wegen fahrlässiger Tötung und schwerer Brandstiftung.

„Wir haben eine Menge zu beraten“, erklärt Vorsitzender Richter Eric Schülke. Deshalb wird das Urteil erst am 9. Juni verkündet.

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