Wegen Krankheit: Postbote verliert nach 33 Jahren seinen Job »Das war für mich wie ein Schlag ins Gesicht«

Delbrück (WB). Weil Schulter und Knie kaputt sind: Nach 33 Jahren bei der Deutschen Post fürchtet sich ein ehemaliger Zusteller (51) nun vor der Armut.

Von Jan Gruhn
Dieses Schreiben erhielt Martin Brenner, der eigentlich anders heißt, nach seinem Abschied von der Deutschen Post. 33 Jahre lang war er eigenen Angaben zufolge in dem Unternehmen beschäftigt. Dann kam das krankheitsbedingte Ende.
Dieses Schreiben erhielt Martin Brenner, der eigentlich anders heißt, nach seinem Abschied von der Deutschen Post. 33 Jahre lang war er eigenen Angaben zufolge in dem Unternehmen beschäftigt. Dann kam das krankheitsbedingte Ende. Foto: Jan Gruhn

Als er sich an seinen Küchentisch setzt, sackt dieser große, breitschultrige Mann merklich zusammen. Vor ihm liegt ein Bericht vom »Stern«, darin geht es um die Gehälter von Topmanagern. Frank Appel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post AG, wird darin als Spitzenreiter ausgewiesen. Die Kategorie: Gehaltslücke zwischen Chef und normalem Mitarbeiter. »Ich habe es ausgerechnet«, sagt Martin Brenner (Name von der Redaktion geändert). »Was mir im Monat von meiner Postrente bleibt, das verdient der in zehn Minuten.«

»Eine typische Zustellerkrankheit«

Bis vor etwa zwei Jahren war Brenner eigenen Angaben zufolge als Verbundzusteller in Delbrück tätig, er lieferte Briefe und Pakete aus. Doch dann baute sein Körper ab. Arthrose im linken Knie und der rechten Schulter. »Eine typische Zustellerkrankheit«, habe man ihm in der Job-Reha gesagt. »Das hatten da alle.« Das komme vom Setzen der Postkisten und dem ewigen Ein- und Aussteigen aus dem Bulli. Besonders in der Schulter wurde es schnell schlimmer, zwei Sehnen rissen. Operation, Rehamaßnahmen – und erneut zwei Sehnenrisse. »Jetzt darf ich meinen Arm nur noch mit bis zu zehn Kilo belasten«, sagt Brenner. Sein linkes Sprunggelenk hätten die Ärzte schon vor längerem versteift, auch hier war es die Arthrose. »Aber damit habe ich noch gearbeitet. Der Krankenstand war immer so hoch. Deswegen habe ich durchgehalten.«

Doch seit April, so erklärt Brenner, sei er arbeitslos gemeldet. Von seiner Postrente blieben ihm 900 Euro im Monat. Selbst zusammen mit dem Minijob-Gehalt seiner Frau reiche das kaum aus. Das Haus ist noch nicht abbezahlt, zwei von drei Kinder studieren noch. Brenners Augen röten sich: »Ich habe Angst, dass wir unser Haus verkaufen müssen.« Und wenn es soweit käme, »dann könnte ich nicht mal Sachen nach draußen tragen«. Er fühlt sich von seinem ehemaligen Arbeitgeber ungerecht behandelt. Tausende Überstunden habe er geschoben. »Es war so viel zu tun, dass die meisten von uns schon ‘ne Stunde früher da waren.« Noch immer sagt er »Wir«, wenn er über Post spricht. Er hätte sich gewünscht, innerhalb des Konzerns auf eine andere Stelle gesetzt zu werden. Doch man habe ihm mitgeteilt, dass man nach umfänglicher Prüfung nichts gefunden habe. Über die Rentenversicherung hätte er eine Fortbildung machen können. »Doch das wollte man nicht«, sagt Brenner.

Möglichkeiten der Weiterbeschäftigung seien gesucht worden

Die Deutsche Post erklärt auf Anfrage, dass sowohl intern als auch extern nach Möglichkeiten der Weiterbeschäftigung gesucht worden sei. »Gerade bei einem Mitarbeiter, der so lange dabei war«, sagt Postsprecher Achim Gahr, sei das selbstverständlich. Aber es habe sich nichts ergeben. »Es hat intensive Gespräche gegeben«, beruft sich Gahr auf Auskünfte der zuständigen Postniederlassung Herford. Die Entscheidung sei nicht von jetzt auf gleich gekommen. Auch wenn es dem Konzern mit Blick aufs persönliche Schicksal »extrem leid« tue. Der Sprecher betont zudem, dass Betriebsrat und Sozialpartner immer beteiligt worden seien. Das bestätigt auch Brenner – wobei er sich vom Betriebsrat mehr Einsatz gewünscht hätte. Er habe sich auch mit der Gewerkschaft in Verbindung gesetzt. Doch dort hätten sie ihm wenig Chancen eingeräumt, im Großen und Ganzen sei es sauber gelaufen. Noch weiß der ehemalige Zusteller nicht, wie es jetzt weitergehen soll. Er habe Erwerbsminderungsrente beantragt. Wie viel dabei herumkommt? Brenner zuckt mit den Schultern. »Seitdem sie mich geschasst haben, bin ich ein Wrack.« Er schlafe schlecht, müsse Herztabletten nehmen. »Für mich gab es nur die Post«, sagt Brenner. »Selbst an Heiligabend habe ich in einem Jahr noch um 18.20 Uhr Einschreiben zugestellt.«

Brenner greift in einen Zeitschriftenstapel unterm Fenster, er zieht einen Papierbogen hervor. Ein Abschiedsschreiben von der Post. »Meinen Dank und meine Anerkennung für die erbrachten Leistungen« ist darin zu lesen. »Das war für mich wie ein Schlag ins Gesicht«, sagt der ehemalige Zusteller. Und sackt noch ein bisschen mehr zusammen.

Kommentare

Leider kein persönlicher...

...Einzelfall, sondern gerade sowas wie hier beschrieben, passiert sehr oft.
Da sind Menschen, die einen Beruf haben, wo man eben nicht bis zum Regeleintrittsalter Durchhalten kann.
33 Jahre war er ein treuer Mitarbeiter, und wird trotzdem abgeschoben.
Ich kann nicht wirklich glauben, dass keine alternative Arbeitsstelle da war, denn ein Unternehmen wie die Post ist ein sehr großes Unternehemen, und sollte für solche Fälle gewabnet sein.
Vieleicht ein kleiner Trost...ich werde bei meinen Renteneintrittsalter im Jahr 2035 nach wohlgemerkt fast 50 Arbeitsjahren nicht einmal die 900 Euro bekommen, was aber am Rentensystem liegt, welches lieber auf die private Altersvorsorge setzt (herausstehlen sozialer Verantwortung unseres Sozialstaates), anstatt das Umlageverfahren zugunsten von uns Arbeitnehmern zu Reformieren...letztendlich kümmert es der Politik reichlich wenig, wieviel Rente wir zum Überleben haben werden...sie hängen ja nicht wie wir im Rentensystem.

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