Upsprunges Ortsheimatpfleger Norbert Schulte hat einen alten Wirtschaftszweig erforscht
Als die Kalköfen noch rauchten

Upsprunge -

Kalköfen produzierten im 19. und 20. Jahrhundert in vielen Gemeinden des Kreises Büren aus Kalksteinen Kalk zum Düngen und zum Bauen. Sie sind aber spätestens in den 1920er Jahren untergegangen. Damit die Geschichte dieses einstigen Wirtschaftszweiges nicht verloren geht, hat sich der Upsprunger Ortsheimatpfleger Norbert Schulte (76) mit dem Thema beschäftigt. Aus der umfangreichen Recherche hat er dem WV einen Auszug zur Verfügung gestellt:

Samstag, 02.01.2021, 12:05 Uhr aktualisiert: 02.01.2021, 12:10 Uhr
Gutsbesitzer Xaver Jürgens hatte 1883 in Bosenholz eine besondere, fast zehn Meter hohe Konstruktion eines Kalkofens angelegt.

In vielen „steinreichen“ Orten des Bürener Landes und des Haarstranges setzte um 1850 der Boom des Kalkofenbaues ein. Es waren fast immer Bauern, die investierten, um dadurch Düngekalk zu gewinnen und einen Nebenverdienst beim Verkauf zu erzielen. Überwiegend auf freiem Feld auf der eigenen Parzelle, an der Hangkante eines begonnenen Steinbruchs wurde gebaut. Dadurch war es möglich, den Ofen von oben bequem mit Kalksteinen und Brennmaterial zu beschicken und unten den Kalk abzuziehen und dann in der Kalkmühle zu mahlen. Oder der Ofen wurde oben gebaut, ein Damm aufgeschüttet, damit über die Feldbahn die Lore auf die Höhe kam und in den Ofen abkippen konnte.

Aus den Akten des Landesarchivs NRW in Detmold sowie Kreisarchivs ergeben sich von 1850 bis 1886 insgesamt 44 beantragte Kalköfen, von 1888 bis 1908 waren es 20 und von 1909 bis 1921 noch elf – aber nur dort, wo geeigneter Kalkstein vorkommt und wo es Brennholz in der Umgebung gab, also nicht im nördlichen Kreisgebiet.

Täglich 200 Zentner Kalk

Seit 1880, als es nur noch 13 reine bäuerliche Kalköfen gab, setzten sich kontinuierlich brennende, als Schacht- oder Zylinderöfen (meist Doppelöfen) mit laufender Beschickung durch, die aber höhere Investitionskosten erforderten. Beispiele dafür sind der Ofen bei der Dreckburg (1846) für den Bau der Eisenbahn, der des Bauern Bachmann in Essentho (1862), der einen vier Meter hohen Ofen in Form eines Trichters hatte, der des Bauern Johann Löer in Wünnenberg (1897/zwölf Meter breit, 4,5 Meter Trichter) und des Bauern Josef Lues zu Steinhausen aus dem Jahre 1902. Gutsbesitzer Xaver Jürgens, Vielserhof bei Salzkotten, hatte 1883 in Bosenholz eine besondere, fast zehn Meter hohe Konstruktion angelegt. Auswärtige Gesellschafter betrieben seit 1920 in Niederntudorf auf dem Kappelsberg einen Ofen. Sie beschäftigten 20 Arbeiter, die täglich 200 Zentner Kalk produzierten.

Der Brennvorgang bei den älteren, periodischen Öfen, die sich aus Feldbrand-Meilern zu gemauerten vier bis sechs Meter hohen einfachen Kalköfen entwickelten, dauerte mit Vorheizen und Abkühlung vier bis fünf Tage und Nächte. Die neuen Öfen waren sieben Tage in Betrieb, außer im Winter, sonntags mit gedrosseltem Feuer. Dann sahen die Dorfbewohner tagsüber die Rauchwolke und Hitze flimmern, nachts den weithin sichtbaren Feuerschein. Als Brennmaterial diente meist Buchenholz, ehe ab 1850 mehr und mehr durch die Eisenbahn Steinkohle leichter zu beschaffen war.

Zwischendurch einen „Selbstgebrannten“

Die „Steinkühler“ tranken gegen den Staub zwischendurch einen „Selbstgebrannten“, den sie aus einem Schnapsfass zapfen konnten.

Daneben produzierten bis Mitte des 20. Jahrhunderts Ziegeleien sowohl in ihren Kammer- als auch späteren Ringöfen als Nebenprodukt des Heizens auch Kalk. Aus Bauanträgen sind die vorgesehenen Mengen bekannt. Die Ziegelei Ferlings in Scharmede etwa brannte 1896 auch 300 Scheffel Kalk. Die Ziegelei Striepen an der Gemarkungsgrenze Ahden/Upsprunge lieferte für den Bau der Upsprunger Kirche 1895/96 den Löschkalk. Im südlichen Teil des Kreises war es ähnlich, zumal man auf dem Rohprodukt lebte.

Einige Kalköfen entwickelten sich zu industriellen Kalk- und später zu Zementwerken, wie in Geseke, Erwitte und Paderborn so auch in Büren, wo nach Bau der Eisenbahnlinien ab 1899 der Kalk-, später Zementverarbeitung eine große Bedeutung zukam, bis durch den Konkurrenzkampf 1975 das letzte Werk Ewers schloss. Große Öfen konnten billiger produzieren. Dadurch wanderten Kunden ab. Das führte dazu, dass die Bauern das Brennen einstellten, weil ihre Öfen unrentabel geworden waren. Die bäuerliche Kalkofenzeit endete, es begann die industrielle Kalkerzeugung.

Aus dem Blickfeld verschwunden

Aber selbst größere Betriebe wie in Büren zogen gegen die noch größer werdenden Kalkkonzerne und -kartelle den Kürzeren. Und selbst die bekommen heute durch die Entwicklung am Bau (fertiger Flockenkalk, Kleben statt Mörtel, Zement) und der Landwirtschaft (Mineraldünger und kohlensaurer Kalk) ihre Probleme, da sich die Kalknutzung seit Jahrzehnten stark gewandelt hat. Nach der Stilllegung verfielen die bäuerlichen Kalköfen, wurden nach Jahrzehnten abgebrochen und sind aus dem Blickfeld verschwunden.

Die wenigen noch vorhandenen Kalköfen und Ruinen, wie in Steinhausen, Salzkotten, Haaren und Ebbinghausen sollten erhalten werden, damit die Kenntnis über die Existenz, Arbeitsweise und deren Bedeutung nicht ganz verloren geht, meint Norbert Schulte. Er hat neben den Kalköfen auch zur Geschichte der Ziegeleien geforscht. In den nächsten Monaten plant er seine Ergebnisse in einem Heft her-ausgeben zu wollen.

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