Vom Priester zum möglichen Ortsvorsteher: Daniel Robbert kandidiert
„Jetzt möchte ich etwas zurückgeben“

Büren (WB). „Ich wäre auch Tellerwäscher geworden“ – so titelte diese Zeitung im April 2011. Das Zitat stammt von Daniel Robbert. Sechs Wochen zuvor war der Priester aus Siddinghausen aus seinem Amt geschieden, weil er die Beziehung zu seiner heutigen Ehefrau nicht verheimlichen wollte.

Samstag, 08.08.2020, 17:42 Uhr aktualisiert: 08.08.2020, 18:00 Uhr
Daniel Robbert bewirbt sich im September für die CDU in Siddinghausen um ein Ratsmandat. Vor gut neun Jahren war er noch Priester in seiner Heimatgemeinde.

Vor neun Jahren sorgte Robbert damit für großes öffentliches Interesse. Dabei wollte er damals eigentlich nur eines: zur Ruhe kommen. Die hat der Siddinghäuser inzwischen gefunden und ist nun bereit, seinen Mitbürgern, die ihn in seiner wohl schwierigsten Lebensphase unterstützt haben, etwas zurückgeben. Deshalb kandidiert der 45-Jährige im September bei der Kommunalwahl für die CDU als Ortsvorsteher im Almedorf.

„Als ich von der CDU das erste Mal gebeten worden bin zu kandidieren, habe ich direkt abgelehnt. Ich hatte ehrenamtlich bereits so viel zu tun. Mehr ging einfach nicht“, sagt Daniel Robbert, der sich vielfältig in seinem Heimatort engagiert – in der Feuerwehr, im Musikverein und seit 2015 sogar im Kirchenvorstand. „Erst bei der zweiten Anfrage habe ich überhaupt angefangen, mir Gedanken zu machen. Dann habe ich mir unsere Hündin Emmy geschnappt, denn mit ihr diskutiere ich bei unseren Spaziergängen immer alles Wichtige. Und plötzlich hatte ich richtig Lust auf dieses Amt“, berichtet Robbert.

Ungewöhnlicher Lebensweg

Vom Priester zum möglichen Ortsvorsteher – das ist ein ungewöhnlicher Lebensweg. Wie ist Robbert diesen Weg gegangen?

„2011 war ein ganz verrücktes Jahr, das für mich wie ein Film abgelaufen ist. Ich war wie paralysiert, hatte das Gefühl neben mir zu stehen und mich selbst zu beobachten. Da war so viel Umbruch: beruflich, privat, Familie und Bekanntenkreis“, erzählt Robbert. Denn als er nach seinem Gespräch mit dem Bischof aus dem Generalvikariat getreten sei, habe er regelrecht auf der Straße gestanden. Er hatte keinen Job, und der Bischof hatte ihn aufgefordert, aus dem Pfarrhaus in Siddinghausen auszuziehen und sich möglichst weit weg eine neue Existenz aufzubauen. „Zwei Tage später saß ich auf dem Flur des Arbeitsamtes, habe mir diesen Zettel mit der Nummer angeguckt und mir gesagt: Oh mein Gott, was hast Du da gemacht?“, blickt Robbert zurück. Wenn ihn seitdem Kollegen in ähnlicher Situation um Rat gefragt haben, lautete Robberts Antwort immer: „Mach’ es nicht wie ich.“

Anfangs hatte für ihn festgestanden, das Dorf verlassen zu müssen. „Ich wollte die Gemeinde nicht spalten. Wenn ich gespürt hätte, dass sich meinetwegen zwei Parteien im Dorf bilden, wäre ich weggezogen“, erinnert sich Robbert. Doch dann passierte etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Der Zuspruch aus der Gemeinde wuchs von Tag zu Tag. „Da war ganz viel Offenheit, Freundschaft und Entgegenkommen. Und erstaunlicherweise auch von vielen Älteren“, sagt Robbert.

Viele positive Signale aus der Gemeinde

Diese positiven Signale haben ihn umdenken lassen. „Dass ein Gros der Menschen gesagt hat, wir akzeptieren dich, wir nehmen dich auf. Das hat mir unwahrscheinlich viel Ruhe und Bestätigung gegeben, so dass ich sagen konnte: Wir bleiben hier. Ich bin der Dorfgemeinschaft unglaublich dankbar, dass sie mir den Wechsel so leicht gemacht hat. Das hätte anders kommen können, gehässiger spitzer und gemeiner“, sagt der ehemalige Priester.

Trotzdem dauert es noch etwa drei Jahre bis zur Normalität. „Ich habe den Beruf ja total geliebt. Das war mein Standbein, das war meine Existenz, und das ist weggebrochen. Ich habe den Beruf gewechselt, aber innerlich war ich mit meiner Priesterweihe noch sehr verbunden. Ich musste mein Standbein neu aufbauen. Erst danach konnte ich sagen, ich bin mit mir zufrieden, ich bin mit mir im Reinen.“

Seine Frau Simone sei damals zwar letztendlich der Grund gewesen, den Priesterberuf aufzugeben, aber eine Entfremdung war bereits zuvor eingetreten. Unter dem Missbrauchsskandal, der 2010 öffentlich wurde, habe er unwahrscheinlich gelitten. Robbert: „Ich war ja kein Täter, aber ich habe mich der Kirche verbunden gefühlt, mich mit ihr identifiziert. Und ich hätte nie für möglich gehalten, dass hier so etwas hinterm Berg gehalten und verheimlicht wird. Das war für mich unglaublich traurig, und ich habe mich so geärgert. Da fand schon so ein heimlicher Abschied statt.“

Bereut habe er seinen Schritt nie. „Ich habe keinen Moment, in dem ich sagen würde, das war totaler Mist. Sicherlich würde ich manche Entscheidung aus dem heutigen Blickwinkel eines 45-jährigen anders treffen, aber bereuen tue ich es nicht. Die Begegnungen, die Erlebnisse, die ich in meinen früheren Beruf hatte, hätte mir keiner so bieten können.“

Richtig Lust auf das Amt

Zur katholischen Kirche steht Robbert auch heute noch. „Der Priesterberuf war mein Traumjob. Den kann ich nicht mehr machen. Aber ich habe ja meine Kirche nicht verloren oder mich von ihr abgewendet. Ich habe eine persönliche Entscheidung für mein Leben getroffen, die man kritisieren oder befürworten kann. Ich habe nicht mit der katholischen Kirche gebrochen, ich zweifle und hadere nicht.“

Nach seiner Laisierung, nach der er endgültig nicht wieder zurück in den Priesterberuf konnte, hat der Siddinghäuser katholisch geheiratet. „Das wollte ich auch. Ich wollte Ruhe und Stabilität in meinem Leben.“ Vor dem Standesamt hatten er und seine Frau schon 2012 Ja gesagt, seine Frau Simone hat eine Tochter mit in die Ehe gebracht.

Tellerwäscher musste der ehemalige Priester nicht werden. Robbert arbeitet in der klinischen Ethikberatung, eine Stabstelle des Katholischen Hospitalverbundes Hellweg. Zu diesem Verbund gehören Krankenhäuser in Unna, Werl und Soest sowie zwei Altenheime, eine Schule für Gesundheitsberufe und eine eigene Servicegesellschaft mit derzeit etwa 2800 Mitarbeitern. Die Kandidatur für ein Ratsmandat und den Posten des Ortsvorstehers ist für Daniel Robbert nun wieder etwas wie ein Aufbruch, ein Neuanfang. „Die Aufgabe reizt mich total. Ich bin ein super neugieriger Mensch, auf neue Themen und auf die Menschen“, sagt Robbert. Und es ist auch wieder ein Abschied, denn seine sonstige ehrenamtliche Arbeit muss im Falle seiner Wahl hinter den neuen Aufgaben zurückstehen. Sein politisches Anliegen ist, dass die Dorfgemeinschaft in Zukunft bestehen kann. Kirche,

Vereine sind Rückgrat des Ortes

Vereine und Verbände sind dabei für ihn das Rückgrat der Gemeinde. Er möchte aber auch die Mitbürger erreichen, die sich bisher nicht engagieren und erhofft sich somit einen zusätzlichen Blickwinkel auf die Dinge. Was ihm zugute komme, seien seine Erfahrungen aus der Arbeit in der Landjugend, die mit der Priesterstelle in Siddinghausen verbunden war. „Da habe ich gelernt, was Partizipation, Demokratie und Diskussionskultur bedeuten. Die Jugendverbandsarbeit ist eine gute Ausgangsbasis für politisches Ringen um Positionen“, sagt Robbert.

Doch was wäre, wenn dem ehemaligen Priester und heutigen Ehemann ermöglicht würde, wieder als katholischer Pfarrer zu arbeiten, würde er das wollen oder nicht? „Am Anfang hätte ich das sofort unterschrieben, aber jetzt wüsste ich nicht, ob ich das noch wollte. Ich bin nicht gegen den Beruf, aber ich weiß nicht, ob es für mich jetzt noch gut wäre. Ich habe mich für meine Familie und gegen die Ausübung des Berufes mit allen Konsequenzen entschieden. Die Priesterberufung verbunden mit dem Zölibat kann ein Konzept sein, das Dich wirklich trägt. Es kann dich aber auch unglücklich machen.“

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