Broschüre informiert über Stätten der Rechtsprechung im südlichen Paderborner Land
Von Herren und Hexen

Büren (WB). An den Pranger stellen – das gibt es heute noch. Im Internet. Die echten Schandpfähle wie der in Obermarsberg sind nur noch Zeugnisse der Rechtsgeschichte vergangener Jahrhunderte. Vorgestellt werden sie in der Broschüre „Streitkulturen: Herren, Hexen und Halunken im Hochstift Paderborn“. Sie ist in einer Auflage von 5000 Exemplaren erschienen und kostenlos in 13 Orten der Rechtsgeschichte im südlichen Paderborner Land sowie in den Rathäusern erhältlich.

Mittwoch, 05.08.2020, 09:58 Uhr aktualisiert: 05.08.2020, 10:00 Uhr
Vor der Kulisse der Wewelsburg, in der man in früheren Zeiten im Verlies landen konnte, präsentieren die Autoren Sarah Masiak und Frank Huismann die Broschüre über die Konfliktbewältigung in alten Zeiten. Sie entschieden sich dafür, das trockene Wort „Gerichtsstätten“ durch „Streitkulturen“ zu ersetzen. Foto: Oliver Schwabe

„Streitigkeiten und Beleidigungen, also die untere Ebene der Straftaten, wurde durch das Prangerstehen abgegolten, und es traf solche, die eine Geldbuße nicht zahlen konnten“, erläuterte der Historiker Frank Huismann am Dienstag in der Wewelsburg. Mit seiner Kollegin Sarah Masiak hat er die heimische Rechtsgeschichte kurz und knapp in 80 Seiten zusammengefasst. Das eigene Ansehen war unseren Vorfahren in der Vormoderne extrem wichtig, deshalb konnten sie Beleidigungen nur schwer aushalten. „Ehre spielte eine große Rolle, man war auch darauf bedacht, den inneren Frieden zu bewahren“, betonte Sarah Masiak.

Fanatische Hexenpolitik

Die Broschüre, das Ergebnis eines von der EU mit knapp 24.000 Euro geförderten sogenannten Leader-Projekts, informiert anhand von 13 Beispielen darüber, wie und von wem Recht gesprochen wurde und wie aus Recht aus heutiger Sicht himmelschreiendes Unrecht wurde. Ein Beispiel dafür ist die fanatische Hexenpolitik in der Burgruine Büren-Ringelstein. Die Edelherren von Büren führten in Ringelstein ein Patrimonialgericht und erwarben dadurch traurige Berühmtheit, dass sie 1630/1631 eine regelrechte Verfolgungswut gegenüber „Hexen“ entwickelten. Allein zwischen dem 17. März und 15. April 1631 wurden mehr als 50 Personen als angebliche Hexen und Hexer verurteilt. Ein anonym vorgebrachtes „böses Gerücht“ („mala fama“) reichte bereits aus, um eine Frau ins Elend zu stürzen, mit Kerker, Folter und Hinrichtung. Der „Hexenkeller“ in Ringelstein lässt die Verzweiflung der Denunzierten erahnen.

Besonderes Recht

Der Keller kann genauso besucht werden wie die anderen „Überbleibsel der Rechtsgeschichte“ (Frank Huismann) – entweder einzeln oder auf drei Rundtouren um Büren, Lichtenau oder um Marsberg und Fürstenberg herum. „Erstmals ist es gelungen, das Thema Rechtsgeschichte in der Region für die Region zu erforschen“, sagte der Vorsitzende des Fördervereins Kreismuseum Wewelsburg, Heinz Köhler. Der langjährige Kreisdirektor erinnerte bei der Gelegenheit daran, dass sich in der Region bis heute ein besonderes Recht, das Bürener Landrecht, gehalten habe. „Es lehnt geschriebenes Recht ab, das unvernünftig ist“, definierte Köhler und erwähnte nicht praktikable Vorgaben aus Düsseldorf in der Vergangenheit wie die, dass jedes Gehöft im Außenbereich an die öffentliche Kanalisation angeschlossen werden sollte.

Das Projekt, die Stätten der Rechtsprechung touristisch zu erschließen, haben neben dem Förderverein das Kreismuseum selbst, die GmbH Historisches Fürstenberg, der Verein Ring Padberg sowie die Städte Büren, Lichtenau und Marsberg vorangetrieben. Es gebe „kein vergleichbares Projekt in ganz Deutschland“, sagte Historiker Huismann.

Straftatbestand Landfriedensbruch

Er hofft, dass historisch Interessierte durch die Lektüre der Broschüre dazu animiert werden, die Ziele zu besuchen, zu denen die Burg Lichtenau und das Jesuitenkolleg in Büren genauso gehören wie die Synagoge in Padberg als Beispiel für die Rechtsgemeinschaft der Juden oder das ehemalige Augustinerkloster in Dalheim, wo die Mönche den Regeln ihres Ordens gehorchten und dem Recht der Kirche unterworfen waren. Der Prior war gleichzeitig Richter.

Der Hauptunterschied zum heutigen Rechtssystem bestehe darin, „dass das Recht nach sozialen Kriterien organisiert wurde“, erläuterte Frank Huismann. Adlige und Freie nahmen folglich wie selbstverständlich ihr „Recht“ in Anspruch, ihre Interessen mit der Waffe durchzusetzen. Gleichzeitig betrachtete es die Bevölkerung als die Aufgabe des Herrschers, für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen – so wie von den Paderborner Fürstbischöfen in der Wewelsburg als ihrer Nebenresidenz. Mit dem „Ewigen Landfrieden“ von 1495 wurde das Fehdewesen beendet, der Straftatbestand Landfriedensbruch existiert aber bis heute und droht denen, die Anti-Corona-Demos organisieren und massiv gegen Hygieneschutzauflagen und Mindestabstand verstoßen.

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