Das Buch »Briten in Westfalen« schließt Ausstellungs- und Forschungsprojekt ab
Am Anfang war die Internierung

Büren (WB). Im Civil Internment Camp No. 5 Staumühle verhungerte im Herbst 1945 der erste Gefangene, bis April 1946 stieg die Zahl der Toten auf zehn. Das britische Internierungslager bei Hövelhof belastete die Beziehungen zwischen Einheimischen und Engländern enorm. Das zeigt das Buch »Briten in Westfalen 1945-2017. Besatzer, Verbündete, Freunde?«

Donnerstag, 01.08.2019, 19:30 Uhr
Vor einem Gemälde, das Adenauer und Churchill zeigt, präsentieren Kerstin Schulte, Florian Staffel, Fred Kaspar, Andreas Neuwöhner und Ulrich Harteisen ihr Buch. Foto: Dietmar Kemper

Das Buch ist im Paderborner Ferdinand-Schöningh-Verlag erschienen und wurde im Kreismuseum Wewelsburg vorgestellt. Es fasst die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Tagung vom Februar 2017 zusammen und darf nicht mit dem Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung verwechselt werden. Bis aus Besatzern Freunde wurden, dauerte es seine Zeit. Das hing nicht zuletzt mit der Entnazifizierung und der Unterbringung von potenziellen Nazis und Kriegsverbrechern in Internierungslagern zusammen.

Bis zu 10.000 Personen im Internierungslager

»Die Internierung hatte 1945 eine enorme Bedeutung, um die Demokratie in Deutschland zu sichern«, sagte Kerstin Schulte bei der Vorstellung des Buches. Obwohl nur für maximal 6400 Personen geplant, drängten sich in Staumühle im Mai 1946 etwa 9900 Personen. Im Gegensatz zu den übrigen Internierungslagern in der britischen Besatzungszone waren in Staumühle auch Frauen untergebracht – im Mai 1946 etwa 850, darunter KZ-Aufseherinnen und BDM-Führerinnen und 172 mutmaßliche Kriegsverbrecherinnen.

»Die Lebensbedingungen in Staumühle waren die vergleichsweise schlechtesten aller britischen Internierungslager«, fand Schulte heraus. Hinter 3,5 Meter hohen Stacheldrahtzäunen habe es fast ausschließlich Steckrüben zu essen gegeben. Der Unmut der Insassen und das Unverständnis der Bevölkerung außerhalb des Lagers, das seit Juli 1945 drei Jahre lang bestand, wuchsen. Schulte zitiert den Kölner Arzt und ehemaligen SS-.Obersturmführer Erich Möllenhof, der seine Internierung als unrechtmäßige »Siegerjustiz« empfunden und sich selbst gleichzeitig von Schuld reingewaschen habe.

Die Hypothek des Zweiten Weltkriegs ist aber nur ein Thema des Bandes, der das Forschungs- und Ausstellungsprojekt der Stadt und Universität Paderborn, des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, des Vereins für Geschichte und Altertumskunde und des Arbeitskreises ostwestfälisch-lippischer Archive abschließt.

Britisches Militär achtete auf die Natur

Es geht um Reparationen, die britische Jugendpolitik, um Ehen zwischen Briten und Deutschen, den Blick britischer Intellektueller auf Westfalen und um den Umgang mit der Senne. Hier hat Ulrich Harteisen festgestellt: »Bei der militärischen Nutzung sind die Briten der Senne mit großer Verantwortung begegnet. Naturschutz und Denkmalpflege waren für sie damals schon Themen, sie hatten die Artenvielfalt im Blick.«

Der Blick auf die Beziehungen und Begegnungen auf der Straße, in der Stadt oder im Verein bilde die Klammer der Beiträge, sagte der Mitherausgeber Florian Staffel von der Universität Paderborn. Die Einflussnahme der Briten habe sich auch nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 fortgesetzt, nannte der Direktor der Paderborner Abteilung des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, An­dreas Neuwöhner, ein weiteres interessantes Ergebnis der Forschungen. Ein Mittel dazu sei der britische Rundfunksender BFBS mit Standort in Herford gewesen.

Kurorte profitierten von der Besetzung

Das Buch solle den in Teilbereichen »sehr unterschiedlichen Forschungsstand« etwas ausgleichen, erläuterte Neuwöhner. Für die unmittelbare Besatzungszeit hätten Untersuchungen vorgelegen, für die Zeit danach nicht. Übrigens profitierten die Kurorte von der Besetzung durch die Briten. »Sie wurden später mit Millionenbeträgen entschädigt und in den 60er Jahren zu modernen Kurorten«, fand Fred Kaspar heraus. Wer sich fragt, was das Fragezeichen im Untertitel des Buches bedeutet, dem würde Florian Staffel antworten, jeder Leser sei aufgefordert, sich sein eigenes Bild über die Zeit mit den Briten zu machen. Der eine habe sie als Partner und Freunde kennengelernt, der andere als Parallelgesellschaft.

Wer sich stärker für die britische Perspektive interessiert, den lädt die Leiterin des Kreismuseums, Kirsten John-Stucke, zur Vortragsreihe und dem Symposium »Demokratie und Diktatur in Deutschland aus britischer Sicht« am 14. September von 14 bis etwa 18 Uhr in der Wewelsburg ein (Anmeldung: 02955/76220). Den nächsten Vortrag wird am 19. September um 19 Uhr der Historiker Neil Gregor über »Deutsche Orchester, die ›Volksgemeinschaft‹ und die Verfolgung der Juden 1933-1945« halten. Das Buch »Briten in Westfalen« ist 432 Seiten dick, kostet 49,90 Euro und hat die ISBN 978-3-506-79250-1.

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