Uwe Gockel spricht im Interview über seine ersten 100 Tage als Bürgermeister in seiner Heimatgemeinde Borchen
„Wichtig ist ein konstruktives Ringen“

Borchen -

Uwe Gockel ist bei der Kommunalwahl 2020 als parteiloser Bürgermeisterkandidat für Borchen angetreten. Im Interview spricht er über seine ersten drei Monate im Amt.

Freitag, 05.02.2021, 02:52 Uhr aktualisiert: 05.02.2021, 03:01 Uhr
Der neue Borchener Bürgermeister spricht im Interview darüber, wie er sich im Rathaus eingelebt hat und was aus seiner Sicht die wichtigen Themen sind, um seine Heimatgemeinde noch lebenswerter zu machen. Foto: Sonja Möller

Wie viel er von seinem Wahlslogan „Borchen gemeinsam gestalten“ in den ersten knapp 100 Tagen seiner Amtszeit schon umgesetzt hat, was ihn bislang überrascht hat und wieso das neue Buch seines Lieblingsautoren bis zum Urlaub warten muss, darüber sprach er mit Redak­teurin Sonja Möller.

 Nach 33 Jahren beim Erzbistum Paderborn: Wie war ihr erster Arbeitstag auf dem neuen Posten?

Gockel: Das war natürlich schon Neuland für mich. Ich war gespannt, wie ich hier aufgenommen werde. Nach einer freundlichen Begrüßung von Frau Melcher und einer Vorstellungsrunde, bei der ich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihren Büros begrüßt habe, war das erste Eis gebrochen. Leider war es durch Corona ja nicht möglich, alle bei einem gemeinsamen Frühstück kennen zu lernen. Es war vom ersten Tag an eine willkommene, offene Atmosphäre. Ich hatte aber auch den Eindruck, dass einige meinen Vorgänger sehr geschätzt haben und das Abschiednehmen noch einige Zeit braucht. Das ist für mich nach einer elfjährigen Zusammenarbeit gut nachvollziehbar.

Wie ist ihr erster Eindruck von der Lokalpolitik?

Gockel: Ich habe ja immer gesagt, dass gerade das politische Feld für mich neu ist. Nach den bisherigen Gesprächen habe ich einen sehr guten Eindruck von der Lokalpolitik. Ich bin sehr offen aufgenommen worden und stehe insbesondere mit den Fraktionsvorsitzenden und den Ortsvorstehern, aber auch mit den Bürgermeistern im Kreisgebiet und dem Landrat regelmäßig im Kontakt. Für mich steht nicht das Parteipolitische im Vordergrund, sondern die Interessen der Borchener Bürger. In den Politikern auf kommunaler Ebene sehe ich in erster Linie Menschen, die sich einbringen und versuchen, für Borchen gute Lösungen zu finden. Bisher nehme ich auch wahr, dass die Vertreter zielorientiert um die jeweilige Sache ringen. Das finde ich sehr positiv. Ich werde ab und zu gefragt, wie lange das noch gut geht. Ich hoffe, sehr lange!

Wie viel Uwe Gockel steckt schon in der Verwaltung?

Gockel: Ich bin jemand, der mit Mitarbeitern viel und häufig kommuniziert und deren Meinungen auch hört. Die Corona-Situation macht einiges etwas schwieriger. Die Orientierungsphase der Teamentwicklung haben wir abgeschlossen. Jetzt geht es mir darum, gemeinsam Rollen zu klären und Zuständigkeiten zu schärfen. Dazu werden wir einen Organisationsentwicklungs-Workshop durchführen. An der Gestaltung werde ich die Führungskräfte beteiligen und baue auf deren Erfahrung.

Was klappt schon gut? Was könnte besser laufen?

Gockel: Das Team erlebe ich sehr motiviert und ideenreich. Insofern klappt sehr vieles sehr gut. Herausforderungen sehe ich in der Schaffung geeigneter Ins­trumente für eine bessere Bürgerbeteiligung und Mitwirkungsmöglichkeiten, sei es über das Internet und eine ansprechende Homepage, eine Dorf App, Interessenvertretungen wie eine Jugendvertretung. Dazu testen wir ganz aktuell in einer Pilotphase für den Ortsteil Etteln auch die Crossiety-App. Weitere Mitwirkungs- und Mitgestaltungsformen gilt es zu gestalten.

Wie hat sich eigentlich Ihr Tagesablauf verändert?

Gockel: Der Wecker klingelt immer noch um viertel nach sechs. Ich genieße die neue Nähe zur Dienststelle. Dadurch bleibt mehr Zeit für einen morgendlichen Kaffee mit meiner Frau Daniela, einen Blick in die Tageszeitung und einen kurzen Weg mit dem Hund. Gegen acht beginnt dann mein Arbeitstag im Rathaus. In der Regel endet dieser mit der Begrüßung unserer Raumpflegerin etwa 18 bis 19 Uhr. Bürgermeister sein, das sehe ich nicht nur als Job, sondern eher als Berufung. Mir macht die Tätigkeit total Spaß. Da bin ich auch am Wochenende ansprechbar.  

Wie ist es eigentlich, während Corona als Bürgermeister zu starten?

Gockel: Ich hoffe nicht, den Namen „der Corona-Bürgermeister“ verpasst zu bekommen. Natürlich fiel es mir schwer, auf die persönlichen Gratulationen zu verzichten und diese nur schriftlich überbringen zu können. Aber zum Einarbeiten blieb mir so natürlich mehr Zeit. Vieles wird aktuell digital durchgeführt. Auch da fehlen die persönlichen Kontakte, die Zwischengespräche. Der informelle Austausch in der Kaffeepause, der oft sehr wichtig ist. Der Umgang mit Corona erfordert ständig neue Regelungen und Maßnahmen. Hier die richtigen Schritte zu gehen, Informationen im erforderlichen und angemessenen Umgang an die Bürgerschaft zu geben und Entscheidungen verantwortlich zu treffen, ist für das gesamte Team und für mich als Bürgermeister in der Startphase schon herausfordernd.

Was macht Ihnen besonders viel Spaß?

Gockel: Die Teamarbeit. Ich arbeite absolut gerne mit meinem Team zusammen. Es macht mir Freude, Themen und Projekte einzubringen und diese auch weiterführen zu können. Da merke ich, dass das gesamte Team gut mitzieht und auch Rückmeldung gibt, wenn es zu viel wird. Mir macht auch die Zusammenarbeit mit den Fraktionen viel Freude. Gemeinsam an Themen zu arbeiten, die aus meiner Sicht für die Bürgerinnen und Bürger hier sehr wichtig sind. 

Welche Themen sind das?

Gockel: Die Digitalisierung der Schulen steht an. Hier wäre ich gerne schon weiter. Die Schwierigkeit ist, dass wir das Tempo nicht alleine bestimmen können. Ich hätte gerne schon seit langem die digitale Ausstattung für die Lehrkräfte und die Schüler, die wir vor Monaten bestellt haben. Der ÖPNV muss günstiger werden. Auch da sind wir von anderen abhängig und in konstruktiven Gesprächen mit dem nph. Was wir tun können, versuchen wir. Die Infrastruktur für den Straßen-, Rad- und Fußverkehr muss verbessert werden. Dafür werden wir ein Nahmobilitätskonzept erarbeiten. Gefahrenstellen wollen wir kurzfristig beseitigen. Beispielsweise fehlen an den Kreisverkehren Fußgängerüberwege. Die Sanierung und der Ausbau der L755 als zentrale Verkehrsader wird im Jahr 2021 beginnen und muss bis dahin in Kooperation mit dem Landesstraßenbauamt gut geplant werden. Die vielen Gefahrenstellen an der L755 müssen wir bei der Neugestaltung beheben und auch dem Rad- und Fußverkehr mehr Raum geben. Ich glaube, dass wir gute Lösungen und auch Kompromisse finden können. Bei diesem Thema ist mir auch eine gute Bürgerbeteiligung bis hin zu einer Bürgerversammlung sehr wichtig. Im Bereich Familie sind wir dabei, eine Übergangslösung für die Familien in Etteln zu finden, deren Kinder zum neuen Kindergartenjahr mangels Kapazitäten bisher keinen Kita-Platz in Etteln bekommen konnten. Mit der Fertigstellung des Ausbaus der Kita und der Erweiterung um eineinhalb Gruppen rechne ich erst zum Sommer 2022. Die Aufrechterhaltung der Förderung im Bereich der offenen Kinder- und Jugendarbeit und damit die Sicherstellung des bestehenden Angebotes ist für Borchen ein wichtiges Thema.

Hat Sie eigentlich auch irgendwas überrascht?

Gockel: Kleinigkeiten wie die Besetzung der Ausschüsse. Da war es am Anfang doch schwieriger als gedacht, alle auf eine Linie zu bekommen, sodass es einer zweiten Sitzung bedurfte. Absolut überrascht hat mich, dass das Gewerbegebiet, dass wir in Zukunft ausbauen wollen, im Regionalplan als interkommunales Gewerbegebiet ausgewiesen ist. Da fehlen mir noch grundlegende Informationen zum Beispiel zur Organisationsform für die Erschließung und Bewirtschaftung. Da werden wir mit der Bezirksregierung sprechen, um dieses Informationsdefizit zu schließen und zur Planung Stellung zu beziehen.

Was ist Ihnen besonders wichtig?

Gockel: Mir ist wichtig, dass wir als Verwaltung sehr serviceorientiert und bürgerfreundlich sind. Das will ich für die Vergangenheit gar nicht in Abrede stellen, aber mir ist das auch für die Zukunft äußerst wichtig. Und ich möchte das Ehrenamt, die vielen Initiativen und Vereine sowie die Feuerwehr gut unterstützen. Ausbauen würde ich gerne meinen Kontakt zu den Unternehmen. Der kam bisher in der Corona-Krise zu kurz.

Gab es eigentlich Reaktionen von Bürgern?

Gockel: Es gab tatsächlich Rückmeldungen zur Atmosphäre im Rat und zum Umgang miteinander. Die waren durchweg sehr positiv.

Was stimmt Sie zuversichtlich?

Gockel: Ich habe die Hoffnung, dass es ab Mitte des Jahres etwas normalere Zeiten gibt, auch wenn die Corona-Krise noch nicht ganz überwunden sein wird. Das wird dazu führen, dass ich mehr Kontakte wahrnehmen kann, dass mehr Veranstaltungen stattfinden. Das tut Borchen insgesamt gut. Positiv stimmt mich die fraktionsübergreifende Zusammenarbeit im Rat. Ich glaube, dass wir so – im Miteinander – auch große Projekte angehen können. Ich sehe keinen Grund, warum es in eine andere Richtung gehen soll. Es wird auch Themen geben, bei denen es unterschiedliche Auffassungen gibt. Gerade diese Meinungsvielfalt bringt uns weiter. Wichtig ist ein konstruktives Ringen um die Sache, und dass man sich hinterher noch in die Augen gucken kann. Man hat in der Vergangenheit viel Energie verbraucht, um sich gegenseitig anzugreifen. Ich möchte die Energie lieber auf die Sache konzentrieren. Ich glaube, dass meine Position als unabhängiger Bürgermeister hier positiv wirkt.

Ihr Lieblingsautor Andreas Gruber hat ein neues Buch veröffentlicht. Schon gelesen?

Gockel: Ich glaube, es wird wohl eine Urlaubslektüre werden. Hin und wieder versuche ich, in ein Buch zu blicken, aber ich ertappe mich dabei, dass ich nicht bei der Sache bin. Wirklich abzuschalten ist wichtig, aber im Moment fällt mir das noch etwas schwer. 

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