Angeklagte soll nicht vernehmungsfähig gewesen sein / Zeuge reist umsonst an
Mordprozess: Verteidigung überrascht Gericht

Borchen (WB). Eigentlich sollte am Mittwoch ein Anästhesist aus Nürnberg im Prozess um den Mord an einer 76-jährigen Frau aus Borchen aussagen. Doch dazu kam es nicht: Die Verteidigung änderte kurzfristig ihre Strategie und widerrief die Entbindung der Schweigepflicht. Der Mediziner war vom Landgericht geladen worden, um über den Gesundheitszustand der Angeklagten zu berichten. Diese war nach dem Unfall und ihrem mutmaßlichen Suizidversuch auf der A3 in einem Nürnberger Krankenhaus behandelt ­worden.

Donnerstag, 05.11.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 05.11.2020, 17:12 Uhr
Symbolbild. Foto: Jörn Hannemann

Als der Anästhesist am Mittwochmorgen um 10 Uhr nach einer rund 400 Kilometer langen Anreise als erster Zeuge des Tages in die Schwurgerichtskammer eintrat, meldete sich die Verteidigung zu Wort – und verblüffte damit nicht nur Richter Eric Schülke. „Kurzfristig hat unsere Mandantin entschieden, die Entbindung der Schweigepflicht zu widerrufen“, erklärte er. Der Versuch, das Gericht noch zu erreichen und damit die Vorladung des Nürnberger Anästhesisten rückgängig zu machen, sei fehlgeschlagen. Davon zeigten sich sowohl Richter Schülke als auch der weit gereiste Zeuge wenig begeistert.

Damit der Arzt nicht gänzlich umsonst nach Paderborn gekommen war, ließ sich das Gericht allgemeine Informationen zu Schmerzmitteln und deren Nebenwirkungen erläutern, ohne auf den gesundheitlichen Zustand der 47-jährigen Angeklagten einzugehen. Das Vorgehen der Verteidigung wurde im weiteren Verlauf der Verhandlung umso deutlicher: Sie bezweifelt, dass die Mandantin kurz nach dem mutmaßlichen Suizidversuch auf der Autobahn vernehmungsfähig gewesen sei.

Polizisten hielten Angeklagte für vernehmungsfähig

Zwei Polizisten, die Ende September vergangenen Jahres nach Nürnberg gefahren waren, um die Beschuldigte zu vernehmen, schilderten allerdings andere Eindrücke. „Wir haben uns die Vernehmungsfähigkeit von ärztlicher Seite aus versichern lassen. Zudem wirkte die Angeklagte orientiert und konnte dem Gespräch folgen“, hieß es vor Gericht.

Die Angeklagte soll in der Vernehmung ausgesagt haben, dass ihr damaliger Ehemann seine Schwiegermutter umgebracht und bei der Fahrt auf der Autobahn den Unfall durch einen Griff ins Lenkrad verursacht habe . Bei dem Mord habe er einen Overall getragen und die 76-Jährige mit einer Nachttischlampe geschlagen. Zudem habe er die Angeklagte gezwungen, sich mit einem Kissen auf das Gesicht der Mutter zu setzen, um sie zu ersticken. Als Motiv ihres Ex-Mannes gab sie an, dass dieser „gereizt und genervt“ von der Seniorin gewesen sei, die mit im Haus wohnte.

Die beiden Polizisten hatten das Gespräch damals aufgezeichnet. Die Frau habe einen geordneten Eindruck hinterlassen. Ein Sachverständiger stützte diese Einschätzung. „Die Kernaussagen der Vernehmung widersprechen sich nicht.“ Es gebe keinen Grund anzunehmen, dass die Angeklagte aufgrund von Nebenwirkungen oder ihrer erlittenen Verletzungen in ihrer Aussagefähigkeit eingeschränkt gewesen sei. Davon zeigte sich die Verteidigung wenig beeindruckt. Sie widersprach der Verwertbarkeit der Vernehmungsinhalte in Nürnberg, da ihre Mandantin aus ihrer Sicht nicht vernehmungsfähig gewesen sei.

Wenig Licht ins Dunkel brachten die Aussagen des Bruders der Angeklagten und seiner Frau. Sie riefen damals im Nürnberger Krankenhaus an und sprachen mit der Beschuldigten. „Ich hatte den Eindruck, dass meine Schwester etwas gelallt hat. Man konnte sie verstehen, aber es war nicht leicht”, schilderte der Bruder. Seine Frau bestätigte diesen Eindruck.

Der Mordprozess wird in der kommenden Woche am Dienstag, 10. November, und am Freitag, 13. November, fortgesetzt. Unter anderem soll ein Zeuge des Unfalls auf der A3 aussagen. Zuletzt sagte der Ex-Mann der Angeklagten umfangreich als Zeuge aus.

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