Wie Covid-19 einen 34-Jährigen fast das Leben gekostet hätte – Reha in Bad Lippspringe
Zwei Wochen als Corona-Patient im Koma

Bad Lippspringe/Münster (WB). Ein diffuses Gefühl von Schwäche, leichtes Kopfweh, so fängt es an, an einem Freitagabend im Mai. Corona? Unwahrscheinlich, denkt Florian Janssen da. Schließlich hatte er Treffen mit Freunden in den Wochen zuvor abgesagt, und an seinem Arbeitsplatz, einem Lebensmitteldiscounter, hatte der stellvertretende Filialleiter eine Maske getragen, wie die allermeisten Kunden. Was sollte das Virus ihm denn auch anhaben, einem sportlichen 34-Jährigen?

Freitag, 07.08.2020, 12:53 Uhr aktualisiert: 07.08.2020, 18:26 Uhr
Als Florian Janssen wieder allein atmen kann, bittet er eine Schwester, ein Foto von ihm im Intensivbett zu machen. Darauf hebt er schwach den Daumen. Dann schickt er das Bild seinen Eltern. „Als Zeichen, dass ich es geschafft habe.“ Wie mühsam die Reha noch werden wird, ahnt er damals noch nicht. Heute ist er froh, wieder so gut wie fit zu sein.

Sechs Wochen später lernt Florian Janssen langsam wieder laufen, freut sich über 250 Meter im Sechs-Minuten-Test. 250 Meter ohne Rollator – das ist schon ziemlich viel für jemanden, der vier Wochen zuvor noch auf der Intensivstation lag und nicht mal allein atmen konnte. Es ist aber auch ziemlich wenig für jemanden, der vollkommen gesund war, drei- bis viermal in der Woche laufen ging und sich gerade auf einen Halbmarathon vorbereitete.

„Dass es mich so aus dem Leben haut, das hätte ich nicht gedacht“, sagt Florian Janssen. Der Münsteraner ist ein Beispiel für gleich zwei Entwicklungen, die Ärzte beobachten: dass der Anteil jüngerer Erwachsener an den schweren Covid-19-Verläufen höher ist als anfangs vermutet – und dass viele oft noch Wochen nach einer Infektion an Beschwerden leiden.

Ansteckung durch Kunden?

Florian Janssen hat sich wohl durch Kunden im Supermarkt angesteckt – jedenfalls ist das seine Vermutung, da auch ein Arbeitskollege zeitgleich erkrankte. Ein erster Test, drei Tage nach den ersten Symptomen, fällt bei ihm noch negativ aus. Der 34-Jährige fühlt sich allerdings weiter schwach, hat nun auch leichtes Fieber. Als er sich nach acht Tagen noch schlechter fühlt, ruft er den Krankenwagen, der ihn ins Clemens- Hospital in Münster bringt.

Dort beginnt am 30. Mai der Kampf um sein Leben. Erinnern kann sich Florian Janssen an das, was folgte, nicht mehr: „Mit dem Moment, als ich ins Krankenhaus kam, setzt mein Gedächtnis aus.“ Als wolle es ihn schützen vor dem Gefühl, allmählich keine Luft mehr zu bekommen.

Die Unterlagen des Krankenhauses jedenfalls berichten davon, wie Florian Janssens Zustand immer kritischer wird. Bereits am Tag nach der Einlieferung wird er ins künstliche Koma gelegt und künstlich beatmet. Die Liste der Medikamente, die er nun erhält, liest sich wie eine Sammlung all der Mittel, die in den vergangenen Wochen Schlagzeilen produzierten. „Ich habe keine Prozentzahl von den Ärzten bekommen“, sagt Janssen. „Aber wenn das Krankenhaus meine Familie anruft und sagt, sie sollte vorsichtshalber noch mal vorbeikommen, dann ist das wohl deutlich.“ Am 5. Juni wird er an die künstliche Lunge angeschlossen.

Nur ein Besucher am Tag

Sein Blut wird nun aus seinem Körper herausgeleitet, mit Sauerstoff angereichert und dann wieder zurückgeführt. Seine Brüder und die Eltern hängen eine Collage mit Familienbildern auf. Er soll sie sehen, wenn er aufwacht. Besuchen darf ihn immer nur einer allein. Für eine Stunde am Tag.

Mit diesem Verlauf ist Janssen noch immer ein untypischer Patient. Als britische Forscher anhand der Daten von 17 Millionen Menschen die wichtigsten Risikofaktoren ermittelten, stießen sie auf höheres Alter, Armut, Vorerkrankungen wie Diabetes, Asthma und Bluthochdruck, starkes Übergewicht. Janssen weist von allen Faktoren nur einen einzigen auf: Er ist ein Mann. Jüngere sterben auch nach wie vor deutlich seltener an Covid-19. Auf der anderen Seite ist zuletzt in den USA der Anteil jüngerer Corona-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, deutlich gestiegen. Jugend allein schützt vor schweren Verläufen nicht, so das Fazit von Forschern im „Journal of Adolescent Health”.

Hände zittern wie bei einem alten Mann

Warum Florian Janssen so schwer an Covid-19 erkrankt ist, können die Ärzte nicht sagen. Genauso wenig können sie eindeutig erklären, was ihn gerettet hat. Am 13. Juni wird er von der künstlichen Lunge getrennt. Zwei Tage später entfernen die Ärzte auch den Tubus. Er atmet nun wieder allein. Bevor ihn seine Eltern besuchen kommen, wird er sich besonders anstrengen, wieder sprechen zu können. Die Stimmbänder sollen wieder in Schuss sein, wenn sie an seinem Bett stehen: „Ich konnte mir ausmalen, durch was meine Eltern durchgegangen sind“, sagt er. Darum habe er nicht nur wieder sprechen lernen, sondern ihnen auch eine Last abnehmen wollen.

Das Virus ist damit besiegt. Doch Patienten sind damit nicht wieder gesund. Fast täglich entdecken Wissenschaftler neue Folgen von Covid-19, die auch dann noch bestehen bleiben, wenn die Patienten längst als geheilt gelten. Als Janssen Anfang Juli in der Rehaklinik in Bad Lippspringe ankommt, zittern seine Hände wie bei einem alten Mann. Sein Blutdruck ist höher als normal, bei knapp 150. Die Konzentration reicht höchstens für eine halbe Stunde Lesen eines Buches. Beim Gehen stützt er sich auf einen Rollator.

Wieder im Alltag angekommen

Inzwischen geht es Florian Janssen wieder gut. Während der Reha hat er die Therapeuten um Extra- Hausaufgaben gebeten, um so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen. Seit einer Woche ist er wieder zu Hause in Münster. „Ich bin wieder im Alltag angekommen“, sagt er. Menschenmassen meidet er, trägt Masken, wenn er unter Leute geht, ist aber auch so entspannt, dass er ohne den Mundschutz mit einem Freund an einem Tisch sitzt.

Er fährt wieder Fahrrad, geht spazieren und schwimmen, trifft Freunde. Ein Bluterguss im Bein, den die Herz-Lungen-Maschine verursacht hat, hindert ihn daran, wieder zu joggen. „Mir fehlen noch Kraft und Ausdauer“, sagt er. Am 24. August soll er die ersten Stunden wieder arbeiten, später will er seine Fortbildung zum Filialleiter nachholen. Aber neben dem Arbeiten hat Florian Janssen noch ein anderes Ziel. Mit seiner Familie will er im nächsten Jahr den Halbmarathon nachholen. „Ich hoffe, dass ich im nächsten Jahr so fit sein werde, dass ich daran teilnehmen kann“, sagt er.

Mehr als eine Lungenkrankheit

Covid-19 ist weit mehr als eine Lungenkrankheit , sagt der Internist und Pneumologe Ralf-Dieter Schipmann. „Wir sehen, dass das fast eine Systemerkrankung ist, und dass schwerwiegende Folgen auch bei Patienten auftreten, die vorher gesund waren.“ Schipmann ist Chefarzt der Klinik Martinusquelle in Bad Lippspringe, einer der größten deutschen Lungenrehakliniken.

Als die Infiziertenzahlen in Deutschland langsam sanken, kamen jene Patienten, die wochenlang auf der Intensivstation lagen und vieles mühsam wieder neu erlernen müssen, hier an. Auch Florian Janssen gehört dazu. Der 61-Jährige sagt zu dem, was er jetzt sieht: „Das übertrifft alle meine Befürchtungen.“ Er hatte bereits überproportional viele unter 40-Jährige unter seinen Patienten – auch junge Frauen von Anfang 20, die mit dem Rollator wieder laufen lernen mussten.

Dem Vorurteil, Jüngere hätten von Sars-CoV-2 nichts zu befürchten, widerspricht er fast wütend: „Wir sehen hier das Gegenteil. Wir sehen erstaunlich viele Jüngere.“ Ralf-Dieter Schipmann kennt die Symptome so auch von anderen Patienten, die in die Lungenreha kommen. Es gibt allerdings auch einen wichtigen und entscheidenden Unterschied: „Die schweren Covid-Fälle haben von allem noch etwas mehr.“

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