Ostermontag vor 575 Jahren wurden Lippspringe die Stadtrechte verliehen Das vergessene Fest

Bad Lippspringe (WB). Vor der Burgruine spielte sich vor 575 Jahren eine historische Szene ab:  Für das Domkapitel von Paderborn übergab der damalige Domprobst Alhard von dem Busche den Lippspringer Bürgern die Urkunde mit den Stadtrechten. In historischen Kostümen wurde der Verleihungsakt an Ostermontag vor 25 Jahren nachgespielt. Eine große Bühne gibt es diesmal nicht. Das hat aber nichts mit der Corona-Pandemie zu tun.

Von Matthias Reichstein
Historisches Spiel vor der Burgruine: Bürgermeister Martin Schulte (links) nimmt 1995 die Stadtrechtsurkunde aus den Händen des Domprobstes (Josef Benteler) entgegen.
Historisches Spiel vor der Burgruine: Bürgermeister Martin Schulte (links) nimmt 1995 die Stadtrechtsurkunde aus den Händen des Domprobstes (Josef Benteler) entgegen. Foto: Wolfram Brucks

„Wir haben das Thema glatt verschlafen und überhaupt nicht daran gedacht. Aber wenn man sich die Welt im Moment anschaut, war das vielleicht auch eine glückliche Fügung“, sagt Wilhelm Hennemeyer. Der Vorsitzende des Bad Lippspringer Heimatvereins war aber trotzdem vom Anruf seiner Heimatzeitung erfreut: „Die Stadtgründung, auch wenn die Rechte noch sehr eingeschränkt waren, darf nicht in Vergessenheit geraten.“ Wobei für Hennemeyer das kommende Jahr noch etwas wichtiger ist. Am 8. Februar 1921 ließ Amtmann Peter Hachmann über das „Lippspringer Bade-Blatt“ verkünden: „Nach so eben bei mir eingetroffener Mitteilung des Herrn Ministers hat das Staatsministerium die Verleihung der Städteordnung an die Gemeinde Lippspringe ausgesprochen.“ Zur geschichtlichen Einordnung: Lippspringe hatte 1843, wie alle preußischen Orte mit weniger als 2500 Einwohnern, seine Stadtrechte verloren.

Sie stellten am 10. März 1995 in der Kaiser-Karls-Trinkhalle die Stadtchronik „Lippspringe – Beiträge zur Geschichte“ der Öffentlichkeit vor (von links): Stadtarchivar und Kreisheimatpfleger Michael Pavlicic, Professor Dr. Wilhelm Hagemann (Vorsitzender des Heimatvereins) und Bürgermeister Martin Schulte. Foto: Wolfram Brucks

Das alles spielte am 17. April 1995 keine Rolle, als am Vormittag die Feierlichkeiten mit einem Hochamt in der St. Martinskirche unter Leitung von Weihbischof und Domprobst Leo Drewes begannen. Daran schloss sich ein Festzug zur Burgruine mit dem Bürgerschützenverein, dem Kolping-Musikverein sowie zahlreichen Ehrengästen an.  Beim anschließenden Bühnenstück nahm der Bürgermeister Martin Schulte die Stadtrechtsurkunde aus den Händen des Domprobstes (gespielt von Josef Benteler) entgegen. Viel Beifall erhielt Rechtsanwalt Dr. Bernhard König, als beim Verlesen der Urkunde dieser Satz fiel: „Bürgermeister und Ratsleute dürfen für ihre Beratungen weder Bezahlungen erhalten noch sich bestechen lassen.“ Im Kongresshaus erläuterte anschließend Prof. Dr. Heinrich Schoppmeyer in seinem Festvortrag die historischen Hintergründe.

„Die Übergabe der Urkunde löste wahrscheinlich rege Aktivitäten in der jungen Stadt aus“, schrieb Professor Dr. Wilhelm Hagemann, vor 25 Jahren noch Vorsitzender des Heimatvereins, in einem Beitrag für die vereinseigene Heimatzeitung „Wo die Lippe springt“. Wahrscheinlich seien schon bald nach Ostern erstmals Bürgermeister und Ratsherren gewählt worden. Möglicherweise habe zunächst der Pfarrer die Funktion des Stadtsekretärs übernommen. „Es ist kaum vorstellbar, dass sich unter den gerade aus der Leibeigenschaft Entlassenen jemand befand, der lesen und schreiben konnte“, sagt Hagemann.

Feier für den 8. Februar 2021 geplant

Bereits Mitte des 14. Jahrhunderts sei in Ansätzen auch für Lippspringe eine Stadtrechteverleihung vorgesehen gewesen, die jedoch durch die Verbreitung der Pest verhindert wurde. Am Ostermontag, 7. April 1445, war es dann soweit. Fast auf den Tag genau heute vor 575 Jahren. Nur diesmal dachte niemand daran. Kleiner Trost: Das vergessene Fest hätte in diesen Tagen ohnehin nicht stattfinden können. „Wir bereiten jetzt eine Feier für den 8. Februar 2021 vor“, verrät der Heimatvereinsvorsitzende Hennemeyer. Federführend sei auch hier sein Vorgänger Professor Dr. Hagemann.

Parkfestival: Entscheidung fällt am 20. April

Die Stadtrechteverleihung wird in diesen Tagen nicht gefeiert. Der 575. Jahrestag wurde in Bad Lippspringe schlicht vergessen. In Zeiten der Corona-Pandemie ist aber ohnehin völlig ungewiss, was in den nächsten Monaten in der Kurstadt stattfinden kann. Das Waldleuchten im Gelände der Gartenschau musste im März bereits nach wenigen Tagen abgebrochen werden, das Reitturnier zu Ostern am Kurwald, der „Ball der Königin” im historischen Schützenhaus oder der Kreisfamilientag im Arminiuspark wurden ersatzlos gestrichen. Die nächste große Veranstaltung wäre das Parkfestival (30. Mai bis 1. Juni) zu Pfingsten. „Wir werden am 20. April entscheiden, ob wir das Fest feiern können”, teilte Bürgermeister Andreas Bee auf WV-Anfrage mit. Die Planungen für Schützenfest (Juli), Kürbisfest (September) und Stadtfest (Oktober) laufen zunächst weiter.

Das Jubiläumsjahr 1995 begann in Bad Lippspringe mit der Vorstellung eines neuen Geschichtsbuchs. Am 10. März wurde das Werk „Lippspringe – Beiträge zur Geschichte“ in der Kaiser-Karls-Trinkhalle der Öffentlichkeit präsentiert. Herausgeber waren Stadt und Heimatverein, die Bearbeitung lag in den Händen von Stadtarchivar und Kreisheimatpfleger Michael Pavlicic.

In seiner Ansprache für den Heimatverein stellte Professor Hagemann damals die Frage, ob das neue Werk, wie das von Paul Fürstenberg, wohl wieder erst in 85 Jahren von einem neuen lokalen Geschichtsbuch abgelöst werde? Der Bürgerschützenverein lieferte am 2. Oktober 2018 die Antwort und stellte seine umfassende Chronik vor. Gab Fürstenberg 1910 unter dem Titel „Geschichte der Burg und Stadt Lippspringe“ die erste geschichtliche Veröffentlichung heraus, rückten die Schützen mit „111 Jahre Bürgerschützenverein sind auch ein starkes Stück Stadtgeschichte“ Verein und Ort in den Blickpunkt. Mit beiden für die Stadtgeschichte wichtigen Daten: der Ostermontag am 7. April 1445 und der 8. Februar 1921.

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