Lungenexperte Dr. Ralf Schipmann aus der Klinik Martinusquelle in Bad Lippspringe erklärt, worauf Betroffene jetzt achten sollten Asthma und Corona

Bad Lippspringe (WB). Viele Asthmatiker sind in diesen Tagen verunsichert: Sollen sie weiter Kortison inhalieren, oder schwächen sie damit ihr Immunsystem? Und werden sie damit anfälliger für das Coronavirus?

Von Christian Althoff
Fast 2500 Patienten, die Probleme mit ihrer Lunge hatten oder haben, werden jedes Jahr in der Klinik Martinusquelle in Bad Lippspringe betreut, eine der größten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland. Die Nachfrage ist so groß, dass die Bettenzahl erhöht werden soll.
Fast 2500 Patienten, die Probleme mit ihrer Lunge hatten oder haben, werden jedes Jahr in der Klinik Martinusquelle in Bad Lippspringe betreut, eine der größten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland. Die Nachfrage ist so groß, dass die Bettenzahl erhöht werden soll. Foto: Besim Mazhiqi

„Das Schlimmste, was ein gut eingestellter Asthmatiker jetzt tun kann, ist seine Therapie zu verändern”, sagt Dr. Ralf Schipmann. Der Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie, Allergologie und Sozialmedizin leitet die Klinik Martinusquelle in Bad Lippspringe, die mit 2500 Patienten pro Jahr zu den größten deutschen Rehakliniken für Lungenkranke zählt. Hier werden Lungentransplantierte versorgt, Menschen, die eine Lungenentzündung durchgemacht haben und Patienten mit chronischen Atemwegskrankheiten wie Asthma oder COPD.

Rehaklinik zum Ersatzkrankenhaus erklärt

Die Nachfrage ist so groß, dass die Klinik in diesem Jahr eigentlich zu ihren 150 Lungenbetten weitere 30 einrichten wollte, doch dieser Plan ist zurückgestellt: Angesichts der Corona-Krise hat das Kreisgesundheitsamt Paderborn die Rehaklinik zum Ersatzkrankenhaus erklärt, das im Notfall Akutkrankenhäuser entlasten und Patienten übernehmen soll, die über den Berg sind.

In Deutschland leidet fast jedes zehnte Kind irgendwann einmal an Asthma, bei den Erwachsenen ist es jeder zwanzigste. Bei diesen Menschen reagieren die Bronchien übersensibel auf Dinge wie Stäube oder Pollen. Die Bronchien sind dauerhaft entzündet, und die Atemwege werden enger – durch Schleimhautschwellung, durch eine Verkrampfung der Bronchialmuskulatur und auch durch Sekret. Folgen sind unterschiedlich starke Atemnot und ein Beklemmungsgefühl.

Experte ist selbst Asthmatiker

Dr. Schipmann: „Wie bei anderen chronischen Krankheiten empfehlen wir auch bei Asthma eine gesunde Lebensführung mit mediterraner Küche und viel Bewegung. Dazu kommt beim Asthmatiker, dass er täglich ein kortisonhaltiges Mittel inhalieren sollte.” Dieses Medikament hemme die Entzündung der Bronchien und reduziere ihre Überempfindlichkeit gegen Staub, Pollen und Schimmelsporen. Häufig werde das Mittel mit einem „Weitsteller der Bronchien“ kombiniert. Welches Mittel in welcher Dosis geeignet sei, entscheide ein Arzt.

Dr. Schipmann. „Ein Asthmatiker ist dann gut eingestellt, wenn er mit seiner täglichen Inhalation ein weitgehend normales Leben führen kann. Jeder Asthmatiker hat ein Notfallspray bei sich, um bei Atemnot die Atemwege zu weiten. Aber häufiger als zwei Mal in der Woche sollte er das Spray nicht einsetzen müssen.” Es gebe Patienten, die nicht regelmäßig Kortison inhalierten und stattdessen mehrmals am Tag das Notfallspray nähmen. „Aber das ist der falsche Weg.”

Ralf Schipmann sagt, er sei selbst Asthmatiker, und als Kind habe man ihn manches Mal nicht am Sportunterricht teilnehmen lassen, um ihn zu schonen. „Das war eher ein Zeichen für eine unzureichende Asthmakontrolle. Gut kontrollierte Asthmatiker können ein normales Leben führen.” Und ein gut eingestellter Asthmatiker habe auch kein größeres Infektionsrisiko für das Coronavirus als andere Menschen.

Irritationen nach Rat vom Virologen Christian Drosten

Für Irritationen sorgte allerdings im März der Virologe Prof. Christian Drosten von der Charité in Berlin, als er in seinem täglichen Corona-Podcast Asthmatikern riet, mit ihrem Arzt über die Therapie zu sprechen – weil Kortison die Immunabwehr herabsetze. Dr. Schipmann: „Prof. Drosten ist mit Sicherheit ein weltweit führender Virologe, aber in diesem Punkt ist er vielleicht doch ein wenig über das Ziel hinausgeschossen.” Denn das Mittel, das Asthmatiker inhalierten, habe so gut wie keinen Einfluss auf die Immunabwehr – anders als Kortisontabletten, die aber nur von sehr kranken Asthmatikern genommen würden. Diese Menschen gehörten sicher zu der besonders gefährdeten Gruppe und sollten das weitere Vorgehen mit ihrem Arzt besprechen.

Der Bad Lippspringer Lungenfacharzt sagt, er bekomme derzeit mit, dass der eine oder andere Asthmatiker verunsichert sei, was er tun solle. „Wir raten gut eingestellten Asthmatikern: Verändern Sie nichts.” Wer jetzt die tägliche Kortison-Inhalation absetze, bringe sich in Gefahr. „Eine entzündete Bronchialschleimhaut kann das Einfallstor für Coronaviren sein, die dann im schlimmsten Fall einen lebensbedrohenden Zustand verursachen könnten.“

Schlecht eingestellte Asthmatiker sollten auf jeden Fall versuchen, ihre Situation zu verbessern, was allerdings möglicherweise im Moment wegen der Corona-Krise gar nicht so einfach sei: „Die Patienten sollten zumindest telefonisch mit ihrem Arzt Kontakt aufnehmen.”

Impfung gegen Pneumokokken empfohlen

Unabhängig von der Corona-Pandemie empfiehlt der Chefarzt der Lungenfachklinik Asthmatikern, sich gegen Pneumokokken impfen zu lassen. Sie sind für den Großteil der bakteriellen Lungenentzündungen verantwortlich, die vor allem bei älteren Menschen zum Tod führen können. Dr. Schipmann: „Die Impfung empfiehlt sich allerdings nicht jetzt auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie, weil der Körper dann erstmal mit dem Impfstoff zu tun hat und ihm bei einer möglichen Corona-Infektion Abwehrkräfte fehlen könnten.” Außerdem sei der Impfstoff derzeit ausverkauft.

„Wir empfehlen unseren Patienten, sich im Juli oder August gegen Pneumokokken und im Oktober oder November gegen die Grippe impfen zu lassen.” Während die Grippeimpfung jährlich erneuert werden müsse, halte der Schutz gegen die Pneumokokken etwa sechs Jahre vor.

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