Allgemeinmediziner Marc Fischer sorgt sich um hausärztliche Versorgung
»Es ist fünf nach zwölf«

Bad Lippspringe (WB). Auf dem Land werden Hausärzte knapp. In 120 NRW-Gemeinden ist die allgemeinmedizinische Versorgung akut oder mittelfristig gefährdet. Dazu zählt auch Bad Lippspringe. Die ortsansässigen Mediziner machen sich Sorgen: »Es ist fünf nach zwölf«, sagt Allgemeinmediziner Marc O. Fischer.

Mittwoch, 01.05.2019, 06:00 Uhr
Allgemeinmediziner Marc O. Fischer ist einer von sechs niedergelassenen Hausärzten in Bad Lippspringe. Er teilt sich eine Praxis mit Dr. Christiane Gronemeyer. Foto: Sonja Möller

Eine 60-Stunden-Woche, hoher administrativer Aufwand und viel Personalverantwortung, dazu Regresse, wenn zu viele Behandlungen verordnet wurden. Viele junge Ärzte schrecken diese und weitere Aspekte von einer Praxisneugründung ab. Sie entscheiden sich stattdessen für eine Anstellung in Praxen oder Kliniken.

Diese Entscheidung kann Marc Fischer nachvollziehen. Trotzdem ist er überzeugt, den tollsten Beruf der Welt zu haben: »Ich bin selbstständig, für mich verantwortlich und arbeite mit Menschen. Ich kann Familien von klein auf und über teils mehrere Generationen betreuen. Allgemeinmediziner ist und bleibt mein Traumberuf.« 1998 hat er die Praxis seines Vaters Markus an der Paul-Fürstenberg-Straße übernommen, der von 1961 bis 1998 Bade- und Hausarzt in der Kurstadt war. Seit 2014 bildet Marc Fischer mit Dr. Christiane Gronemeyer eine Praxisgemeinschaft.

»Wir stoßen bei der Patientenversorgung rechnerisch an Grenzen!«

Die Entwicklung der hausärztlichen Situation in Bad Lippspringe verfolgt der Badearzt schon länger mit Sorge: »Zuletzt hat Dr. Reinhard Eichner seine Praxis im November 2018 geschlossen. Einen Nachfolger gibt es nicht. Damit fällt wieder ein Hausarzt weg und das merken wir anderen. Wir stoßen bei der Patientenversorgung rechnerisch an Grenzen!«

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen Lippe rechnet mit einem Schlüssel von 1671 Einwohnern pro ansässigem Hausarzt. Im Kreis Paderborn gibt es demnach genug Ärzte. Was die Zahlen nicht sagen: »Bad Lippspringe steht ganz schlecht da«, betont Fischer. Er ist mit 60 Jahren der zweitjüngste (!) von derzeit noch sechs Hausärzten in der Badestadt. Eine Ärztin habe nur eine halbe Stelle.

Mittlerweile müsse er in der Versorgung der Patienten Abstriche machen, schildert Fischer: »Hausbesuche zum Beispiel kosten Zeit. Das ist kaum noch zu schaffen«, betont er. Hinzu komme die Palliativ-Versorgung von schwer erkrankten Patienten. Mit einer 55-Stunden-Woche und »Lieblingsöffnungszeiten« habe das wenig zu tun: »Zehn Stunden am Tag sind für mich nichts Besonderes«, sagt er.

SPD wünscht sich medizinisches Versorgungszentrum mit Schlangen

Neue Hausärzte müssen in die Stadt – aber wie? Der Rat hat 2018 100.000 Euro in den Haushalt eingestellt, mit dem zwei neue Ärzte bei der Eröffnung einer Praxis bezuschusst werden sollten. Bislang gibt es laut Bürgermeister Andreas Bee noch keine schriftliche Anfrage. Die Badestädter SPD möchte jetzt prüfen lassen, ob ein medizinisches Versorgungszentrum (MZV) mit Schlangen möglich ist. In einem MZV könnten Hausärzte angestellt werden, begründen die Sozialdemokraten.

Marc Fischer geht noch weiter: »Man sollte überlegen, ein Gebäude mit modernen Praxisräumen zu konzipieren, in das sich niedergelassene Ärzte einmieten können. Dadurch hätten wir die Möglichkeit, junge Kollegen anzustellen.« Das sei momentan nicht machbar. In Bad Lippspringe gebe es gewachsene Hausärzte, die ihre Selbstständigkeit nicht aufgeben wollten. Aber ihre Praxen hätten nicht genug Räume für weitere Mediziner. Fischer teilt eine Praxis mit Dr. Christiane Gronemeyer. Für mehr fehlt der Platz. »Ich habe nicht genügend Zimmer, um noch einen Arzt anzustellen«, sagt er. Und damit sei er nicht allein.

Niedergelassene Ärzte wollen an Lösung des Hausärztemangels beteiligt werden

Ein gemeinsames Gebäude mit Praxisräumen könne helfen, so Fischer: »Es wäre so eine Art Poliklinik, in der sich mehrere Ärzte zusammenschließen. So könnten wir ansässigen Hausärzte mitgestalten, attraktiv für neue Ärzte werden und die ärztliche Versorgung vor Ort langfristig sicherstellen«, ist Marc Fischer überzeugt. Als Gebäude könne zum Beispiel die Auguste-Viktoria-Klinik genutzt werden für ein modernes Gesundheitszentrum mit Apotheken, Sanitätshäusern und Praxen.

Einen Wunsch hat Fischer noch: »Mit uns niedergelassenen Ärzten wurde bis jetzt noch nicht gesprochen. Wir wollen uns aber an der Lösung beteiligen. Ich würde mir wünschen, dass wir uns alle an einen Tisch setzen und überlegen, was möglich ist: die Bürgermeister beider Kommunen, die Chefärzte aller Kliniken, die Kassenärztliche Vereinigung und die Politik.« Fischer wünscht sich ein Miteinander, bei dem alle an einem Strang ziehen: »Wir müssen etwas tun! Nur mit Geld zu locken hilft nicht.«

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