Alberto Oliveira und sein Team ermöglichen beatmeten Bewohnern Ausflüge Die Wunscherfüller-WG

Bad Lippspringe (WB). Während Heinz Pöppe (73) mit Tatjana Zirnsack Mühle spielt und aufpassen muss, dass sie nicht schon wieder gewinnt, schaut sich Rita Höke (74) die Sportschau in der ARD an. Eigentlich ist es hier wie in einer typischen Wohngemeinschaft. Einziger Unterschied: Der überwiegende Teil der Bewohner wird beatmet.

Von Sonja Möller
Rita Höke lebt in der Wohngemeinschaft für intensivpflichtige Pflege in Bad Lippspringe (oben rechts mit Julia Leistner). Trotz Beatmung hat sie ein Fußballspiel im Stadion angeschaut (unten links mit Alberto Oliveira und Markus Vogt (hinten)). Heinz Pöppe spielt mit Tatjana Zirnsack Mühle (unten rechts). Pflegedienstleiter Oliveira zeigt die Baupläne für das geplante Gebäude.
Rita Höke lebt in der Wohngemeinschaft für intensivpflichtige Pflege in Bad Lippspringe (oben rechts mit Julia Leistner). Trotz Beatmung hat sie ein Fußballspiel im Stadion angeschaut (unten links mit Alberto Oliveira und Markus Vogt (hinten)). Heinz Pöppe spielt mit Tatjana Zirnsack Mühle (unten rechts). Pflegedienstleiter Oliveira zeigt die Baupläne für das geplante Gebäude. Foto: Besim Mazhiqi

Seit 2016 gibt es die Wohngemeinschaft für intensivpflichtige Pflege in der Teutoburger-Wald-Klinik. Acht der zehn Bewohner müssen beatmet und alle 24 Stunden am Tag überwacht werden.

»Wer zu uns kommt, braucht eine intensivmedizinische Betreuung. Die Krankheit steht bei uns aber nicht im Vordergrund. Wir versuchen, möglichst viel mit den Bewohnern zu unternehmen«, erzählt Pflegedienstleiter Alberto Oliveira vom ambulanten Intensiv-Pflegedienst »Mehr Zeit gemeinsam«.

»Wenn wir können, fahren wir raus«

Das geht von Gesellschaftsspielen über gemeinsame Fernsehabende bis hin zu Ausflügen in die nähere Umgebung. »Wenn wir können, fahren wir raus«, bringt es Oliveira auf den Punkt. Ob das ein Ausflug zum Kaffee trinken in ein Café ist, Eis essen gehen oder durch die Badestadt spazieren fahren – trotz Beatmung können die Bewohner am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Ein Besuch auf dem Stadtfest oder beim Weihnachtsmarkt ist genauso möglich wie ein Ausflug zu den Externsteinen.

Obwohl die meisten Bewohner nicht mehr selbstständig atmen können, sind sie nicht bettlägerig. Achtmal haben sie dieses Jahr bereits zusammen einen Ausflug gemacht. Diese Freiheit ermöglicht ihnen das Team des ambulanten Pflegedienstes »Mehr Zeit gemeinsam«, der zum MZG Bad Lippspringe gehört. Mit Hilfe moderner Beatmungstechnik und engagierten Pflege- und Betreuungskräften lässt sich dies realisieren.

Besondere Herzenswünsche

Manchmal erfüllen Alberto Oliveira und sein Team aber auch besondere Herzenswünsche. Wie vor Kurzem bei Rita Höke. Die Bielefelderin ist ein riesengroßer Fußballfan. Nach ihrem Lieblingsverein gefragt, formen ihre Lippen deutlich das Wort »Schalke«.

Doch ihre Liebe für den Sport geht noch viel weiter: »Sportschau ist für Rita ein Pflichttermin, Sportseiten eine Pflichtlektüre. Egal ob aus der Zeitung oder dem Fernsehen: Sie kennt jedes Ergebnis. Und bei der Weltmeisterschaft hat sie sich alle übertragenen Spiele angeschaut«, erzählt Alberto Oliveira augenzwinkernd.

Einfach mal am Wochenende in ein Stadion zu fahren und sich ein Spiel anzuschauen wie vor 40 Jahren das Derby zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund ist für die 74-Jährige aber nahezu unmöglich.

Stadionbesuch ist »logistisch ein Riesenaufwand«

Alberto Oliveira und sein Team haben einen Arena-Besuch trotzdem möglich gemacht. Auch wenn der mehrstündige Ausflug »logistisch ein Riesenaufwand war«, wie Oliveira erzählt. Denn zusammen mit seinem Kollegen Markus Vogt musste er unter anderem zwei Beatmungsgeräte mit Ersatzakkus, Sauerstoffflaschen, einen Überwachungsmonitor für die Vitalwerte sowie ein Absaugegerät und einen Ambubeutel an Ort und Stelle transportieren. Und Rita Höke im Rollstuhl musste auch noch mit.

Gemeinsam brachen die drei dann zu einem nicht alltäglichem Ausflug auf, wie Alberto Oliveira verdeutlichte: »Eine solche Aktion ist kein Standard für uns. Wir bekommen das nicht bezahlt, sondern machen so etwas, um einen Herzenswunsch zu erfüllen.« Und das ist geglückt. Rita Hökes Augen beginnen zu strahlen, wenn sie auf den Stadionbesuch angesprochen wird. »Gut« habe ihr das Spiel gefallen, ist von ihren Lippen abzulesen. Und die Currywurst sei »lecker« gewesen.

Heinz Pöppe und seine Mitbewohner haben sich derweil einen schönen Tag in der WG gemacht. Der 73-Jährige lebt seit knapp einem Jahr in einem der Zimmer. »Ich fühle mich hier sicher. Wenn etwas ist, ist immer jemand da«, erzählt er. Da Pöppe zeitweise selbst atmen kann, kann er in diesen Phasen normal reden. Er erzählt von seinem großen Hobby Brieftauben züchten, mit dem er schon in der Schule angefangen hat: »Das habe ich mit meinem Sohn Stefan zusammen gemacht.«

Warteliste für einen WG-Platz ist lang

Die Plätze in der intensivpflegerisch betreuten Wohngemeinschaft sind gefragt, die Warteliste ist lang. Das MZG Bad Lippspringe baut derzeit an der Antoniusstraße ein neues Gebäude, in dem 24 Bewohner auf zwei Etagen Platz finden. Investiert werden 7,2 Millionen Euro, teilte das MZG zum Baubeginn mit. 2019 soll die WG bezugsfertig sein.

Bis es soweit ist, soll möglichst zeitnah eine zweite ambulant intensivpflegerisch betreute Wohngemeinschaft in der dritten Etage der Teutoburger-Wald-Klinik eröffnet werden. Die Räume sind vorbereitet, die Spezialbetten müssen nur noch hinein gefahren werden. »Wenn wir neue Pflegefachkräfte der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Altenpflege gewinnen können, könnten wir direkt starten«, sagt Alberto Oliveira.

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