Von 100 auf null: DJ Andy Noffz aus Altenbeken sind alle Aufträge weggebrochen
„Uns muss jetzt geholfen werden“

Altenbeken (WB). Im Januar war die Welt von DJ Andy Noffz noch in Ordnung: Der Altenbekener war für das komplette Jahr ausgebucht. 130 Veranstaltungen waren terminiert und versprachen umsatzstarke zwölf Monate. Auch der Traum, sein eigenes Musik-Café zu eröffnen, wurde immer konkreter. Doch dann kam Corona – und mit der Pandemie der Blues: „Seit März sind alle Veranstaltungen abgesagt und das für ein ganzes Jahr“, schildert der Altenbekener, was seit dem ersten Lockdown im März passiert ist.

Mittwoch, 04.11.2020, 04:52 Uhr aktualisiert: 04.11.2020, 05:00 Uhr
DJ Andy Noffz ist verzweifelt. In seinem Lager in Neuenbeken stehen die Lautsprecher, Scheinwerfer und Mischpults seit Monaten herum. Der 46-Jährige Altenbekener hat nach 25 Jahren als Discjockey durch die Pandemie extreme Existenzängste. Foto: Oliver Schwabe

Anfangs stand er der Pandemie noch gelassen gegenüber: „Ich dachte, ein paar Wochen mal die Füße hochlegen und dann geht’s weiter“, sagt Noffz. Doch seine Stimme klingt bitter. Denn nach ein paar Wochen ging es nicht weiter und nach ein paar Monaten auch nicht. Schützenfeste, Libori, Karneval – die umsatzstärksten Veranstaltungen sind alle abgesagt. Und dadurch sind auch die Einnahmen weggebrochen: „Seit März kommt kein Geld mehr rein. Die Kosten für Lagermiete, Versicherungen, Technik-Leasing und das Dienstauto laufen aber weiter“, rechnet Andreas Noffz vor, dass ihn die Fixkosten pro Monat 1200 und 1400 Euro kosten. Darin noch nicht eingerechnet sind die Lebenshaltungskosten. Auch das Haus müsse weiter abbezahlt werden, erzählt er.

„Libori ist eine ganz wichtige Woche für mich“

Dass es einmal so weit kommt, dass er mit heftigen Existenzängsten zu kämpfen hat, hätte der 46-Jährige nicht gedacht. Schon mit 19 Jahren fing der gebürtige Borchener an, nebenbei als Disc-Jockey zu arbeiten. Er baute sich über Jahrzehnte aus seiner Liebe zur Musik eine Haupterwerbsquelle auf und reduzierte die Stundenzahl in seinem bisherigen Hauptjob als Auslieferungsfahrer immer weiter.

Mit einem breiten Repertoire von Rock, Schlager, Fetenhits, aktuellen Charts und Oldies machte sich DJ Andy einen Namen. Ob das beim Tanztee auf der Gartenschau Bad Lippspringe war oder bei seinen Auftritte auf der Dorfalm in Willingen. „Libori ist eine ganz wichtige Woche für mich“, berichtet er. Seit fast zehn Jahren ist er dort in der Krombacher-Garage für Musik und Licht zuständig.

Ganz wichtig ist für ihn auch die Karnevalssession mit 15 Veranstaltungen: „Das fällt alles weg. Auch die Geburtstage, Hochzeiten und Jubiläen sind abgesagt“, zählt er auf: „Das tut richtig weh. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch seelisch. Ich hatte so viele Tiefs, habe so viel geweint. Das, was ich mir seit 25 Jahren aufgebaut habe, bricht einfach weg. Das hat mir die Schuhe ausgezogen.“ Mit Zukunftsängsten hatte er bislang nichts zu tun. Nun hielten sie ihn Nacht für Nacht wach. „Ich wurde immer trauriger und bin in ein tiefes Loch gefallen. Seit vier Wochen nehme ich Antidepressiva, um mit der Situation umzugehen.“

„Die Bundesregierung verspricht viel, aber es passiert nichts“

Die Corona-Schutzmaßnahmen hält Andreas Noffz für richtig und wichtig. Aber er versteht nicht, warum eine komplette Branche vergessen werde: „Wir zahlen doch auch Steuern. Die Bundesregierung verspricht viel, aber es passiert nichts“, ärgert sich Noffz.

Das Überbrückungsgeld habe er zu Beginn der Pandemie beantragt: „Das war, um die Fixkosten von drei Monaten zu decken. Bei mir hat die Summe nicht Mal für einen Monat gereicht“, rechnet er vor: „Die Bundesregierung muss doch auch an die Veranstaltungsbranche denken und uns unterstützen. Eine Möglichkeit wäre Kurzarbeitergeld. Wenn man zum Beispiel die Einnahmen der drei Vorjahre als Grundlage nimmt und anhand dessen einen Prozentsatz berechnet, würde uns das wirklich weiterbringen.“ Die Bundesregierung habe versporchen, so etwas in Betracht zu ziehen, „aber ich glaube es erst, wenn das Geld auf meinem Konto ist“.

Der Altenbekener steht in Kontakt mit dem Vorsitzenden des Berufsverbandes Discjockey, Dirk Wöhler. Unter #AlarmstufeRot hat der Verband bereits zwei Großdemonstrationen der Veranstaltungsbranche in Berlin initiiert und tausende auf die Straße gebracht: „Die Bundesregierung sagt, ‚wir lassen keinen alleine‘, aber dann müssen sie auch handeln. Ansonsten geht eine ganze Branche den Bach runter“, prophezeit Andreas Noffz.

„Viele aus der Branche satteln jetzt um“

Vor Kurzem habe er mit zwei DJ-Kollegen aus dem Ruhrgebiet telefoniert, erzählt Noffz: „Die sind fix und fertig. Die müssen jetzt Hartz IV beantragen und fühlen sich als Bittsteller. Viele aus unserer Branche satteln jetzt um, gehen in andere Branchen, beantragen Hartz 4. Viele sind mittlerweile depressiv“, berichtet er.

Es fehlten die langfristigen Perspektiven. Diese könne auch die Bundesregierung nicht geben. Denn selbst, wenn die Corona-Pandemie vorbei ist, „braucht die Branche sieben bis acht Monate, bevor sie wieder auf Normalniveau ist“, befürchtet Andreas Noffz.

Auch wenn sich der Altenbekener noch auf eine lange Durststrecke einstellt. Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage. „Das, was ich mir 30 Jahre aufgebaut habe, kann ich nicht einfach aufgeben“, sagt er. Derzeit lebten er und seine Frau Manuela von den Rücklagen und der Unterstützung der Familie. „Meine Frau ist Reiseverkehrskauffrau und seit März in Kurzarbeit bei null Stunden. Wir sind doppelt getroffen“, erzählt Noffz.

Stammkunden sprechen ihm Mut zu

Er selbst ist mit wenigen Stunden pro Monat als Auslieferungsfahrer eingestellt. Davon leben kann er nicht: „Ich habe mich schon nach einem 450-Euro-Job umgesehen, aber der Markt ist total abgegrast.“

Wie es weitergeht, dazu wagt der zweifache Vater keine Prognose. Seine Kunden machen ihm Mut: „Viele haben mich schon für nächstes Jahr gebucht und bieten mir an, das Geld jetzt schon zu zahlen, damit ich über die Runden komme.“ Das will er nicht, aber DJ Andy verspricht, so lange wie möglich durchzuhalten.

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