Rudolf Koch erlebte als damals Neunjähriger das Kriegsende in Altenbeken
Als die Waffen endlich schwiegen

Altenbeken (WB). Am 4. April 1945 – also vor genau 75 Jahren – wurde Altenbeken von amerikanischen Soldaten eingenommen. Ortheimatpfleger Rudolf Koch hat diese Zeit als Neunjähriger noch miterlebt und schildert die damaligen Geschehnisse.

Samstag, 04.04.2020, 19:00 Uhr
In diesem Wasserstollen hatten viele Altenbekener Schutz gesucht. Foto: Rudolf Koch

„Durch die unsinnige Verteidigungshaltung junger SS-Soldaten mussten drei Altenbekener ihr Leben lassen. Dieses geschah nur, weil diese jungen SS-Männer in Lederuniform es nicht einsehen wollten, dass der Krieg vorbei war. Ich selbst saß beim Einmarsch der Amerikaner mit meiner Familie im Keller des Nachbarhauses, da hier auch männliche Personen anwesend waren. Mein Vater war noch in russischer Kriegsgefangenschaft. Man hörte Schüsse und sah in unserer Straße mehrere Panzer und sonstige Fahrzeuge einfahren. Nach mehreren Stunden wurde es ruhig, und man wagte sich nach draußen und sah sogar Soldaten mit schwarzer Hautfarbe, die wir Kinder noch nie gesehen hatten. Einer von ihnen hob uns Kinder auf einen Panzer und fotografierte uns. Sie waren sehr freundlich und gaben uns sogar Kaugummi und Schokolade.

Viadukt, Bahnhof und viele Wohnhäuser waren zerstört

Die Altenbekener Bevölkerung sehnte das Ende des Krieges herbei – hatte sie doch als wichtigen Eisenbahnknotenpunkt in den letzten Monaten des Krieges sehr leiden müssen. Der Viadukt, der Bahnhof und viele Wohnhäuser waren durch Bomben zerstört. Noch am 30. März 1945 um 17.20 Uhr erlebte Altenbeken – durch zwei Jagdbomber – seinen letzten und sechsten Angriff. Die Altenbekener saßen wegen der ununterbrochenen Alarme Tag und Nacht in Kellern und Wasserdurchlässen oder flüchteten in den Eggewald. In den Abendstunden des 3. April 1945 fühlten sich die Amerikaner mit Panzerspähwagen bis zum großen Viadukt vor – zogen sich dann aber wieder zurück. In der Nacht zum 4. April geschah nichts – endlich hatte die Zivilbevölkerung etwas Ruhe.

Morgens um 8 Uhr wurde auf dem Bahnhof der Betrieb eingestellt – es fuhr kein Zug mehr. Gegen 10 Uhr setzte starkes Maschinengewehrfeuer im Westen ein, und es schlugen einzelne Artilleriegranaten ein. Die Altenbekener Bevölkerung saß voller Unruhe in den Kellern, Bunkern und Wasserdurchlässen. Man sah vereinzelt deutsche Soldaten und Waffen-SS im Ort, die sich aber nach einem kurzen Gefecht in Richtung Bollerborn, Driburger Grund und auf die Höhen des Eggewaldes zurückzogen.

Die Soldaten wollten Altenbeken verteidigen und insbesondere bei der Alten Kirche die Straße unpassierbar machen, um den amerikanischen Panzern den Weg zu versperren. Der damalige Chronist Dr. Schulze schreibt wörtlich in die Kriegschronik: ‚Was sollen aber die wenigen SS-Leute und Soldaten ohne schwere Waffen gegen Panzer ausrichten? Jeder vernünftige Mensch muss doch einsehen, dass Widerstand zwecklos ist. Der Krieg ist für Deutschland verloren – dieses muss doch jeder einsehen. Was hat dieses Land noch zu erwarten?‘

Am kleinen Wasserbogen Schutz gesucht

Nachmittags gegen 15 Uhr rückten dann amerikanische Panzertruppen in den Ort vor. Die so genannten Verteidiger zogen sich zurück – doch am kleinen Wasserbogen am Schützenweg, in dem viele Altenbekener Bürgerinnen und Bürger Schutz gesucht hatten, kam es zu Schießereien. Im nahe gelegenen Driburger Grund waren nämlich Soldaten und SS-Leute in Deckung gegangen und gefährdeten damit die Zivilbevölkerung, die sich dort versteckt hielten. Den Altenbekenern im Wasserdurchlass wurde befohlen, die weiße Fahne, die man schon gehisst hatte, einzuziehen.

Drei Menschen mussten ihr Leben lassen

Als man sich darauf hin nach draußen wagte, um dem Befehl der SS-Soldaten nachzukommen, wurde der Eingang von einem amerikanischen Panzer beschossen. Hierdurch waren mehrere Verwundete und Tote zu beklagen. Bei der Einnahme Altenbekens mussten drei Menschen ihr Leben lassen – bei den Bombenangriffen 23 Altenbekener Bürger.

Es starben die 17 Jahre alte Klara Koch und der 47 Jahre alte Johannes Kemper. Johannes Eusterholz, 51 Jahre, verstarb an den schweren Verwundungen zwei Tage später.

Den jungen SS-Leuten wurden schwere Vorwürfe gemacht, weil sie mit ihrer Verteidigungshaltung die Zivilbevölkerung gefährdet hatten und an den Toten Schuld trugen. So mussten in Altenbeken kurz vor Kriegsschluss unschuldige Menschen ihr Leben lassen.

Schwere Panzer rollten durch Altenbeken

Den ganzen Nachmittag bis 18 Uhr sowie am nächsten Tag rollten schwere Panzer durch Altenbeken in Richtung Buke und Rehberg. Die amerikanischen Soldaten richteten in Altenbeken eine Orts-Kommandantur ein und ließen eine Besatzungstruppe zurück, die jeden Tag neue Bekanntmachungen anschlug. Mehrfach mussten die Häuser ganzer Straßenzüge für nachrückende Truppen geräumt werden. Wenn dann die Soldaten die Wohnungen wieder geräumt hatten, sah es schlimm aus!

Am 8. Mai 1945 um Mitternacht schwiegen die Waffen in Deutschland – die Deutsche Wehrmacht hatte kapituliert. Der damalige Chronist Dr. Heinrich Schulze schreibt als Schlusssatz über die Kriegstage und dem Ende in die Kriegschronik: ‚Hoffen wir, dass nie wieder Krieg über die nächsten Generationen hereinbricht!‘“

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