Blaudruck: Irma Rohlfing aus Niedermehnen beherrscht ein traditionelles altes Kunsthandwerk
„Ich liebe mein Hobby über alles“

Niedermehnen -

Die Technik des Blaudrucks beherrschen nur noch ganz wenige Kunsthandwerker in Deutschland.

Freitag, 08.01.2021, 02:00 Uhr
Schon seit ihrer Kindheit hat die heute 80-jährige Irma Rohlfing aus Niedermehnen eine Leidenschaft für die Handarbeit. Ganz besonders mag sie den Blaudruck, bei dem mit sogenannten Modeln Muster auf Stoffe, meist weißes Leinen, aufgebracht werden. Foto: Gertrud Premke

Irma Rohlfing aus Niedermehnen ist eine der Künstlerinnen, die dieses Verfahren meisterhaft und mit ganz viel Liebe umsetzt. Aber wie kam die heute 80-Jährige dazu und was ist Blaudruck überhaupt?

Das Blaudruckverfahren zählt inzwischen zum immateriellen Weltkulturerbe. Es kam im 17. Jahrhundert in Europa auf, als gerade aufwendig gewebte Stoffe in Mode waren. Der Blaudruck hingegen war mehr die Kunst der ärmeren Bevölkerung, die damit ihr selbstgewebtes Leinen dekorativ veredelte.

Es gibt verschiedene Techniken: den Reservedruck und den Direktdruck. Der Reservedruck ist ein indirektes Färbeverfahren. Bei dieser Art des Blaudrucks entsteht ein weißes Muster auf blauem Stoff. Die Model werden mit einem weißen Papp getränkt und auf einem Stoff platziert. Dadurch werden Muster vom eigentlichen anschließenden Färbeprozess ausgenommen, ähnlich der Batik.

Der Papp muss trocknen, bevor er in ein Farbtauchbad gelegt wird. Um Farbgleichmäßigkeit zu erlangen, muss das Farbgut während des Vorgangs gut bewegt werden. Nach der Entnahme aus dem Farbbad erscheint das Werk erst grün, an der Luft wandelt sich die grüne Farbe in ein schönes Indigoblau – man spricht dann auch vom „Blauen Wunder“.

Außerdem gibt es den Direktdruck, eine uralte und aufwendige Technik, die Irma Rohlfing anwendet. Dabei werden die gewünschten Naturfarben mit einem Druckstock – das ist ein Stempel aus Kirschbaum- oder Birnenholz, in das Muster geschnitzt sind – auf einen gewaschenen weißen Stoff gedruckt. Edles weißes Leinen eignet sich besonders gut und wird dadurch künstlerisch veredelt.

Beim Direktdruck wird die Farbe direkt auf die Stoffoberfläche übertragen. „Sorgfältiges Arbeiten ist die Voraussetzung für die Herstellung eines Wäscheschmuckstücks, denn wenn der Stempel einmal falsch gesetzt wird, ist das gesamte Kunstwerk hin“, weiß die Niedermehnerin. „Der Druckstock muss außerdem gleichmäßig mit Farbe bedeckt sein, denn Kleckerei ist später nicht mehr auszubessern, Fehler können nicht mehr korrigiert werden. Es bedarf einer ruhigen Hand, damit nichts verrutscht oder verschmiert.“

Nachdem die Motive auf dem Stoff platziert sind, trocknet das Werkstück einige Tage, dann wird der Druck durch Bügeln von links fixiert. Der Stoff, meistens reinweißes Leinen, wird anschließend manchmal noch gekocht, auf alle Fälle heiß gebügelt oder gestärkt in die Heißmangel gegeben. So erhalten die Unikate ihren letzten farbprägenden „Schliff“.

Der Textilkünstlerin Irma Rohlfing gehen die Ideen für ihr Hobby eigentlich nie aus. Neben dem Blaudruck sind das Schneidern, Patchwork und Scherenschnitte ihre Leidenschaften. Ein eher ungewöhnlicher von ihr gefertigter Scherenschnitt ist eine Comic-Figur von Udo Lindenberg, gehalten im Stil des Künstlers.

„Handarbeiten mag ich bereits seit meiner Kindheit,“ sagt die Niedermehnerin. Geboren wurde sie in Posen. Als junges Mädchen wurde sie während des Zweiten Weltkrieges mit Mutter und Schwester aus der Heimat vertrieben. „Haus und Hof mussten wir hinter uns lassen, die Zukunft war ungewiss, die Winter auf der Flucht waren kalt und schneereich“, erinnert sie sich. „Die Nächte verbrachten wir in Pferdeboxen und Baracken. Wir Kinder wussten gar nicht, dass es Weihnachten gibt, geschweige denn Geschenke.“

Nach den Kriegsjahren kam Irma Rohlfing 1950 nach Deutschland, konnte eine Schule besuchen – wo sie als Elfjährige zunächst einmal die deutsche Sprache lernen musste – und später eine Schneiderlehre beginnen. Nach dem erfolgreichen Anschluss der Ausbildung erwarb sie den Meisterbrief und schaffte es parallel, die Mittlere Reife nachzuholen. In Dortmund absolvierte sie anschließend eine Fachlehrerausbildung.

Viele Jahre war Irma Rohlfing als Lehrerin in einer Förderschule in Lübbecke tätig. In ihrer Freizeit widmete sie sich stets der Handarbeit. Dass sie in Niedermehnen zum Blaudruck fand, den sie schon als Kind liebte, verdankt sie ihrer Schwiegermutter. Sie überließ ihr zwei Aussteuertruhen mit altem Leinen.

„Damit konnte ich die ganze Wohnung und noch viel mehr gestalten“, schwärmt Irma Rohlfing noch heute. „Ich liebe mein Hobby über alles. Abgesehen von der freundlichen Anmutung der Blaudruck-Arbeiten, die so gut zum modernen Landhausstil passen, gefällt mir auch die Arbeit mit Farbe und Textilien – und dass man so akkurat vorgehen muss.“

Die 80-Jährige hat in ihrem urigen Haus ein riesiges Sortiment an edlen bedruckten Leinendecken, geschmackvollen Kissen, Wandbehängen und Gardinen. „Leider sind im vergangenen Jahr die Adventsmärkte ausgefallen, bei denen ich sonst meine Hauswerkskunst präsentieren konnte“, bedauert sie. „Aber ich zeige sie auch gerne hier in Niedermehnen allen Interessierten.“

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