Auf Anruf ehrenamtliche Beförderung von Tür zu Tür– Interview mit Reinhard Grewe
Pläne für Senioren-Fahrdienst reifen

Stemwede (WB). Diese Initiative hat schon im Vorfeld für Aufsehen gesorgt: Aus einer Stemweder ZWAR-Gruppe entstand ist die Idee, einen Seniorenfahrdienst in der Gemeinde ins Leben zu rufen. Unter der Initiative des Niedermehners Reinhard Grewe, dem früheren Stemweder Kämmerer, wollen ehrenamtliche Akteure dafür sorgen, dass ältere Stemweder, die selbst nicht mehr Auto fahren können, auf Abruf abgeholt und zum Wunschort gebracht werden. WB-Redakteur Dieter Wehbrink sprach mit Reinhard Grewe über das Projekt.

Donnerstag, 10.09.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 10.09.2020, 05:04 Uhr
Der Vorstand des neuen Vereins Senioren-Fahrdienst Stemwede zeigt schon mal, wie ein geeignetes Fahrzeug für die ehrenamtliche Beförderung von älteren Mitbürgern aussehen könnte: Von links der stellvertretende Vorsitzende Hermann Gesenhues, Kassierer Wilfried Röhling und Vorsitzender Reinhard Grewe.

 

Herr Grewe, ich hörte, dass Sie und Ihre Mitstreiter Ihren Verein mittlerweile ins Vereinsregister eintragen konnten?

Reinhard Grewe: Ja. Unser Verein ist als Senioren-Fahrdienst Stemwede e.V. eingetragen und dadurch im Rechtssinne handlungsfähig geworden. Gründungsvorsitzender bin ich. Hermann Gesenhues aus Twiehausen ist stellvertretender Vorsitzender. Der Vorstand wird mit Wilfried Röhling aus Wehdem als Kassierer komplettiert.

 

Dann wird es also konkret. Welchen Schritt strebt Ihr Verein als nächstes an?

Grewe: Zunächst steht die Beschaffung von zwei Fahrzeugen an. Dieses soll im Wege eines Leasingvertrages geschehen. Zur Finanzierung der Leasingraten, KFZ-Versicherung und -steuer hat der Verein aus dem Vital-NRW Programm Landesmittel und bei der Gemeinde Stemwede einen Gemeindezuschuss beantragt. Wir hoffen, nach dem uns die Gemeinde Unterstützung zugesagt hat, in Kürze einen positiven Bewilligungsbescheid der Bezirksregierung zu erhalten. Erst danach dürfen wir einen Leasingvertrag für die in Aussicht genommenen Fahrzeugtypen unterschreiben.

 

Die Seniorenfahrdienst-Idee wird als vorbildlich gelobt, obwohl sie noch nicht realisiert ist. Können Sie unseren Lesern die wichtigsten Merkmale dieses Konzeptes nennen?

Grewe: Unser geplanter Fahrdienst wird nach telefonischer Bestellung mit drei Tagen Vorlauf aktiv. Er kann ausschließlich für im voraus geplante Termine in Anspruch genommen werden. Spontane Fahrtentschlüsse, wie etwa bei einem Taxi, können wir aus organisatorischen Gründen nicht bedienen. Der Anrufer erhält bei der Fahrtbestellung eine verbindliche Zusage, zu dem gewünschten Tag und Uhrzeit zu Hause abgeholt und nach Erledigung der Angelegenheit nach Hause zurückgefahren zu werden. Fahrten erfolgen nur werktags von 8 bis 18 Uhr. Der Fahrer oder Fahrerin wartet am Zielort der Fahrt, beziehungsweise es wird eine Abholzeit vereinbart. Anlass für eine Beförderung können sein: 1. ein Arztbesuch, 2. eine Einkaufsfahrt. 3. die Teilnahme an einer kulturellen Veranstaltung. Die Rechte und Pflichten der Fahrer werden in einem sogenannten Bordbuch geregelt.

 

Entstehen für die Mitbürger, die die Dienste des Vereins nutzen, auch Kosten?

Grewe: Es ist ein Beförderungsentgelt zu zahlen. Es setzt sich aus einem Grundbetrag von 3 Euro und einem Betrag von 30 Cent je gefahrenen Kilometer zusammen. Der Verein verwendet das Entgelt ausschließlich zur Finanzierung der Benzinkosten. Die Fahrer erhalten keine Entschädigung.

 

Wird der ehrenamtliche Fahrdienst nur Ziele in Stemwede anfahren dürfen, oder kann er die Senioren beispielsweise zu den Bahnhöfen in Rahden, Bohmte oder Lemförde bringen?

Grewe: Neben den innergemeindlichen Zielen werden auch Facharztpraxen, Krankenhäuser und Einkaufsstätten der näheren Umgebung angefahren. Daneben werden selbstverständlich auch Zubringerdienste zu den benachbarten Bahnhöfen und den Haltestellen des ÖPNV durchgeführt.

 

Apropos Senioren: Wird es eine Altersgrenze nach unten geben, oder wollen Sie auch jüngere Menschen befördern, die aus gesundheitlichen Gründen kein Auto fahren dürfen?

Grewe: Wie der Name des Vereins schon erkennen lässt, sind ältere Mitbürger und Mitbürgerinnen die Hauptzielgruppe der Fahrgäste. Unser Angebot richtet sich grundsätzlich an die Personen, die über kein eigenes Auto verfügen oder sich nicht mehr sicher im heutigen Straßenverkehr fühlen. Das Angebot kann berufstätige oder auswärts lebende Angehörige der betroffenen Personen wirksam entlasten. Die Beförderung jüngerer Mitbürger ist satzungsmäßig grundsätzlich ausgeschlossen, um den Status als gemeinnütziger Verein nicht zu gefährden. Wir müssen im Einzelfall prüfen, ob jüngere schwerbehinderte Personen ohne Anspruch auf Kostenübernahme von dritter Seite (etwa Krankenkasse, Sozialamt) befördert werden können.

 

Sie haben sich als ehemaliger erfahrener Behörden-Mitarbeiter sehr intensiv mit der Finanzierung, mit Zuschussmöglichkeiten und den rechtlichen Voraussetzungen beschäftigt. Wo liegen die größten Hürden?

Grewe: Der junge Verein verfügt naturgemäß noch über keine nennenswerte Eigenmittel. Von daher ist die 100-prozentige Drittfinanzierung die Voraussetzung zur Erfüllung des Vereinszweckes. Hierbei sind das Vital-NRW Programm zur Verbesserung der Mobilität im ländlichen Raum und die finanzielle Unterstützung der Gemeinde lobend zu erwähnen. Aber auch rechtliche Voraussetzungen waren zu erfüllen. Unser Vorhaben wurde vom Straßenverkehrsamt geprüft. Um die Anerkennung unserer Tätigkeit als gemeinnützig seitens des Finanzamtes zu bekommen, musste die Vereinssatzung die Anforderungen der Abgabenordnung erfüllen. Schließlich musste unter Mitwirkung eines Notars eine Anmeldung des Vereins zur Eintragung in das Vereinsregister beim zuständigen Amtsgericht in Bad Oeynhausen erfolgen.

 

Wie sieht es überhaupt mit der Finanzierung aus? Kann der eingetragene Verein neben Spenden auch öffentliche Zuschüsse bekommen?

Grewe: Aufgrund der Anerkennung des Verein als gemeinnützig erhält der Verein in puncto Leasingraten und Kfz-Versicherung gewisse Sonderkonditionen. Der Verein ist berechtigt, bei Direktzuwendungen steuerwirksame Spendenbescheinigungen auszustellen. Wie schon erwähnt, benötigt der Verein zur Anschaffung und Betrieb der Fahrzeuge öffentliche Zuschüsse. Wenn sich der Fahrdienst auf Dauer etablieren kann, dürfte der Zuschussbedarf sinken. Da wir die Wahrnehmung unserer Aufgabe als Beitrag zur Daseinsvorsorge sehen, hoffen wir auch nach Ablauf des jetzigen Förderzeitraumes am 31. Dezember 2022 auf weitere öffentliche Unterstützung.

 

Will der Verein zunächst mit nur einem Auto anfangen oder besser mit zwei? Und welche Voraussetzungen müssten diese Fahrzeuge erfüllen?

Grewe: Der Verein plant, zwei Leasingfahrzeuge zu beschaffen und ein weiteres Privatfahrzeug einzusetzen. Die Fahrzeuge werden auf die Gebiete der früheren Bezirke Dielingen/Haldem, Wehdem/Oppenwehe und Levern verteilt. Dadurch werden zu lange An- und Abfahrten zu den Bestellern vermieden. Die Fahrzeuge ermöglichen von ihrer Bauart her ein seniorengerechtes Ein- und Aussteigen und sind so geräumig, dass bei Bedarf auch mehrere Personen gleichzeitig befördert und zum Beispiel Rollatoren mitgeführt werden können. Die Fahrzeugführer benötigen keinen so genannten kleinen Personenbeförderungsschein. Es muss ein Fahrtenbuch geführt werden und die benutzten Fahrzeuge müssen einmal jährlich zur TÜV-Hauptuntersuchung.

 

Haben Sie schon Signale von Bürgern erhalten, die sich als Fahrer engagieren würden?

Die bisherige Resonanz auf unsere geplanten Aktivitäten war sehr erfreulich. Da eine zuverlässige Fahrtendurchführung von dem Engagement zahlreicher freiwilliger Helfer abhängt, würden wir uns über das Interesse von weiteren Stemweder Bürgern und Bürgerinnen an unserer Arbeit als Fahrer(in) und der Koordinierung der Fahrtanmeldungen sehr freuen. Wer also von seiner Freizeit einen kleinen überschaubaren Zeitraum für das Allgemeinwohl zur Verfügung stellen kann, ist uns herzlich willkommen.

 

Es gab innerhalb der Stemweder SPD mal Überlegungen, ein Bürgerbus-Projekt ins Leben zu rufen. Dieses Vorhaben scheint derzeit auf Eis gelegt zu sein. Wäre ein Bürgerbus-Konzept nicht auch eine Lösung für Stemwede?

Grewe: Wir haben uns in der Vorbereitung des Senioren-Fahrdienstes selbstverständlich auch mit dem Bürgerbus-Modell beschäftigt. Wir sind zu der Überzeugung gelangt, dass der Bürgerbus mit seiner festen Linie und den festen Haltestellen für das ländliche zersiedelte Gemeindegebiet von Stemwede nicht die optimale Lösung sein kann. Es wohnen einfach zu viele Senioren im so genannten Außenbereich – mit unzumutbaren langen Entfernungen zu den möglichen Haltestellen. Eine wirkliche Hilfe kann daher nur ein individuelles Beförderungssystem von Tür zu Tür bieten.

 

Zum Schluss eine heikle Frage, Herr Grewe: Kritiker könnten Ihrem Verein vorwerfen, dass Ihre Initiative – mit öffentlichen Geldern gefördert – eine unfaire Konkurrenz für Taxi- und Busunternehmen darstellt. Was entgegnen Sie darauf?

Grewe: Die Einrichtung eines Fahrdienstes für Stemweder Senioren sehen wir als Ergänzung zu den vorhandenen Verkehrseinrichtungen. In der zeitlichen Beschränkung und den infrage kommenden Fahrtzielen und dem Nutzerkreis grenzen wir uns bereits ab. Darüber hinaus halten wir unser Angebot auch aus sozialen Gründen für erforderlich, da sich viele unserer älteren Mitbürger die geltenden Taxi-Tarife nicht leisten können. Das Straßenverkehrsamt des Kreises Minden-Lübbecke hat unser Vorhaben geprüft. Wegen der besonderen Eigenart des Angebotes wird es für nicht genehmigungspflichtig nach den Vorschriften des Personenbeförderungsgesetzes angesehen.

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