40-jähriges Bestehen: Blaues Kreuz Stemwede hilft Betroffenen
Wenn Sucht das Leben zerstört

Stemwede (WB). »Ein Gläschen zum Runterkommen am Abend« – so hätte damals alles angefangen, erzählte Petra Cailliez. Rotwein sei ihr Einstieg in ein gewaltiges Suchtproblem gewesen. Heute ist sie »clean« und statt Wein gibt‘s Wasser.

Dienstag, 06.08.2019, 15:00 Uhr
Erwin Brinkmeier, Petra Cailliez, Sabine Haver, Christiane Brinkmeier, Renate Meyer, Hartmut Willmann, Edwin Michl, Günter Portmann, Jürgen Bark und Karl-Friedrich Weinberg freuten sich auf Gäste zur Jubiläumsfeier. Sie mixten alkoholfreie Getränke. Foto: Heidrun Mühlke

»Am Anfang war es das Gläschen Rotwein abends nach getaner Arbeit. Aber der Körper wollte immer mehr«, berichtet Cailliez. Die 55-jährige Bohmterin trank immer mehr. »Am Ende auch harte Spirituosen.« Es war ihre Familie, die sie immer häufiger mit ihrem Suchtproblem konfrontierte. »Natürlich hat sie unter der täglich betrunkenen Mutter gelitten«, sagt Cailliez.

Entgiftung

Gemeinsam fassten sie den Entschluss, dass etwas passieren musste und Petra Cailliez entschied sich zu einer Entgiftung unter ärztlicher Aufsicht. »Das hat gut geklappt«, sagt sie heute, aber ohne die Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes Stemweder Berg in der evangelischen Kirche (BKE) wäre sie längst rückfällig geworden. »Hier hat man mir damals geholfen, die Zeit von der Entgiftung bis zum Beginn der Therapie zu überbrücken«, sagt die Bohmterin. Das war 2014 und sie ist noch heute dabei.

Das BKE Stemweder Berg feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen. Seither kann die Selbsthilfegruppe auf eine Vielzahl an Erfolgen zurückblicken. Unzählige Menschen mit Suchtproblemen und deren Angehörige fanden hier den notwendigen Halt, um dem Leben eine Wende zu geben.

Tiefpunkt des Lebens

»Wir sind wie eine große Familie«, sagt Hartmut Willmann, Leiter der Stemweder Gruppe und selbst Betroffener. Auch er sei durch seinen übermäßigen Alkoholkonsum zum BKE gestoßen und ist froh, mit der Gruppe gleichgesinnte Freunde gefunden zu haben. Es sei so wertvoll, wenn man am Tiefpunkt des Lebens angekommen sei, in der Gruppe einen kleinen Funken Hoffnung zu erleben, sind sich die Mitglieder einig.

Gegründet wurde das BKE in Stemwede vor vier Jahrzehnten von Horst Brinkmeier sowie den inzwischen verstorbenen Paul Sellig und Pfarrer Wilhelm Dullweber, der damals auch dafür sorgte, dass die Gruppe im Haldemer Gemeindehaus einen Ort für Zusammenkünfte erhielt. Seither treffen sich die Betroffenen jeden Dienstag von 20 bis 22 Uhr dort, auch in den Ferienzeiten.

Jetzt auch Drogengruppe

»Die Tür steht für jeden offen, egal welcher Hautfarbe oder Religion«, laden die Mitglieder ein. »Wir sind da und reichen euch die Hand.« Alles was besprochen wird, bleibt im Raum. Neben den Gruppengesprächen gibt es Aktivitäten, Fahrradtouren, Wanderausflüge, Spieleabende oder Seminare.

2018 haben sich auch eine Drogengruppe sowie eine Angehörigengruppe zusammengefunden. Edwin Michl leitet die Drogengruppe. Er selbst habe ab dem Alter von 20 Jahren zehn Jahre lang Drogen konsumiert. Nach einem Entzug war er »clean«, verfiel aber fünf Jahre später der Spielsucht. »Ich war ganz am Ende«, gibt der 53-Jährige aus Damme unverhohlen zu. Auch er fand Halt in der Selbsthilfegruppe des BKE.

Kopf spielt nicht mit

»Die Einsicht muss beim Süchtigen vorhanden sein«, erklärt er, sonst sei alle Mühe vergebens. Nach einer Entgiftung brauche zwar der Körper keinen Alkohol mehr, aber: »Der Kopf spielt noch lange nicht mit!« Genau hier greift die Selbsthilfegruppe. Das BKE ist kompetenter Ansprechpartner für alle, die aus der Sucht heraus wollen und ihrem Leben so einen neuen Sinn geben wollen.

Am Samstag, 3.August, wurde das Jubiläum zunächst öffentlich für alle Interessierten am Dielinger Gemeindehaus gefeiert, abends intern mit offiziellen Gästen des BKE im Gasthaus Rosengarten.

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