Blinde Stemwederin Alexandra Wall übt bei Reha-Minden ihren Wunschberuf aus Sehbehinderte massiert Patienten

Stemwede/Minden (WB). Seit zwei Jahren ist Alexandra Wall aus Stemwede beim Mindener Zentrum für ambulante Rehabilitation und Physiotherapie als Masseurin und medizinische Bademeisterin beschäftigt. Das besondere daran? Alexandra Wall ist blind.

Alexandra Wall (rechts) hat bei Reha-Minden unter Arbeitgeber Andreas Sieker ein berufliches Zuhause gefunden. Fiona Vögeding von der Agentur für Arbeit unterstützte die beiden als Ansprechpartnerin bei nötigen Förder- und Umbaumaßnahmen im Betrieb.
Alexandra Wall (rechts) hat bei Reha-Minden unter Arbeitgeber Andreas Sieker ein berufliches Zuhause gefunden. Fiona Vögeding von der Agentur für Arbeit unterstützte die beiden als Ansprechpartnerin bei nötigen Förder- und Umbaumaßnahmen im Betrieb. Foto: Agentur für Arbeit

»Ich habe schon früher ab und zu meine Eltern oder Freunde massiert. Das hat mir Spaß gemacht, und man sagte mir oft, ich solle doch diesen beruflichen Weg einschlagen«, wird Alexandra Wall in einem Bericht der Agentur für Arbeit Herford zitiert.

»Ich habe trotzdem erst einige Praktika im Büro-Bereich gemacht – und dann ziemlich schnell festgestellt, dass das nichts für mich ist. Ich habe auch ein Schulpraktikum in einem Reha-Zentrum machen können. Natürlich durfte man dort nicht viel selbst Hand anlegen – aber ich habe bei diesem Praktikum dann doch sehr schnell entdeckt, dass ich diesen Berufsweg einschlagen möchte«, erinnert sich die heute 25-Jährige.

Die gebürtige Dielingerin kann nur zwischen hell und dunkel unterscheiden

Und so absolvierte sie die zweijährige Ausbildung zur Masseurin und medizinischen Bademeisterin mit anschließendem Anerkennungspraktikum. Außerdem qualifizierte sie sich durch eine Lymphdrainagefortbildung weiter. Als sie die Aus- und Fortbildung abgeschlossen hatte, begab sie sich Anfang 2015 – mit Unterstützung des Reha-SB-Teams der Agentur für Arbeit – auf Jobsuche.

Die gebürtige Dielingerin hat ein Sehvermögen von etwa zehn Prozent und kann nur zwischen hell und dunkel unterscheiden.

Fündig wurde man schließlich einige Monate später, als Reha-Minden eine freie Stelle als Masseurin und medizinische Bademeisterin ausschrieb, heißt es in dem Pressebericht weiter.

Eine Vermittlungsfachkraft schaltete sich sein

»Es war eine ganz normale, regulär ausgeschriebene Stelle«, erklärt Andreas Sieker, Inhaber von Reha-Minden. »Als Betrieb, der auch erweiterte ambulante Physiotherapie anbietet, müssen wir bestimmte räumliche, apparative und auch personelle Ausstattung vorweisen können. Zu den personellen Anforderungen gehört unter anderem auch die Beschäftigung eines ausgebildeten Masseurs und medizinischen Bademeisters mit Lymphdrainage-Kenntnissen.« (Medizinische Bademeister führen Behandlungen Massagen, Elektrotherapien oder Bäder zur Heilung oder Linderung bei Erkrankten durch, Anm. der Redaktion).

Diese Stellenausschreibung habe schließlich den Ball ins Rollen gebracht: Fiona Vögeding, Vermittlungsfachkraft für Integration behinderter Menschen im Arbeitgeberservice, schaltete sich ein: »Ich führe Gespräche mit den Kunden des Reha-SB-Teams aus den Kreisen Herford und Minden-Lübbecke und stelle den Kontakt zu möglichen Arbeitgebern her«, wird Vögeding zitiert. »So war es auch hier: Ich hatte Alexandra Wall durch meinen Kollegen im Reha-SB-Team kennengelernt und sie in meinen Bewerberpool aufgenommen. Durch Rücksprache mit einer Kollegin im Team des Arbeitgeberservice haben wir Reha-Minden als potentiellen Arbeitgeber ausgewählt. Gemeinsam mit der Kollegin bin ich dann zu Reha-Minden gefahren, um dort schon einmal von der Bewerberin zu berichten und offene Fragen zu klären«, erinnert sie sich.

Die Agentur für Arbeit finanzierte die Fahrtkosten

Kurze Zeit später erfolgte das Vorstellungsgespräch. Im Anschluss: Zwei Wochen Probearbeiten. Der erste Eindruck des Arbeitgebers? »Alexandra war von Beginn an zwar aufgeregt, aber sehr engagiert. Sie war fast schon ungeduldig, wollte beinahe schon mehr Arbeit, als wir ihr geben konnten. Das kennt man in der Form von neuen Mitarbeitern gar nicht«, erzählt Sieker. Das habe einen positiven Eindruck hinterlassen, und so stellte Andreas Sieker Alexandra Wall fest ein.

»Grundsätzlich können auch Sehbehinderte in unserem Berufsfeld – besonders im Bereich Massage – gut arbeiten. Natürlich gibt es Einschränkungen: Die Arbeit mit Verbänden ist für Alexandra schwierig, und man muss die passenden Patienten für sie auswählen. Außerdem musste viel umgerüstet und bedacht werden«, führt Siecker aus.

Aber auch diese Herausforderung wurde in Angriff genommen: Bis zu ihrem Umzug in die Nähe des Betriebes im April 2017 finanzierte die Agentur für Arbeit Alexandra Wall die Fahrtkosten für den Arbeitsweg von Stemwede nach Minden und förderte sie mit einem Training für den Umgang mit ihrem Blindenstock. Andreas Siecker kümmerte sich indes um die Installation eines Fußschalters für die Massagebank. »Unser Hausmeister hat den Fußschalter angebracht: Alexandra findet ihn wesentlich leichter, als den vorher vorhandenen Handschalter«, erläutert er.

Reha-Minden erhielt einen finanziellen Zuschuss

Die Agentur beteiligte sich an der Umrüstung mit einer Braillezeile und der entsprechenden Software für den Betrieb. »Der Umgang damit ist natürlich eine weitere Herausforderung, der wir uns stellen müssen«, sagt Siecker. »Um den erhöhten Einarbeitungsaufwand auszugleichen, haben wir Reha-Minden einen 50-prozentigen zwölfmonatigen Eingliederungszuschuss gewährt. Das bedeutet, dass Reha-Minden einen Zuschuss zu Alexandra Walls Arbeitsentgelt erhalten hat, um den Mehraufwand zu kompensieren«, erläutert Vögeding.

Seitdem würde das Arbeitsverhältnis für Siecker sehr zufriedenstellend verlaufen: »Alexandra ist nach wie vor sehr fleißig und motiviert, es hat sich nichts geändert«, betont er. Alexandra Wall ergänzt: »Ich wohne jetzt sehr nah am Betrieb, die Kollegen sind nett, meine Arbeit macht mir Spaß – ich bin hier glücklich.«

Arbeitgeber, die an der Beschäftigung von Schwerbehinderten interessiert sind, können sich unter der Rufnummer 0571/8867105 an Fiona Vögeding wenden. Schwerbehinderte Menschen – aber auch Rehabilitanden – auf der Suche nach einer Arbeitsstelle können die Agentur für Arbeit unter der kostenlosen Arbeitnehmer-Hotline 0800/4555500 erreichen, teilt die Einrichtung mit.

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