Schloss Haldem diente zur NS-Zeit zeitweise als Umerziehungslager Und niemand hat davon gewusst...

Stemwede (WB). Auf eine unrühmliche Vergangenheit blickt Schloss Haldem zurück: 200 Schüler der Oberschule Lüdinghausen wurden 1943 nach Haldem geschafft und dort in der »Führerschule Langemarck«, die damals dort untergebracht war, »umerzogen«.

Von Michael Nichau
In Schloss Haldem ist heute die LWL-Landesklinik für suchtkranke Täter untergebracht. Die Gebäude sind weitgehend erhalten geblieben.
In Schloss Haldem ist heute die LWL-Landesklinik für suchtkranke Täter untergebracht. Die Gebäude sind weitgehend erhalten geblieben.

Mitglieder der Geschichtswerkstatt Haldem um Hans Möller-Nolting (73) haben Licht ins Dunkel der NS-Geschichte des ehemaligen Gutes gebracht, das damals von den Nazis zum »Schloss« umbenannt und zur »Führerschule« geführt wurde. Dort wurden Hitlerjugend-Führer und Offiziere für ihre Einsätze vorbereitet.

Hans Möller-Nolting Foto: Nichau

Auslöser für die Nachforschungen war ein Besuch des ehemaligen Leiters der Sozialstation der heutigen LWL-Landesklinik Schloss Halden, Paul Bosse, bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt, die heute im Gewölbekeller des Schlosses untergebracht ist.

Bosse brachte ein Gedächtnisprotokoll eines Besuchs von Zeitzeuge Ernst Reinkemeier aus Brühl in der Klinik. Reinkemeier wollte sich das Gebäude anschauen, weil er am 17. September 1943 dorthin gebracht und einer staatsbürgerlichen Erziehung unterworfen worden war.

Ganze Schule deportiert

Reinkemeiers Geschichte war allerdings kein Einzelschicksal: Er berichtete, dass an seiner Oberschule in Lüdinghausen ein Hitlerbild aus einem Geschichtsbuch herausgeschnitten und verunglimpft worden war. Fünf Lehrer seien verhört und anschließen in das Konzentrationslager Dachau gebracht worden. Viele von ihnen seien nicht zurückgekehrt. Sie seien im KZ »an den Folgen von Krankheiten und Infektionen« gestorben.

Die Folgen des Vorfalls mit demn Hitlerbild, den man heute als Pennälerstreich abtun würde, waren verheerend für die Oberschule: Etwa 200 Schüler wurden am 16. September 1942 aus dem Unterricht geholt (die Eltern erhielten erst vier Tage später eine Nachricht) und in einem Zug nach Lemförde gebracht. Vor dort mussten sie zu Fuß nach Haldem marschieren.

Das Gedächtnisprotokoll schilderte die weitere Entwicklung. Hans Möller Nolting schrieb den Zeitzeugen an und konnte den Vorfall auch über das Lüdinghausen Archiv bestätigen lassen. Die Schilderungen Reinkemeiers erwiesen sich als korrekt.

In einem Brief am Möller-Nolting schildert Zeitzeuge Reinkemeyer seine schrecklichen Erlebnisse in Haldem:

Schreckliche Erlebnisse

»Wir mussten uns – klassenweise – nackt ausziehen. Dann wurden wir mit einer Handfeuerspritze von oben bis unten mit einer braunen Flüssigkeit desinfiziert. Anschließend ging es in die Waschhalle unter die kalte Dusche.« Danach erhielten die Schüler alte Kleider zugeworfen, die man nur mit Bindfäden befestigen konnte.

»Erst als alle Klassen durch waren, ging es in den Keller zum Essen. Die ›Burg‹ wurde von einem SA-Mann mit goldenem Parteiabzeichen geleitet. Morgens um 7 Uhr mussten wir auf dem Platz antreten. Dort waren auch Schießstände aufgebaut. Daran wurden die älteren Jahrgänge im Karabinerschießen ausgebildet. Alle erhielten ›politische Unterweisung‹«, schreibt Ernst Reinkemeier.

»In den ersten acht Tagen haben wir – die Jüngeren – von morgens bis abends in einem dunklen Kartoffelsilo gesessen und haben für die ganze Belegschaft (und die jungen Führungskräfte angehenden im Obergeschoss) Kartoffen geschält. Es ging sehr streng zu. Man durfte nicht reden. Das Kartoffelsilo wurde von außen durch eine Klappe beschickt.«

Heute ist die Geschichtswerkstatt mit ihrem Archiv in dem Gewölbekeller untergebracht, wo sich Küche und das Silo befunden hatten, erklärt Hans Möller Nolting die Lage der Räume. »Die Küche lag unten im Keller. Dahinter waren das Vorratslager und das Kartoffelsilo. Schläge waren an der Tagesordnung«, berichtet Reinkemeier in seinem Brief.

An die Front geschickt

Er hatte Glück: Die meisten der älteren Schüler erhielten eine Schnellausbildung im Schießen und wurden an die Front geschickt. Die jüngeren Schüler aus Lüdinghausen – die Oberschule war inzwischen geschlossen worden – blieben als Dienstkräfte an der Führerschule und hatten niedere Arbeiten zu verrichten.

Reinkemeier schreibt: »Im Park war ein See. In diesem stand knöchelhoch das Wasser. Wir mussten von morgens bis abends barfuß im See stehen und ihn von Unkraut befreien. Das Stehen im Wasser hatte zur Folge, dass wir uns den Unterleib total unterkühlten. Es war ja Oktober.«

Die Folgen waren Erkrankungen und katastrophale hygienische Verhältnisse in Schlafsaal, Fluren und Toiletten. Nur mit »Pferdedecken« durften sich die Schüler nachts zudecken.

Reinkemeier wurdeschwer krank«. Wegen der Unterleibs-Beschwerden wurde er vorzeitig entlassen, leidet aber bis heute unter den Spätfolgen der Infektionen. Wie allen anderen Schüler war ihm die Erlaubnis entzogen worden, die Abiturprüfung abzulegen.

Nach seinen Kenntnissen sei dies nur einem der 200 Schüler gelungen. Dieser erhielt die Zulassung zu einer kirchlichen Hochschule und wurde später Pastor in Münster.

Wacheschieben war eine Tortur

Auch »Wacheschieben« habe zu den Aufgaben der Oberschüler gehört. Sie patrouillierten entlang der zwei Meter hohen Mauer rund um das Schloss Haldem. »Wenn man nachts im Dunklen an der Mauer entlang ging, kamen junge Leute von außen über die Mauer und haben uns schrecklich verprügelt. Das Wacheschieben war also nicht sehr begehrt«, berichtetet Ernst Reinkemeier.

Dass die Angaben des Brühlers stimmen, bestätigen Dokumente aus dem Lüdinghauser Archiv. In der Tat wurden 200 Schüler der Oberschule mit der Umerziehung bestraft. Über die Art des Vergehens gibt es eine abweichende Angabe: »Schülern wurde am Tag der Kapitulation Italiens (25. Juli 1943) das Abzeichen der Hitler-Jugend abgerissen und das Bild Hitlers von der Wand genommen, aus dem Rahmen geschnitten, mit zotigen Zeichnungen versehen und mit der Rückseite nach oben wider aufgehängt. Nach einer anderen Beschreibung sei bei einer Rangelei das Bild Hitlers von der Wand gefallen und zu Bruch gegangen«, heißt es von dort. Auf jeden Fall hätte es in der Schülerschaft politische Diskussionen gegeben.

Daraufhin wurden auch die Lehrer als »politisch unzuverlässige Elemente« befragt, aus dem Dienst entfernt und bestraft.

Vortrag bei der Stiftung

Über die persönliche Erfahrung von Ernst Reinkemeier hat Hans Möller-Nolting bislang einmal vor der Bürgerstiftung Haldem referiert. »Die Führerschule ist von Haldem aus beliefert worden. Es haben Leute aus dem Ort dort gearbeitet. Angeblich hat niemand etwas von den Vorkommnissen gewusst oder erfahren«, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung.

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