164. Teil unserer Serie »Blick zurück – Rahden damals« von Claus-Dieter Brüning
„Speukenkieken“ im „Jägerkrug“

Rahden -

Auf interessante Dokumente ist Rahdens Stadtheimatpfleger Claus-Dieter Brüning gestoßen. Im Stadtarchiv hat er Aufzeichnungen und Bilder gefunden.

Samstag, 06.02.2021, 02:00 Uhr
Die Ansicht, wie sie seit 1900 nahezu unverändert ist. Der „Jägerkrug“ war direkt an der Foto: Claus-Dieter Brüning

Dieses Mal geht es um die Geschichte der Gaststätte „Jägerkrug“ und merkwürdige Geschehnissen in Rahden. Claus-Dieter Brüning schreibt:

Vor einigen Wochen stellte mir Ludwig Assling einige alte Zeitungsdungsausschnitte der Westfalen-Zeitung (einem Vorgängerblatt der Rahdener Zeitung) zur Verfügung.

Diese Ausschnitte beschäftigen sich mit dem „Jägerkrug“, einer alten Gaststätte in Kleinendorf, deren Ursprünge bis in die Zeit um 1750 zurückgehen und deren Umfeld noch in bis die heutige Zeit als „nicht geheuer“ gilt. Sie lag an der Weggabelung von Rahden nach Dielingen beziehungsweise nach Lemförde und unmittelbar vor dem Mühlendamm, wo schon seit Jahrhunderten die Aue gequert wurde.

Die Legenden kamen nicht von ungefähr, denn die Gaststätte stand direkt neben den Hohensteinen, einem alten Megalithgrab aus einer Zeit von etwa 3000 vor Christi Geburt.

Der obere Deckstein des Grabes war mit einer großen Steinplatte versehen, die am Rande eine sogenannte „Blutrinne“ gehabt haben soll. Mit dem Galgenkamp befand sich in der Nähe auch einst eine alte Hochgerichtsstätte, wovon heute noch eine Straßenbezeichnung herrührt.

Kein Wunder, dass sich genau hier in den ursprünglich aus heidnischen Bräuchen entstandenen „Zwölf heiligen Nächten“, die zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag lagen, allerlei Merkwürdigkeiten abspielten.

Nach alten Überlieferungen soll auch das Wäschewaschen in dieser Zeit mit Unheil verbunden gewesen sein.

So hat bei den Hohensteinen der Hackelbarg mit seinen wilden Hunden sein Unwesen getrieben. Auch das Kortwämmsken und der Böxenwolf sollen am Wegesrand für Schrecken und Bangen gesorgt haben. Bilder dieser Fabelwesen sind allerdings nicht überliefert worden.

Kein Wunder, dass bis in die Gegenwart immer gern sichere Kurzzeitunterkunft im „Jägerkrug“ gesucht wird, wo sich heute ein Griechisches Restaurant befindet.

Seit 1866 wird hier ein sogenannter Himmelsbrief verwahrt, der eine vermeintliche handgeschriebene Botschaft von Gott an die Menschen darstellen sollte und den Menschen Heil und Segen gegen Nöte und Sorgen versprach, wenn man sich denn an bestimmte Dinge und Rituale auch hielt.

Diese Briefe waren bis ins 19. Jahrhundert in der heimischen Region sogar recht verbreitet und wurden immer sehr sorgsam im Hause verwahrt, da sie der Legende nach direkt vom Himmel gefallen sein sollen.

Kaum jemand weiß, dass die Gaststätte um 1750 von einer Familie Jäger (daher auch „Jägerkrug“) eröffnet worden ist und später in den Besitz der Familien Pollheide und Assling überging. Unmittelbar gegenüber befand sich mit dem Gasthaus Schwettmann bis vor etwa 100 Jahren eine weitere Gaststätte. Daraus erwuchs dann später die Gaststätte „Winkelmann“ in Varlheide.

Gern kehrte man nach Feierabend, so auch auf dem Rückweg von den Baustellen oder von der Molkerei, „mal kurz“ in der Gaststätte auf ein Feierabendbier ein, dessen Fässer damals noch mit Eisstangen gekühlt wurden. Die alte hölzerne Eiskiste der Gaststätte wird heute bei der Brauerei Barre in Lübbecke verwahrt.

Jahrzehntelang planten vor hier aus (dem Gründungslokal) auch die Brieftaubenzüchter von „Gut Flug Varl“ die Einsätze ihrer „Rennpferde der Lüfte“ und hamsterten dabei zahlreiche Ehrenpreise ein.

Smartphones waren längst noch nicht erfunden und man tauschte die Nachrichten nur allzugern noch persönlich aus und befütterte zu späterer Stunde auch die Sagen und Legenden und betrieb die „Speukenkiekerei“.

Schön, dass in diesem Hause nach fast 275 Jahren immer noch die leider zur Zeit ruhende Wirtstradition gepflegt wird und hoffentlich schon recht bald wieder aufleben darf – und dann vielleicht wieder an alten und neuen Legenden „herumgesponnen“ wird.

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