Langjährige Suche von Klaus Gallas endet glücklich auf dem Lohkamp in Varl
Mariechen und der Stempelkasten

Rahden WB). Es sind bekanntlich die Eindrücke aus der Kindheit, die das Leben der Menschen am stärksten prägen, und so war es für den 79-jährigen promovierten Architektur-Historiker Klaus Gallas Zeit seines Lebens ein Bedürfnis, jene Frau wiederzufinden, die ihn als hungriges Flüchtlingskind so großzügig beschenkt und bewirtet hat.

Donnerstag, 03.09.2020, 02:00 Uhr
Reinhard Stevener und Klaus Gallas (von links) freuen sich über die erfolgreich beendete Suche. Foto: Peter Götz

Gast aus Weimar

Dr. Gallas lebt heute als Autor und Verleger mit seiner Familie in Weimar und fühlt sich dem Ort Varl, in dem er und seine Mutter nach der Flucht aus Berlin im Jahr 1941 nach mehreren Stationen eine Unterkunft fanden, immer noch sehr verbunden. Zum einen liegt hier sein Vater Gerhard begraben, zum anderen verspürte er, trotz seiner erfüllenden beruflichen Tätigkeiten als Forscher im Orient, Hochschullehrer in München und Kulturberater in Weimar stets den Wunsch, seiner Wohltäterin aus Kindertagen wieder zu begegnen.

Wurzeln in Varl

„Meine Wurzeln liegen in Varl“ So beschreibt der leger mit Jeans und Poloshirt bekleidete Herr gut gelaunt bei seinem Besuch im Garten von Sigrid und Reinhard Stevener seine Motivation, die Suche angesichts mehrerer Enttäuschungen niemals aufzugeben.

Unterstützung erhielt Klaus Gallas auf seiner langjährigen Zeitreise reichlich, unter anderen vom bereits verstorbenen Ortsvorsteher Werner Rohlfing, dem ehemaligen Stadtarchivar Werner Kirchhoff, seinem damaligen Klassenkameraden Heinz Polschinski und – nicht zu vergessen von der Rahdener Zeitung mit Artikeln und Aufrufen von Anja Schubert und Michael Nichau aus dem Jahr 2008. Wahrhaft detektivisches Gespür entwickelte im Anschluss an mehrere Fehlversuche Reinhard Stevener, der bis zum Herbst 2018 30 Jahre lang das Amt des Varler Ortsheimatpflegers ausübte und dementsprechend stets gut vernetzt ist. Wann immer sich eine aussichtsreiche Gelegenheit bot, brachte Stevener das Anliegen von Klaus Gallas zur Sprache.

Spur über Stempelkasten

Schlussendlich kam er, über die Erwähnung eines hölzernen Stempelkastens, auf die richtige Spur. Dieser Kasten, den der „lütje Gallas“ damals vom vermeintlichen „Mariechen“ mit auf den Weg bekam, stammte ursprünglich vom Varlheider Fleischbeschauer und Trichinengucker Christian Bollhorst, der ihn Anfang der 40er Jahre dem kleinen Friedel Fleddermann aus dem Haus Varl Nr. 99 zum Spielen überließ.

Als Friedel offenbar nach und nach das Interesse an den Gummibuchstaben verlor, verschenkte seine Mutter den Druckkasten an den aufgeweckten Flüchtlingsjungen weiter – und legte damit den Grundstein für die akademische Laufbahn des späteren Dr. Gallas, dessen Tätigkeiten stets mit Schrift beziehungsweise Druck zu tun hatten.

Mariechen war Linchen

Der eigentliche Umstand, der die Suche erschwerte war, im Nachhinein betrachtet die Tatsache, dass jahrelang nach einem vermeintlichen „Mariechen“ gesucht wurde, das tatsächlich Karoline hieß, also in Wirklichkeit ein „Linchen“ war. Nach dieser Erkenntnis richtete Stevener seine Recherchen auf die Person Karoline Fleddermann und zeichnete, mit Hilfe von Anni Lehde geb. Fleddermann und Enkelsohn Harald Lehde aus Niedermehnen folgendes Bild von der großzügigen Dame:

Karoline Fleddermann geb. Griepenstroh (1907 bis 1994), meistens Lina oder Linchen genannt, war eine äußerst aparte Erscheinung. Sie war attraktiv, akkurat, elegant, freundlich und zurückhaltend zugleich. Dazu kamen ihre künstlerischen Neigungen: Oma Lina war sehr musikalisch, spielte Violine sowie Mandoline und konnte ganz hervorragend singen. Zur Musik kam die Liebe zur Malerei. Sie malte vorzugsweise mit Öl auf Holz oder auf Bauernleinen meistens Blumen- oder Landschaftsmotive.

Berufsziel: Lehrerin

Diese Talente und Neigungen waren für eine Frau in der damaligen Zeit schon besonders. Trotz allem wollte Karoline Lehrerin werden. Diesen Wunsch konnte sie jedoch nicht realisieren, dazu fehlte das Geld. Später hatte sie dann die Möglichkeit, mehrere Jahre beim Varler Hauptlehrer Karl Vahle als Haushälterin zu arbeiten. So kam Lina dann doch noch mit dem Schulsektor in Berührung. Dass Karoline Fleddermann ein großes Herz hatte, ist ebenfalls bekannt. Dies bekam auch der Berliner Junge aus dem Varler Flüchtlings-Lager zu spüren, wenn er auf seinen Hamstertouren bei Fleddermanns vorbeikam.

„Diese täglichen „Hamstertouren“ durch das Varler Gelände waren gut und gerne zehn Kilometer lang,“ berichtete Klaus Gallas dieser Zeitung jetzt im Garten seines Freundes Reinhard Stevener, mit dem er regelmäßig in Kontakt steht. „Darum sahen meine Zeugnisse dementsprechend weniger gut aus, weil ich immer so lange unterwegs war“.

So führte seine nächste Lebensetappe zuerst nach Essen, wo er eine Ausbildung als Bergmann begann, obwohl er damals lieber Trompeter geworden wäre. Nach einer weiteren Ausbildung zum Bauzeichner, einem Abitur auf den zweiten Bildungsweg, mehreren Studien und Promotion in München, vielen Reisen und kulturellen Projekten, stand der – trotz aller Lebenserfahrungen jung gebliebene – beinahe Achtzigjährige, nun endlich wieder vor dem Haus, das seit 68 Jahren nur in seiner Erinnerung existierte, und in dem ihm so viel Gutes widerfuhr.

Aus dem damaligen Varl Nr. 99 ist inzwischen das Anwesen in der Straße Lohkamp Nr. 1 geworden, unweit der Leverner Straße etwa eineinhalb Kilometer Luftlinie entfernt südöstlich des Dorfkerns.

Anni Lehde trifft Gallas

Dort begrüßte Anni Lehde am 19. August 2020 den überglücklichen Klaus Gallas, führte ihn durch das Haus, den Garten und schenkte ihm ein von Karoline Fleddermann gemaltes Ölbild mit Varler Landschaftsmotiv. Nun bestanden bei ihm keinerlei Zweifel mehr, am richtigen Ort zu sein, obwohl sich die Gebäude sehr verändert haben, und seine Erinnerungen, in der langen Zeitspanne von beinahe 70 Jahren, langsam schon stark verblassten.

Dr. Klaus Gallas bedankt sich bei allen, die ihn damals und heute unterstützt haben, ganz besonders bei Anni Lehde für das tolle Gemälde aus der Sammlung ihrer Mutter. Er wird wohl auf Lebenszeit „seinem Varl“ und den Varlern freundschaftlich verbunden bleiben und freut sich schon jetzt auf seinen nächsten Besuch, obwohl seine so lange andauernde Suche nun definitiv ein glückliches Ende gefunden hat.

Kommentare

Irmgard Richter-Habenicht  wrote: 03.09.2020 12:07
Rahden
Meine Vorfahren stammen aus Rahden, mich würde interessieren, ob es eine Ortschronik oder sonstige Aufzeichnungen über die Einwohner gibt. Sollte es sie geben, wäre ich für jeden Hinweis dankbar.
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