150. Teil unserer Serie »Blick zurück – Rahden damals« von Claus-Dieter Brüning Ein Schuss traf Schierbaums Uhr

Rahden (WB). Auf interessante Dokumente ist Rahdens Stadtheimatpfleger Claus-Dieter Brüning gestoßen. Im Stadtarchiv hat er Aufzeichnungen und Bilder gefunden. Dieses Mal geht es um das Ende des Zweiten Weltkriegs in der Region. Claus-Dieter Brüning schreibt:

Die Standuhr Schierbaum mit Einschussloch (entstanden beim Einmarsch der Briten in Rahden).
Die Standuhr Schierbaum mit Einschussloch (entstanden beim Einmarsch der Briten in Rahden). Foto: Brüning

„Zum 150. Teil unserer Serie sollten wir schon eines ganz besonderen Anlassen gedenken. Denn in wenigen Tagen, am 8. Mai jährt sich zum 75. Mal die Kapitulation damit das Ende des II. Weltkrieges in Deutschland. Also ein ganz besonderer Tag, denn wann sind Deutschland in den vergangenen Jahrhunderten schon einmal 75 Jahre Frieden vergönnt gewesen?

Als junger Lehrer erstellte Günter Gehlker 1954 eine Jahresarbeit, die die Kriegs- und Nachkriegsereignisse in und um Rahden in der Zeit von März 1945 bis September 1945 sehr akribisch wiedergibt. Der spätere Rektor der Hauptschule Rahden-Wehe berichtet, dass am 4. April 1945 um 15 Uhr die Kampfhandlungen um den Ort Rahden begannen.

Von Levern über Twiehausen und Varlheide kommend gerieten die Briten aus Richtung Sudriede und Im Fang unter Beschuss. Das Feuer wurde sofort erwidert und infolgedessen brannten in diesem Bereich fünf Gebäude ab. Der damalige Feind rechnete jetzt ebenso wie auch in Levern mit erheblichem Widerstand aus dem Ort Rahden selbst und die leichte Artillerie feuerte von Varlheide in Richtung Rahdener Kirchturm.

Die Kirche selbst bekam keinen Treffer ab, aber gleich mehrere Granaten schlugen im Garten des Pfarrhauses ein. Ein Volltreffer riss ein großes Loch in die westliche Außenwand und ließ sämtliche Fensterscheiben zerbersten. > Die Rahdener Bevölkerung war bei Beginn des Beschusses sofort in die Keller geeilt und erwartete voller Sorge das Kommende.

Die meisten Einschläge der etwa einstündigen Beschießung lagen in Hausgärten um Flachs-, Feld- und Steinstraße. Eine Granate durchschlug das Dach des Kaufhauses Lübking, detonierte aber nicht. Ein Gewehrgeschoss oder Splitterteil landete in der Holzverkleidung der Standuhr der Familie Schierbaum, die damals das Haus neben Kaiser bewohnte.

Als die Briten dann von Gut Hohenfelde aus einem Stall von deutschen Truppen beschossen wurden, wurde dies mit Phosphorgranaten erwidert und der Stall ging ebenso in Flammen auf wie auch der Saal, mit Kegelbahn und der Rest des Gasthauses Koch in unmittelbarer Nähe.

Vom Kirchplatz aus wurden die Briten dann noch von einem weiteren deutschen Panzer beschossen. Der Widerstand erlahmte jedoch nach relativ kurzer Zeit und die Soldaten setzten sich Richtung Norden ab. In Höhe des Alten Marktes/Weller Straße wurde ein britischer Panzer noch mit einer Panzerfaust beschossen. Als die Briten das Feuer erwiderten, wurde Werner Pfeiffer aus Dresden schwer verletzt und verstarb am nächsten Tag im Rahdener Krankenhaus. Der letzte Schuss war gefallen und die Kampfhandlungen um Rahden hatten ein Ende. Die Häuser bebten danach noch einige Tage lang von den ununterbrochenen Kolonnen, die die Vormarsch der Alliierten fortsetzten.

75 Jahre danach sind in Rahden bis auf das Geschoß in der Wanduhr von Werner Schierbaum und den roten Dachpfannen des Hauses Lübking sowie dem Grab von Werner Pfeiffer keine Spuren des 4. April 1945 mehr sichtbar. > >

Wie mir Edith Lübking erzählte, hatte ihr Schwiegervater seinerzeit bei der Dachreparatur keine schwarzen Dachpfannen mehr bekommen und diese dann durch rote Pfannen ersetzt. Sein Sohn Christian habe dann später gesagt, dass diese roten Dachpfannen dort auf immer so verbleiben sollen, da sie daran erinnern, dass seit dem 4. April 1945 Frieden in Rahden eingekehrt ist. Mit etwas Fantasie kann man sogar erkennen, dass die Pfannen in einer Herzform gelegt worden sind.

Insofern stellen genau diese Dachpfannen einen ganz besonderen Lichtblick am Glindower Platz dar, den es so nicht geben würde, wenn diese Granate explodiert wäre. Ein sehr ansprechendes Ehrenmal ist dann 1965 in der Form eines liegenden Kreuzes am Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde entstanden und erinnert an alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Es lohnt sich, genau hier in Rahdens Mitte, gerade auch im Frühjahr 2020, einmal innezuhalten und über die Symbolik des liegenden Kreuzes und über 75 Jahre Frieden nachzudenken.“

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