Serie „Historische Verbrechen“ in Preußisch Oldendorf – Teil 2 über „Kirchenzucht im 18. Jahrhundert“
Ehebrecher beichten verbotene Liebe

Preußisch Oldendorf (WB). Reumütig trat am neunten Sonntag nach Trinitatis des Jahres 1720 der Holzhauser Johann Heinrich Bolte vor den Altar der Holzhauser Kirche. Unter den strengen Blicken von Pfarrer Friedrich Rothen bekannte er, gegen das sechste Gebot verstoßen zu haben: Du sollst nicht ehebrechen! Doch nicht nur der Geistliche war bei diesem Schuldbekenntnis anwesend, sondern die gesamte Gemeinde. Die öffentliche „Kirchenbuße“, wie es die Zeitgenossen bezeichneten, war Teil des sonntäglichen Gottesdienstes.

Dienstag, 09.06.2020, 09:00 Uhr
Im 18. Jahrhundert war es üblich, dass Ehebrecher den Verstoß gegen das sechste Gebot im Gottesdienst in der Holzhauser Kirche (hier eine Aufnahme von 1905) gestanden. Foto: Archiv der Kirchengemeinde Holzhausen

Und das hatte auch seinen Grund: Möglichst viele Personen sollten den Sünder sehen. Für den Ehebrecher selbst bedeutete die große Aufmerksamkeit sicherlich eine noch größere Tortur – und das war seitens der Obrigkeit durchaus gewollt. Denn im Rahmen der Kirchenbuße musste der Delinquent nicht nur seine Schuld eingestehen und bezeugen, gegen kirchliche Normvorstellungen und somit letztlich gegen die göttliche Ordnung verstoßen zu haben. Vielmehr bezweckte die Amtskirche auch eine abschreckende Wirkung. Wohl niemand wollte sich einer derart erniedrigenden Prozedur unterziehen. Der Vollzug der Strafe besaß demzufolge eine außerordentliche Symbolkraft, die abgesehen vom eigentlichen Täter zugleich das gesamte soziale Umfeld involvierte.

Die Inszenierung von Bestrafungsmaßnahmen war also eine Form der Herrschaftsausübung, mit der die Obrigkeiten ihre beanspruchten Rechtsbefugnisse eindrücklich zur Schau stellten. Gleichzeitig positionierten sich die Herrschenden als Hüter von Recht und Ordnung. Sie allein besäßen die Befugnis, Gesetzesnormen zu erlassen und Verstöße zu ahnden, so lautete die geläufige Meinung. Der öffentliche Vollzug einer Strafe war dabei eine ideale Möglichkeit für die gesetzgebende Gewalt, ihren Anspruch möglichst wirksam zu repräsentieren.

Verstoß gegen das sechste Gebot

Johann Heinrich Bolte war übrigens nicht das einzige Holzhauser Gemeindeglied, das vor dem Altar zur Rechenschaft gezogen wurde. Auch seine Geliebte Catharina Margareta Schröders, die am 4. Januar 1720 einen gemeinsamen Sohn geboren hatte, musste sich vor dem örtlichen Pfarrer verantworten. Die Geistlichen führten übrigens genau Buch über alle Personen, die „ob Pecatum contra Sextum öffentliche Kirchen-Busse gethan“ und gegen das sechste Gebot gehandelt hatten. Zwischen 1717 und 1745 registrierten die Pfarrer insgesamt 55 Verstöße gegen die kirchlichen Verordnungen zum vorehelichen Liebesleben. Mitunter blieb es nicht bei einer einmaligen Kirchenbuße.

So entsprang der außerehe­lichen Liaison zwischen Anna Sybilla Brinckmanns und Jobst Heinrich Wiesemann oder Höcker die Tochter Catharina Ilsabein, die im März 1732 getauft wurde. Vier Jahre später musste Brinckmanns erneut vor den Tisch des Herrn treten. Der Vater ihres außerhalb der Ehe gezeugten Sohnes Johan Heinrich war diesmal allerdings Johan Heinrich Schönebaum. Ebenfalls zweimal hatte 1739 Anna Elisabeth auf dem Kampe Rechenschaft abzulegen. Sie hatte zunächst angegeben, dass ihr Sohn Casper Heinrich aus der Affäre mit Heinrich Wilhelm Preven stamme. Nachfolgende Recherchen hatten jedoch ergeben, dass Johann Caspar Siebe der eigentliche Erzeuger des Kindes gewesen war – Anna Elisabeth wurde deshalb erneut zum Rapport gebeten.

Der preußische König Friedrich II. (1712–1786), der als Landesherr auch für das Kirchspiel Holzhausen zuständig war, erließ am 31. Mai 1746 ein Edikt, das die bestehende Ausübung der Kirchenbuße nachhaltig veränderte. Er verbot das öffentliche Schuldeingeständnis vor versammelter Gemeinde. An dessen Stelle trat die „Privat-Censur“, wie es im Holzhauser Kirchenbuch heißt. Bis 1774 ahndete der Pfarrer im Rahmen einer privaten Beichte 32 weitere Fälle. Die Dunkelziffer wird freilich weitaus höher anzusetzen sein. Allerdings konnten unverehelichte Frauen im Falle einer Schwangerschaft eine Liebschaft kaum verheimlichen. Ansonsten war, entgegen der landläufigen Auffassung, voreheliche Sexualität nicht per se verpönt. Problematisch gestaltete sich die Situation erst dann, wenn ein zuvor ausgesprochenes Eheversprechen nicht eingehalten wurde. Kirchenrecht und alltägliche Normvorstellungen wichen folglich zuweilen voneinander ab – verbotene Liebe ist also immer auch ein Stück weit Definitionssache.

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