Senioren erzählen, wie sie mit der Corona-Krise umgehen und ihr Mittwochskaffeetreffen vermissen
Fröhliche Runde wird schmerzlich vermisst

Preußisch Oldendorf (WB). Sie lieben die Geselligkeit, und gerade deshalb haben es Erich Tischer (99 Jahre), Martin Struß (89), Dr. Siegfried Scholz (92) und Ewald Schwarze (107) derzeit doppelt schwer. Eigentlich ist der Mittwoch nämlich der schönste Tag für die „Super-Senioren“ aus Preußisch Oldendorf (Kreis Minden-Lübbecke), die sich nach eigener Zählung schon mehr als 700 Mal in der Bäckerei Schröder zu Kaffee und Kuchen getroffen und das Weltgeschehen diskutiert haben.

Freitag, 01.05.2020, 03:21 Uhr aktualisiert: 01.05.2020, 05:00 Uhr
Ein Likörchen zum Abschluss: Martin Struß (89 Jahre/links) und Dr. Siegfried Scholz (92) beim 666. Kaffee-Treffen am 17. April 2019. Derzeit sind die Treffen verboten. Foto: Silke Birkemeyer

Nur eben nicht an diesem Mittwoch – und auch nicht an denen davor. In der Corona-Zeit müssen die alten Herren mit gravierenden Einschränkungen zurechtkommen. Am Telefon berichten sie, wie es ihnen derzeit ergeht.

Ob 89 Jahre oder 107 Jahre – in der Krise machen die fast 20 Jahre Differenz für die Männer des Kaffee-Stammtisches keinen Unterschied. Sie alle gehören zur Risikogruppe, sind gesundheitlich vorbelastet und erleben schwierige Zeiten.

Gespräche mit Angehörigen nur am Telefon

Erich ­Tischer, der sonst gerne kulturelle Veranstaltungen besucht hat und mit seinem motorisierten Rollator durch die Stadt gefahren ist, ist nun wie alle anderen Bewohner des Vitalis-Wohnparks auf den Platz in seinem Zimmer reduziert. Speisesäle und andere Räumlichkeiten, die sonst der Geselligkeit dienten, sind geschlossen. Die Mahlzeiten nehmen die Bewohner in ihren Zimmern ein und Gespräche mit den nächsten Angehörigen finden nur über das Telefon statt. Das ist extrem hart.

Erich Tischer (99).

Erich Tischer (99). Foto: Silke Birkemeyer

„Es ist schlecht über uns gekommen“, kommentiert Tischer die Situation. Den Kontakt zu seinen Mittwochskaffeemännern vermisst er sehr, ebenso wie viele andere Annehmlichkeiten. Als „langweilig“ und „jämmerlich“ beschreibt er die augenblickliche Situation. Ein Lichtblick ist für ihn der 13. August, sein 100. Geburtstag. Akute Planungen gebe es noch nicht, aber bis dahin sei ja auch noch etwas Zeit.

Gartenarbeit statt Kaffeetrinken

Zeit hat auch Martin Struß im Überfluss und freut sich über die kleinen Lockerungen. „Wir schlüren eigentlich gerne durch die Geschäfte und freuen uns richtig, dass die jetzt wieder aufmachen“, sagt der 89-Jährige. Corona-Krise heißt für ihn: länger schlafen und viel Gartenarbeit. Seine Enkel kann auch er zurzeit nicht treffen.

Neben den üblichen Wehwehchen ist der Oldendorfer gesundheitlich vorbelastet und muss vorsichtig sein. Seinen Humor hat er aber über die vergangenen sechs ­Wochen gerettet: „Das Auto bleibt stehen, wir gehen nicht zum Kaffeetrinken: Da habe ich doch Geld gespart.“ Zum Kaffeetrinken gehen muss allerdings schon lange keiner der Rentner: Die Bäckerei Schröder bietet der stadtbekannten Runde einen kostenlosen Fahrdienst an. Der ist natürlich jetzt nicht notwendig.

Tierarzt hat nichts zu Meckern

„Das ist keine erfreuliche Situation, aber wir sind noch gut dran“, resümiert Dr. Siegfried Scholz (92 Jahre). Er verbringt viel Zeit im heimischen Garten bei einer Tasse Tee, liest mehrere Tageszeitungen und ­Bücher und sieht aktuell mehr Fernsehen als sonst. „Mir fehlt nichts, was mir nicht sonst auch fehlen würde aufgrund meines Alters“, sagt der pensionierte Tierarzt. Für die Versorgung mit Lebensmitteln greifen er und seine Frau auf die Hilfe der Tochter zurück. Viel Positives kann er nicht berichten, Gründe zum ­Meckern gebe es aber auch nicht.

Ewald Schwarze (107).

Ewald Schwarze (107). Foto: Silke Birkemeyer

Mit 107 Jahren ist Ewald Schwarze der Älteste der Runde und prinzipiell aktiv und rege wie immer. Kreuzworträtsel, das Studium der Zeitung und die übliche Korrespondenz füllen seine Tage. Er sei beschäftigt, telefoniere regelmäßig mit seinen Angehörigen und hat Zeit, sich zu erinnern. „Vor 100 Jahren habe ich hier um die Ecke Fußball gespielt.“

Kleine Lockerungen sorgen für Abwechslung

Zwei Weltkriege, Kriegsgefangenschaft, drei Währungsreformen und viel Leid hat er gesehen und erlebt. Auf der einen Seite gelassen, ist diese Zeit aber auch für ihn eine besondere Herausforderung. „Da sitzt man hier und bläst Trübsal.“ Höhepunkte sind die jetzt mög­lichen Besuche auf einer Terrasse des Wohnparks – mit Mundschutz natürlich. Und eine Neuerung, die seit Dienstag gilt. Jetzt können sich Bewohner und einzelne Angehörige zur festen Zeit für 30 Minuten an einem vorbereiteten Platz im Speisesaal treffen.

Ein ­Sicherheitsglas sorgt dabei für den gebotenen Abstand am Kontakttisch, nach dem Besuch wird gründlich desinfiziert. Die ersten Kontakte hätten bereits stattgefunden, sagt Einrichtungsleiterin Katja Lammert und berichtet von rührenden Szenen und natürlich auch Tränen. Es sei eine psychische Belastung für die älteren Menschen und auch für die Mitarbeiter, die sich nur noch mit Mundschutz begegnen.

Die Bewohner fühlten sich nicht ernst genommen, hätten ein ereignisreiches Leben hinter sich und dürften nun nicht mehr selbstbestimmt leben. Katja Lammert. „Es müssen ganz schnell ­Lockerungen her.“

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