Abschied von einem historischen Ort in Preußisch Oldendorf: Pachtvertrag läuft aus – Zukunft ungewiss Der Pollertshof ist Geschichte

Lübbecke/Preußisch Oldendorf (WB). Seit 1977 ist der Pollertshof in Preußisch Oldendorf das Jugendfreizeit- und Seminarhaus des Kirchenkreises Lübbecke. In wenigen Wochen werden die Türen geschlossen. Der Kirchenkreis hat sich zu diesem Schritt entschieden, da die Einrichtung finanziell als nicht mehr tragbar gilt. Die Zukunft des Hofes ist ungewiss.

Von Charlotte Peitsmeier
Das vorerst letzte Gruppenfoto am Pollertshof mit (von links) Anke Hülsmeier, Kerstin Böger-Fischer, Ulrich Hüsemann, der langjährigen Hausmeisterin Ulla Glaremin, Helmut Schlingheide, Benjamin Tinz, Ewald Kröger, Dominic Dingersen, Superintendent Dr. Uwe Gryczan und Pastor Michael Weber
Das vorerst letzte Gruppenfoto am Pollertshof mit (von links) Anke Hülsmeier, Kerstin Böger-Fischer, Ulrich Hüsemann, der langjährigen Hausmeisterin Ulla Glaremin, Helmut Schlingheide, Benjamin Tinz, Ewald Kröger, Dominic Dingersen, Superintendent Dr. Uwe Gryczan und Pastor Michael Weber Foto: Charlotte Peitsmeier

Etwas zu grell leuchten die orange-gelben Wände im Kontrast zum gesprenkelten Fliesenboden, die Vorhänge sind an manchen Stellen bereits vergilbt. Und doch könnte es für Ann-Sophie Sandrock keinen schöneren Ort geben, wenn sie die Treppen zu den Schlafräumen im ersten Stock des Pollertshofs hochgeht: »Es ist wie nach Hause kommen. Der Pollertshof ist meine gesamte Kindheit«, sagt die 17-Jährige aus Wehdem, die viele Stunden im Pollertshof verbracht hat und eine berufliche Laufbahn als Jugendreferentin anstrebt.

»Der Ort hat vielen Menschen ein Zuhause gegeben«

Rustikale und zweckmäßige Zimmer: Der Freiwilligendienstleistende Maximilian Hafer (auf der Leiter), Praktikant Ben Luca Fischer (im Bett) und die FSJler Marius Klüve, Marius Lückemeier sowie Ann-Sophie Sandrock nehmen Abschied vom Pollertshof. Foto: Charlotte Peitsmeier

Ann-Sophie Sandrock war eine von vielen Weggefährten des Pollertshofes (»Poho«), die am Samstag zur offiziellen Abschiedsfeier kamen. Beinahe jeder der Anwesenden war durch seine eigene Geschichte mit dem geschichtsträchtigen Haus verbunden. So wie der ehemalige Jugendpfarrer Helmut Schlingheide, der den Pollertshof 1976 zum Jugendfreizeitheim umfunktionierte und bis 1999 die Leitung innehatte: »Es ist nicht bloß ein Jugendfreizeitheim, es ist ›unser‹ Pollertshof. Der Ort hat vielen Menschen ein Zuhause gegeben.« Schlingheide prägte den Charakter des Hauses, das zum Vorreiter für das Jugendfreizeitwesen der 1970er Jahre wurde. Gruppen aus ganz Deutschland kamen nach Preußisch Oldendorf und verbrachten hier – ganz nach Schlingheides Konzept der Erlebnispädagogik – eine unvergessliche Zeit.

Schlingheide und Ewald Kröger, der als Jugendreferent von 1999 bis 2006 Leiter des Hauses war, gaben einen Einblick in die bewegte Geschichte. Dabei wurde deutlich, dass der Charakter des Hauses als ein Ort der Nächstenliebe stets erhalten blieb. Mit Beginn der diakonischen Arbeit wurde der Pollertshof 1851 zum Rettungshaus für verwahrloste und bettelnde Jugendliche. Der »Poho« war damit die früheste diakonische Einrichtung der Evangelischen Kirche von Westfalen. Er fand landesweit Nachahmung.

Hilfe für den »Poho« kam aus den USA

In seiner langen Geschichte hatte der Pollertshof immer wieder mit finanziellen Engpässen zu kämpfen, besonders in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war die Lage der Kinder auf dem Hof »bedrückend und trostlos«, wie Ulrich Rottschäfer in seinem Buch »Erweckung und Diakonie im Ravensberger Land – das Rettungshaus Pollertshof« schreibt. Hilfe kam aus den USA. Dort hörten die Enkel von Auswanderern, dass es »ihrem« Pollertshof schlecht gehe. Sie leiteten ein Hilfsprogramm in die Wege. Durch die Spenden ließ sich die Einrichtung einige Jahre lang finanzieren. Es trafen sogar Care-Pakete mit Mehl, Zucker und Kondensmilch ein.

Das älteste Foto vom Pollertshof aus 1877: In Zeiten großer wirtschaftlicher Not war der Hof eine »Rettungsanstalt«. Das Bild zeigt drei Kinderfamilien, die linke wird von Bruder Kühne betreut, inmitten der rechten Knabengruppe sitzt Bruder Buckesfeld. Foto: aus Buckesfeld, Auf Wichern Pfaden, Leipzig 1934

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnte die Einrichtung mit der Entwicklung in der Pflegearbeit nicht Schritt halten. 1975 musste das Pflegeheim schließen und an den Vermieter, die Kirchengemeinde Preußisch Oldendorf, zurückgeben werden. Bis schließlich Jugendpfarrer Schlingheide auf das Objekt aufmerksam wurde, das wie gemacht war für Freizeiten und Schulungen ehrenamtlicher Jugendgruppenleiter.

Der Rest ist bekannt. Nach einer aufwendigen Renovierung wurde am 3. Advent des Jahres 1977 die Einweihung gefeiert. 14 Jahre später erneut renoviert: Es entstand eine Aula mit Empore, ein Andachtsraum, ein Atrium im Innenhof und auch die Küche wurde durch eine Vergrößerung leistungsfähiger. Dem Stiftungswillen als diakonische Einrichtung wurde bis heute Rechnung getragen.

Sanierung könnte bis zu zwei Millionen Euro kosten

Jugendpfarrer Benjamin Tinz richtete am Samstag den Blick auf die Zukunft. »Die Jugendarbeit hängt nicht an einem Haus, sie geschieht in den Herzen und Köpfen der Menschen, die sie leben.« Dennoch verblieb am Samstag bei manchen Gästen die Frage: »Hätte das nicht auch anders gelöst werden können?«

Michael Weber, Pfarrer in Preußisch Oldendorf, sagte zur Zukunft des Pollertshofs: »Momentan läuft eine ›Gnadenfrist‹ von einem Jahr, ehe wir als Kirchengemeinde das Grundstück zurückbekommen.« Schon vor zwei Jahren habe man mit Verhandlungen über die Fortführung der Einrichtung begonnen, unter anderem mit allen großen diakonischen Einrichtungen. Vom Kindergarten übers Altenheim hin zum Kulturzentrum prüfe man alle Möglichkeiten – bislang ohne Erfolg. Das Problem: »Es handelt sich um ein Haus mit Geschichte und Tradition, aber auch mit Sanierungsbedarf.« Im Raum steht eine Summe von bis zu zwei Millionen Euro, die die Sanierung des Hauses kosten könnte. Pfarrer Weber hofft, bei einer Gemeindeversammlung im nächsten Jahr Positiveres berichten zu können: »Wir möchten eine Lösung finden, die der Historie des Hauses Rechnung trägt – und den Menschen, die für den Pollertshof gelebt haben.«

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