Fristlose Entlassung Prof. Johannes Zeichens bringt Mühlenkreiskliniken unter Druck
Chefarzt genötigt?

Minden (WB). Fristlose Kündigung samt Hausverbot: Als die Mühlenkreiskliniken (4400 Mitarbeiter) am 29. März Prof. Johannes Zeichen, den Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, vor die Tür setzten, hoffte der Vorstand vielleicht noch, die Folgen unter Kontrolle zu haben.

Freitag, 05.04.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 05.04.2019, 18:56 Uhr
Prof. Dr. Dr. med. Johannes Zeichen ist Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie, Sportmedizin und Rettungsmedizin. Seit 2008 arbeitete er in Minden. Foto: Mühlenkreiskliniken

Inzwischen sprechen andere mit: Die Berufsgenossenschaft hat der Uniklinik vorerst die Teilnahme am sogenannten Schwerstverletzungsartenverfahren (SAV) entzogen, und die Ärztekammer in Münster prüft, ob das Krankenhaus weiter Ärzte ausbilden darf.

Um den Fall zu verstehen, muss man wissen: Ärzte können im Krankenhaus zwei Zeugnisse bekommen: ein normales Arbeitszeugnis, wie es jeder Arbeitnehmer kennt, und ein sogenanntes Weiterbildungszeugnis.

Dieses stellt der Weiterbildungsbefugte aus, in der Regel ein Chefarzt. Er bescheinigt dem Arzt darin, eine bestimmte Zahl bestimmter Tätigkeiten absolviert zu haben. Nur mit diesem Zeugnis kann sich ein Arzt bei der Ärztekammer zur Facharztprüfung anmelden.

Zeichen soll unter Druck unterzeichnet haben

Im konkreten Fall war ein Arzt mit seinem Arbeitszeugnis nicht einverstanden und klagte vor dem Arbeitsgericht Minden. Bereits im Gütetermin einigten sich die Parteien. Die Mühlenkreiskliniken akzeptierten den Zeugnisentwurf, den der Arzt selbst verfasst hatte. Zu dem Vergleich gehörte auch, dass Professor Johannes Zeichen das Zeugnis unterschreiben sollte.

Als er das später tun sollte, soll er sich geweigert haben. Angeblich wurde ihm von einem Klinikmitarbeiter gedroht, er müsse »die Verfahrenskosten« tragen, wenn er nicht unterschreibe (Anm.: solche Kosten gab es nach Angaben des Gerichts gar nicht).

Zeichen soll sich unter Druck gesetzt gefühlt und deshalb unterzeichnet haben. Später wandte er sich an die Ärztekammer, wo er sich über diese »Nötigung« beschwert haben soll. Das soll der Grund für den fristlosen Rauswurf gewesen sein.

Ärztekammer Westfalen-Lippe prüft den Fall

Die Ärztekammer Westfalen-Lippe prüft den Fall derzeit akribisch: Wenn es wirklich nur ein reines Arbeitszeugnis war, ist die Kammer außen vor. Wenn es aber um Weiterbildungsinhalte ging und der Chefarzt gedrängt wurde, Dinge wider besseres Wissen zu bescheinigen, könnte die Kammer drastische Sanktionen ergreifen.

Am Ende könnte der Entzug der Weiterbildungserlaubnis stehen – ein für die Mühlenkreiskliniken existenzgefährdendes Szenario.

Diese Gefahr hat das Klinikum erkannt. Es ließ sich inzwischen von dem renommierten Arbeitsrechtler Prof. Rolf Bietmann aus Köln beraten, der zu dem Schluss gekommen sein soll, dass es kein Risiko gebe – weil es sich nur um ein gewöhnliches Arbeitszeugnis gehandelt habe.

Diese Einschätzung wurde inzwischen auch intern im Mühlenkreisklinikum verbreitet, um Mitarbeiter zu beruhigen. Die Ärztekammer hat ihre Prüfung noch nicht beendet.

Ansehensverlust für die Universitätsklinik fällt ins Gewicht

Wegen der Entlassung des Chefarztes erfüllen die Mühlenkreiskliniken nun nicht mehr die von den Berufsgenossenschaften geforderten personellen und fachlichen Voraussetzungen, bestimmte Schwerstverletzte nach Arbeitsunfällen zu versorgen und die Behandlung mit den Berufsgenossenschaften abzurechnen.

Der dadurch entstehende wirtschaftliche Schaden soll überschaubar sein. Schwerer dürfte der Ansehensverlust für die Universitätsklinik ins Gewicht fallen.

Der Verwaltungsrat der Mühlenkreiskliniken soll in die Kündigung nicht eingebunden gewesen sein. Landrat Dr. Ralf Niermann (SPD), Vorsitzender des Verwaltungsrats: »Dr. Bornemeier, der Vorstandsvorsitzende des Klinikums, hat mich einen Tag vorher informiert, dass es zu der fristlosen Kündigung kommen werde.«

Er sei »sehr überrascht« gewesen, weil er um die Kompetenz des Chefarztes gewusst habe. Auch habe er negative Auswirkungen befürchtet, sagte der Landrat. »Aber Herr Bornemeier hatte sich vorher beraten lassen, und letztlich muss er als Vorstandschef die Entscheidung treffen.«

»Wir befürchten negative Folgen für das Klinikum«

Niermann sagte, er habe die Causa Zeichen auf die Tagesordnung der nächsten Verwaltungsratssitzung gesetzt, die am Dienstag stattfindet.

Gestern erreichte der Fall auch den politischen Raum. Die FDP-Fraktion im Kreistag warf die Frage auf, ob die Entlassung angemessen gewesen sei. Hans-Eckhard Meyer, Fraktionsvizevorsitzender aus Rahden: »Wir befürchten weitreichende negative Folgen für das Klinikum. Bereits heute ist an den Reaktionen der Ärzteschaft im Kreis Minden-Lübbecke und an der Solidarität aus dem engeren Kollegenkreis von Prof. Zeichen zu erkennen, welches Unverständnis auf allen Ebenen hervorgerufen wurde.«

2018 hatten die Mühlenkreiskliniken Gegenwind aus der Bevölkerung bekommen, weil sie die Geburtshilfe aus Lübbecke abziehen und das Krankenhaus Rahden schließen wollten. Der Protest wurde so stark, dass der Verwaltungsrat schließlich die Vizevorstandsvorsitzende Dr. Kristin Drechsler entließ.

Kommentare

Dr. Clemens Diessel  wrote: 07.04.2019 16:53
Kündigung Prof. Zeichen
Ein Kündigungsstreit kann nicht die wahre Begründung einer derart eingreifenden sofort wirksamen Kündigung mit Hausverbot sein. Da gibt es viel tiefreichendere Gründe, die man aber nicht nennen will. Ich selbst habe eine fünffache Kündigung mit abstrusen Gründen durch das Klinikum Osnabrück hinter mir. Man kann das im Netz recherchieren. Die Gründe waren schließlich alle unwirksam. Das führt dann zur Gehaltszahlung mit sämtlichen hochgerechneten Nebeneinkünften bis zur Regelaltersgrenze, mit mir bestätigt durch das Landesarbeitsgericht. Die Geschäftsführung, die sich wie immer zuvor angeblich hat beraten lassen, war sicher nicht gut beraten. Das sollten sich Bürger und Mitarbeiter klar machen, die das hinterher alles bezahlen dürfen - wie in meinem Fall auch. Prof. Zeichen sollte sich öffentlich nicht äußern und einfach stehen bleiben. Er wird gewinnen, und ich gönne es ihm. Viele Grüße
Niko  wrote: 06.04.2019 07:54
Letzte Hoffnung Ärztekammer
Was der potentielle Patient, Steuer- und Beitragszahler niemals begreifen wird ist die mangelnde Identifikation der öffentlichen Verwaltung mit den elementarsten Bedürfnissen an vertrauenswürdig gesicherter Qualität.
Die Dimension des Oldenburg/Delmenhorster Serienmordes an Patienten war vor allem die Folge eines falsch wohlwollenden Arbeitszeugnisses.
Leitende Ärzte sind die eigentlichen Garanten medizinischer und ethischer Mindeststandards. Als letztes und einziges Machtmittel der Ärzteschaft gegenüber den Klinikträgern ist die Vergabe der Weiterbildungsberechtigung geblieben.
Im Fall Klinikum Mannheim war 2014 die Kündigung des Direktors der Augenklinik Prof. Jonas nur der Auftakt zu einem unglaublichen Hygieneskandal. Verursacht durch das System Dänzer mit eingeschüchterter oder bonusverstrickten Belegschaft.
Die Ärztekammer alleine garantiert noch Vertrauenswürdigkeit, gewählte Amtsträger scheinen dagegen ihre wichtigste Pflicht nicht immer zu kennen.
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