Palliativ- und Hospiz-Fachtag – Netzwerk hat 1300 Menschen betreut Nachfrage ist kaum zu bewältigen

Minden (WB/PAM). Wenn 150 haupt- und ehrenamtliche Fachkräfte aus den Bereichen Palliativ-Medizin und -Pflege sowie Hospizbegleitung nach fast sechs Stunden Fachtagung großen Beifall spenden, dann muss viel Positives vorausgegangen sein.

Fachleute zur Betreuung Sterbender und Schwerkranker: Dr. Toni Huber, Heiko Bölling, Anke Lesner, Dr. Tanja M. Brinkmann und Daniela Möller-Peck (von links) haben den 2. Fachtag Palliativ- und Hospizversorgung im Mühlenkreis mit rund 150 Teilnehmern bestritten.
Fachleute zur Betreuung Sterbender und Schwerkranker: Dr. Toni Huber, Heiko Bölling, Anke Lesner, Dr. Tanja M. Brinkmann und Daniela Möller-Peck (von links) haben den 2. Fachtag Palliativ- und Hospizversorgung im Mühlenkreis mit rund 150 Teilnehmern bestritten. Foto: Hans-Jürgen Amtage

Im neu gestalteten Sitzungssaal des Kreishauses in Minden war das am Samstag der Fall, als der zweite Fachtag zur Palliativ- und Hospizversorgung im Mühlenkreis unter dem Thema »Wenn einen die Geschichte einholt – Sterben und unverarbeitete Traumata« zu Ende ging. Fast doppelt so viele Teilnehmer wie im Vorjahr waren der Einladung des Ambulanten Palliativ Netzes (PAN) Minden-Lübbecke gefolgt. Sie ließen sich vom Pädagogen Dr. Udo Baer, Pädagogin Anke Lesner und Soziologin Dr. Tanja M. Brinkmann darüber informieren, wie Begleiter und Versorger unverarbeiteten Traumata der Lebensgeschichte ihrer Patienten im Sterbeprozess begegnen können.

Zwei Drittel der Menschen über 70 sind traumatisiert

Udo Baer sagte, dass etwa zwei Drittel der Menschen über 70 Jahre im Krieg und in der Nachkriegszeit traumatisiert wurden. Diese Lebenserfahrungen würden häufig in der letzten Lebensphase wieder lebendig: »Da können Stiefelschritte auf dem Flur schlimme Kriegserinnerungen wachrufen und heftige Reaktionen auslösen.« Häufig sei das für die Betreuer unerklärlich, bis sich die Gründe erschlössen. Dabei bedürfe es meist gar nicht großer therapeutischer Anstrengungen, um den Ängsten der Betroffenen zu begegnen. Körperliche Nähe und beruhigende Worte seien häufig ausreichend.

Was viele Jahrzehnte ein Tabuthema war, kann ebenfalls seelische Erschütterungen und tiefe Verunsicherung vor allem bei älteren Patientinnen auslösen: sexualisierte Gewalterfahrungen. Anke Lesner sagte, sie erlebe immer wieder, welche weitreichenden Folgen diese Form der Gewalt für die Frauen haben. »Lange Zeit gab es keine Gesprächsangebote in der Gesellschaft«, sagte die Leiterin der Regionalstelle Westfalen-Lippe der Landesfachstelle »Trauma und Leben im Alter«, die im August 2016 gegründet wurde. Umso wichtiger sei es heute, diesen lange zurückliegenden Ereignissen Raum zu geben, wenn die Frauen darüber sprechen.

»Zuhören und Glauben schenken«

»Zuhören und Glauben schenken« seien besonderer Bedeutung. Dies in der Betreuung im tägliche Umgang »mit viel Sterben und viel Tod«, verlange den Betreuenden viel ab, sagte Soziologin und Krankenschwester Tanja M. Brinkmann. Studien zeigten, dass die Arbeitszufriedenheit der ehrenamtlichen und hauptamtlichen Fachkräfte in der Palliativ- und Hospizversorgung sehr hoch sei: »Aber nahezu alle stellen sich die Frage, ob sie das ganze Arbeitsleben dabeibleiben können.«

Wesentlich sei, Nähe und Distanz in der Waage halten, sagte Heiko Bölling, Leiter der Palliativstation im Johannes-Wesling-Klinikum Minden, der gemeinsam mit der PAN-Koordinatorin Daniela Möller-Peck den Fachtag moderierte. Tanja Brinkmann sprach von »professioneller Nähe«, in der ein Stück Leichtigkeit bewahrt werde. Denn alle Beteiligten wollten nicht nur Fachlichkeit, sondern auch Menschlichkeit – im Grunde ein Stück Normalität in der Phase des Sterbens.

»Guter Ruf entwickelt sich zum Bumerang«

Das PAN arbeitet seit 2007 erfolgreich und genießt bundesweit Aufmerksamkeit, wenn es darum geht, bei der palliativen Begleitung den Mantel (lateinisch: pallium) schützend um die Schwerstkranken zu legen. »Doch der gute Ruf entwickelt sich zum Bumerang«, sagte der PAN-Vorsitzende de, Hausarzt und Palliativmediziner Dr. Toni Huber. »Das Netzwerk betreute im Mühlenkreis 1300 Personen im vergangenen Jahr, Tendenz steigend.« Dies sei eine kaum noch zu bewältigende Dimension, speziell bei den Ärzten. »Von 160 Medizinern im Kreis sind nur 15 im Palliativbereich tätig«, erklärte Huber. Daher sei die Sorge groß, wenn Aktive wegbrächen und die Zahl der zu Betreuenden weiter steige.

Zum Politikum wird das Ganze dann, wenn, wie jetzt bekannt wurde, die Netzwerkarbeit der Landesfachstelle »Trauma und Leben im Alter« nach gut einem Jahr wieder eingestellt werden soll. »Eine Entscheidung, die dazu führen könnte, dass dieses zentrale Gesellschaftsthema wieder zum Tabu wird, mahnen Anke Lesner und ihre Mitstreiter.

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