Lübbecker Gymnasiasten aktiv am neuen Online-Format „Covid Talk“ beteiligt
Schüler sprechen über ihre Sorgen

Lübbecke (WB) -

Zum Schulpsychologen? Davor schrecken die meisten Schüler zurück. Und das, obwohl sie die Hilfe gut gebrauchen könnten – gerade in der teils sehr erdrückenden Corona-Zeit.

Montag, 01.03.2021, 20:15 Uhr aktualisiert: 02.03.2021, 07:08 Uhr
Elisa Heinrich, Schülersprecherin des Wittekind-Gymnasiums, im Gespräch mit Schülermoderatorin Maja Machalke vom Detmolder Gymnasium Leopoldinum. Die Idee, eine Art Sorgentelefon für Schüler als Videokonferenz zu organisieren, hat sie begeistert. Foto: Joscha Westerkamp

Zu diesem Ergebnis sind etwa zehn Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen weiterführenden Schulen in ganz OWL gekommen. Dafür haben sie sich vor zwei Wochen zu einem digitalen „Covid Talk“ versammelt, der nun in die zweite Runde gegangen ist.

„Ich finde es unfassbar wichtig, dass wir Schüler gehört werden und nicht nur über uns entschieden wird“, sagt Elisa Heinrich (16), Schülersprecherin des Wittekind-Gymnasiums. „Es geht ja gerade um uns“, betont Fabian Giesbrecht (14), ebenfalls Wittekind-Schülersprecher. Für 40 Minuten haben die beiden sich beim Covid Talk online mit verschiedenen anderen Schülern getroffen, um über die aktuelle Lage zu sprechen. Geleitet wurde diese besondere Videokonferenz von den Schülermoderatorinnen Maja Machalke (18) und Sofia Georgia Gavgalidis (16), beide vom Gymnasium Leopoldinum Detmold.

Zukunftsängste können ein großes Problem sein.

Elisa Heinrich

„Mich hat beim ersten Covid Talk vor allem schockiert, dass so viele sich nie trauen würden, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagt Maja Machalke. Das sei die Haupterkenntnis der Talks gewesen. „Ich finde es ziemlich kon-trovers, dass man seit einem Jahr nur noch über Gesundheit redet, aber die psychologische Gesundheit scheint keinen mehr zu interessieren, die steht ganz unten“, sagt sie.

„Die ganze Thematik mentale Gesundheit sollte viel mehr im Unterricht thematisiert werden“, findet Elisa Heinrich. „ Zukunftsängste können ein großes Problem sein . Keiner kann sagen, wie und wann es weitergehen wird, gerade in Abschlussklassen . Dazu fällt es vielen schwer, sich aktuell zu strukturieren .“

Das wohl wichtigste psychologische Problem aktuell ist Einsamkeit.

Maja Machalke

Maja Machalke aus Detmold ergänzt: „Das wohl wichtigste psychologische Problem aktuell ist Einsamkeit. Aber es können sich auch familiäre Probleme herausstellen, von denen vorher keiner gewusst hat. Das Frustrations- und Aggressionsrisiko ist in dieser Lage viel größer.“ Auch depressionsartige Ängste könnten für Schüler dazu kommen.

Während beim ersten Covid Talk die Schüler nur unter sich waren, wurden sie bei der zweiten Ausgabe am Freitag von mehreren Experten unterstützt. Das Motto lautete: „Ideenwerkstatt“. Es ging um gemeinsame Lösungen für die Probleme, die die Schüler in der ersten Runde festgestellt hätten, so Organisator Markus Tenkhoff, der das Projekt gegründet hat.

Früher hat Tenkhoff als Geschäftsführer die Herforder Großdiskothek GoPark und andere Freizeiteinrichtungen gegründet, jetzt organisiert er Schüler-Klimagipfel und Covid Talks. Das sei „sein zweites Leben“. Auslöser sei unter anderem eine psychisch betroffene Tochter.

Aktuell kommt etwa ein Schulpsychologe auf 7000 Schüler.

Diplom-Psychologin Ira Herdmann

Eine Expertin beim zweiten Covid Talk war Diplom-Psychologin Dr. Alexandra Berglez, Fachbeauftragte für Schulpsychologie der Bezirksregierung Detmold. „Was ich so spannend an diesem Projekt finde, ist, dass die Schüler damit schon ganz früh diesem Thema in einer interaktiven Art näher gebracht werden“, sagt sie.

Unterstützt wird sie beim Covid Talk von Diplom-Psychologin Ira Herdmann, Mitarbeiterin der schulpsychologischen Beratungsstelle im Kreis Gütersloh. „Aktuell kommt etwa ein Schulpsychologe auf 7000 Schüler“, sagt sie. „Im ganzen Regierungsbezirk Detmold gibt es etwa 80 Schulpsychologen. Wer einen echten Termin mit einem Psychologen will, muss oft Monate warten. Das kann nicht sein. Doch wegen der Pandemie kommen schon neue Stellen dazu.“ Ideal, da sind sich beide einig, wäre ein Psychologe pro Schule.

Wer im Moment Hilfe in Anspruch nehmen wolle, könne telefonisch mit einer Beratungsstelle sprechen. „Die Schüler sind richtig begeistert, wenn sie mit den Psychologen ins Gespräch kommen. Das kann schon mal eine Stunde dauern und um verschiedenste Themen gehen.“

Zuschauer können anonym Fragen über das Portal stellen.

Markus Tenkhoff

Herdmann selbst ist Mutter einer angehenden Abiturientin – also mitten im Thema. „Im Grunde soll die Schule ja nicht nur ein Lern-, sondern ein Lebensort sein.“ Einjährig ausgebildete Vertrauenslehrer übernähmen eine Art Zwischenrolle an den Schulen.

Auch Schulsozialarbeiter waren beim zweiten Covid Talk dabei sein, der wieder live auf dem Youtube-Kanal „Stream for Future“ übertragen wurde. Markus Tenkhoff erklärt das Konzept: „Zuschauer können anonym Fragen über das Portal www.zuschauerfragen.de stellen, die dann von den Moderatoren besprochen und an die Konferenz weitergegeben werden. Wir machen das ganz bewusst nicht über den Chat, damit auch Schüler mit Depressionen sich zu fragen trauen.“

Der Geschäftsführer der Plattform www.zuschauerfragen.de habe das Projekt so toll gefunden, dass er ihnen gleich kostenlos die Premiumversion angeboten habe, berichtet Tenkhoff. „Solche Unterstützung erfahren wir oft. Durch die Schüler-Klimagipfel habe ich jahrelange Kontakte an die Schulen. Als ich da letztens angerufen und die neue Idee vorgestellt habe, haben mir ganz viele weitergeholfen, besonders am Wittekind-Gymnasium.“

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