100 Jahre Stadtrandsiedlung Am Eckerngarten in Lübbecke
Ein Heim für den kleinen Geldbeutel

Lübbecke (WB) -

Ein Stück Lübbecker Stadtgeschichte feiert 100. Geburtstag.

Mittwoch, 06.01.2021, 06:15 Uhr aktualisiert: 06.01.2021, 06:20 Uhr
Eine Wohnsiedlung wie jede andere? Kaum ein Lübbecker weiß, dass der Eckerngarten an der Rahdener Straße vor 100 Jahren entstand und damals ein vielbeachtetes Projekt des frühen sozialen Wohnungsbaus war. Foto: Andreas Kokemoor

Am 6. Januar 1921 waren alle 19 Häuser des Wohngebietes Am Eckerngarten gegenüber der heutigen Stadthalle bezogen und damit die erste Lübbecker Stadtrandsiedlung überhaupt komplettiert. „Westsiedlung oder Wiehenweg-Siedlung folgten erst später“, weiß Ulrich Baumann. Der 77-Jährige ist nicht nur in dritter Generation Bewohner eines Hauses an der Straße Eckerngarten. Der pensionierte Lehrer hat auch zur Geschichte der Siedlung geforscht und einen Aufsatz verfasst.

Mangel an bezahlbarem Wohnraum war auch schon vor mehr als 100 Jahren ein großes Thema. „Das führte dazu, dass sich bereits während des Ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918 die Stadtverordnetenversammlung mit diesem Problem beschäftigte“, schildert Ulrich Baumann die Lage in Lübbecke. Die Stadt wollte deshalb Kleinwohnungen für minderbemittelte Familien und Einzelpersonen, etwa Kriegsbeschädigte oder Kriegerwitwen, für Arbeiter, Angestellte und Handwerker errichten.

Ulrich Baumann stieß bei seinen Nachforschungen dazu im Stadtarchiv auf eine Notiz aus dem „Lübbecker Kreisblatt“, das in seiner Ausgabe vom 10. April 1919 darüber berichtete, dass das städtische Grundstück „Am Eckerngarten“ als Bauland zur Verfügung gestellt werden soll. „Dort waren damals Äcker und Wiesen und die Stadt hat für ihr Wohnbauprojekt die alten Pachtverträge gekündigt“, sagt Baumann.

Der Baustil Am Eckerngarten war geprägt von der schwierigen finanziellen Situation nach dem verlorenen Krieg und der problematischen Materialbeschaffung. „Trotzdem begann die Gemeinnützige Baugenossenschaft in Lübbecke im September 1919 im Baugebiet Am Eckerngarten mit dem Bau von 19 Kleinwohnungen“, beschreibt Ulrich Baumann das Projekt. „Es umfasste die noch heute gültigen Hausnummern Am Eckerngarten 1 bis 17 und Rahdener Straße 12 und 14“.

Diese Kleinwohnungen waren einzelne Häuser mit einer Wohnfläche von etwa 70 Quadratmetern, die auf aus heutiger Sicht üppigen Grundstücken von 1200 Quadratmetern errichtet wurden. Ulrich Baumann: „Im ländlichen Siedlungsbau war zu jener Zeit diese Bauplatzgröße üblich. Zu jedem Haus gehörten nämlich im Rahmen der Eigenversorgung ein Gemüsegarten sowie ein Stall.“

Beheizt wurden die Häuser mit Kohleöfen. Die Wasserversorgung geschah über selbst gebaute Brunnen. Wassertoiletten und Badezimmer gab es nicht. Das Abwasser aus dem Haus wurde in eine Sickergrube geleitet, von wo es langsam in den Boden eindrang. In einer Jauchegrube sammelte man die Gülle.

„Ein großes Problem stellte die Lösung der Beleuchtungsfrage dar“, erläutert der 77-Jährige. „Als Lichtquelle wurden damals rußende Öllampen benutzt. Damit waren die Hausfrauen nicht einverstanden. Aus Kostengründen kam ein Anschluss an das elektrische Leitungsnetz nicht in Frage.“ Gelöst wurde das Problem mit Hilfe der Gasanstalt der Stadt, die über ein eigenes Leitungsnetz verfügte. So kam es dazu, dass die Am Eckerngarten und an der Rahdener Straße gelegenen Häuser mit Gasbeleuchtung ausgestattet worden sind.

29.000 Mark sollte jede dieser Wohnungen kosten – gerade für die Zielgruppe nicht aufzubringen. Deshalb wurde ein Genossenschaftsmodell gewählt, berichtet Baumann. Die Interessenten wurden zunächst Mieter und erwarben dann nach und nach die Immobilien.

Auch außerhalb von Lübbecke erregte die neue Siedlung Aufmerksamkeit. Der damalige Oberpräsident der preußischen Provinz Westfalen, Dr. Bernhard Wuermeling, reiste am 3. September 1920 von Münster nach Lübbecke, um die neu errichteten Kleinwohnungen in Augenschein zu nehmen.

Am 3. Oktober 1920 zogen die ersten Familien in die Kleinwohnungen ein und am 6. Januar 1921, also heute vor hundert Jahren, waren alle Häuser bewohnt. Auch der Großvater von Ulrich Baumann, Wilhelm Baumann, konnte sich in der neuen Siedlung zwischen Rahdener Straße und Bahnlinie den Traum vom Eigenheim verwirklichen. Und auch die Eltern nutzten das umgebaute Haus gerne, bis schließlich Ulrich Baumann mit seiner Frau Anneliese 1998 einzog. „Drei Häuser hier in der Siedlung werden in der dritten Generation bewohnt. Zwei weitere Häuser sind im Familienbesitz geblieben“, berichtet der Ruheständler. Das Wohnen am Eckerngarten ist also nach wie vor attraktiv.

Noch mehr Informationen zum „Eckerngarten“ gibt es in der vom Stadtarchiv herausgegebenen Schrift „Zeitensprünge 1920“.

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