Wirtschaftsförderer leitet Kritik an Schutzmaßnahmen weiter
Corona-Brief eckt an

Lübbecke/Kirchlengern (WB). Der Offene Brief eines Allgemeinmediziners aus Kirchlengern zum Thema Corona sorgt derzeit in Lübbecke für Wirbel. In dem Schreiben an Bundeskanzlerin Merkel wird Kritik an den Schutzmaßnahmen der Regierung , unter anderem an der Maskenpflicht, geübt und zur Rückkehr zu einem Leben ohne „Infektionshysterie“ aufgerufen. Der Lübbecker Wirtschaftsförderer hatte das Schreiben am 9. Oktober kommentarlos per E-Mail an die Mitglieder des Wirtschaftskreises versandt.

Donnerstag, 15.10.2020, 05:28 Uhr aktualisiert: 15.10.2020, 05:30 Uhr
Ein Arzt nimmt durch das Fenster seiner Praxis einen Corona-Abstrich. Nicht alle Mediziner halten die Corona-Infektion für so gravierend, dass die aktuellen Schutzmaßnahmen gerechtfertigt sind. Ein Offener Brief dazu sorgt derzeit in Lübbecke für Wirbel. Foto: dpa

Er sei verwundert darüber, dass solche Ansichten völlig ungefiltert vom Wirtschaftsförderer weitergeleitet würden, sagte ein Mitglied des Wirtschaftskreises, das anonym bleiben möchte. „Das wirkt wie ein offizielles Schreiben.“ Den Begriff „Verschwörungstheorie“ wolle er zwar nicht verwenden, dennoch seien die Inhalte fragwürdig. Auch andere Empfänger der E-Mail hätten ihr Unverständnis geäußert.

Verfasser ist Allgemeinmediziner

In dem Offenen Brief vom 14. September an das Bundeskanzleramt, der von 42 Ärzten aus ganz Deutschland unterzeichnet ist, kritisiert der in Bünde wohnende Arzt Dr. Robert Kluger die seiner Auffassung nach überzogenen Infektionsschutzmaßnahmen und verweist auch auf die Erfahrungen der Kollegen aus dem Umgang mit insgesamt etwa 70.000 Patienten. Die Viruswelle im Frühjahr sei „nur etwas intensiver als eine gewöhnliche saisonale Grippe“ gewesen. Es liege „seit Monaten keine Bedrohung der deutschen Bevölkerung durch Covid-19 mehr vor“. Demgegenüber seien die Folgeschäden der Schutzmaßnahmen gravierend. Kluger nennt hier Depressionen bei älteren Menschen, Angst- und Verhaltensstörungen bei Kindern, Hysterie und Denunziationen im zwischenmenschlichen Umgang.

Die Unterzeichner fordern dazu auf, die Schutzmaßnahmen von einem unabhängigen Gremium überprüfen zu lassen und sich vor allem auf den Schutz von Risikopatienten zu konzentrieren. „Die gesunde, immunkompetente Bevölkerung benötigt keinen Schutz“, der über bekannte Hygienemaßnahmen hinausgehe. Coronaviren habe es schon immer gegeben, die natürliche Immunität reiche aus. Die Mund-Nasen-Bedeckung entbehre einer soliden wissenschaftlichen Grundlage, so das Schreiben.

Wirtschaftsförderer Claus Buschmann weilt zur Zeit im Urlaub und konnte deshalb keine Stellung nehmen. Er hatte den Brief von Dr. Kluger mit den einleitenden Worten „Beiliegender Brief zu Ihrer Information. Das Schreiben ist öffentlich und darf auch weitergegeben werden“ versandt.

Zusammenhang zu Diskussionsabend

Bürgermeister Frank Haberbosch wollte darin auf Anfrage dieser Zeitung keinen Fehler erkennen, sagte aber, dass auch im Rathaus Kritik an der E-Mail angekommen sei. „Es handelt sich um eine ergänzende Information zum letzten Wirtschaftskreis am 21. September, eine reine Weiterleitung“, sagte Haberbosch. „Wir als Stadt haben uns in keiner Weise positioniert.“ In der Diskussion – Gastreferent war mit Prof. Franz-Josef Schmitz der Laborleiter und Coronaspezialist der Mühlenkreiskliniken – sei es auch um abweichende Meinungen zur gängigen Bewertung gegangen, so Haberbosch weiter. Dazu diene der Offene Brief als Beleg.

„Zum Umdenken anregen“

Dr. Robert Kluger zeigte sich im Gespräch mit dieser Zeitung wenig überrascht, dass sein Beitrag kontrovers aufgenommen wird. „Wer kann denn den Mund aufmachen, wenn nicht wir als Mediziner“, sagte er. Auch jetzt, vier Wochen später und angesichts steigender Infektionszahlen sehe er keinen Anlass, weitere Maßnahmen zu verhängen. Auch wenn sich in Frankreich inzwischen die Intensivstationen füllen: „Wir sind in Deutschland und müssen mit dem deutschen Gesundheitswesen arbeiten.“ Er rechne zwar nicht mit einer Reaktion aus dem Kanzleramt, aber seine Kollegen und er wollten mit dem Brief zum Umdenken anregen. Aber bei aller Kritik an der von ihm eher als problematisch denn als hilfreich eingestuften Maske: In seiner Praxis in Kirchlengern verhalte er sich regelkonform, sagte Kluger.

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