Ausverkauf im Spielwarengeschäft ab Donnerstag – Familienunternehmen seit 1832
Lorenz schließt zum Jahresende

Lübbecke (WB). Ganze Generationen von Lübbeckern werden sich daran erinnern, wie sie als Kinder mit strahlenden Augen durch dieses Spieleparadies gingen – und wie dort beim Besuch mit den Eltern oder Großeltern ihre Träume in Erfüllung gingen. Das wird es bald nicht mehr geben, denn das Spielwarengeschäft Lorenz schließt Ende des Jahres endgültig seine Türen.

Samstag, 10.10.2020, 06:00 Uhr

„Die Entscheidung ist mir sehr schwer gefallen, aber die Umsatzzahlen sind seit Jahren so stark rückläufig, dass ich aus wirtschaftlichen Gründen den Schlussstrich ziehe“, sagt Uta Bracke. Die 62-jährige hatte das Spielwarengeschäft in der Langen Straße 43 im Jahr 1985 von ihrem Vater Claus Bracke übernommen. Wesentliche Faktoren für die negative Entwicklung sieht die Geschäftsfrau in der zunehmenden Konkurrenz, zunächst durch Großmärkte und danach zunehmend durch den Internethandel. So weiß sie von den Lieferdiensten zu berichten, dass heute zwei Drittel der Lieferungen an Privathaushalte geht. „Früher war es umgekehrt: Zwei Drittel ging an Geschäfte und nur ein Drittel an privat.“

Umsatzeinbußen

Schließlich sei der Rückgang seit Jahren ein schleichender Prozess gewesen. Im vergangenen Jahr sei sogar das so wichtige Weihnachtsgeschäft erschreckend schlecht ausgefallen, sagt Uta Bracke. „Die Corona-Krise und der Lockdown haben uns schließlich den Rest gegeben.“ Dadurch sei zusätzlich das Ostergeschäft weggebrochen. Im Nachhinein ärgert sie sich noch darüber, dass sie in dieser Zeit dreieinhalb Monate schließen musste, während die Supermärkte ihr Spielwarensortiment weiter vertreiben durften. „In Österreich wurde meines Wissens den Drogeriemärkten in der Zeit untersagt, Spielwaren zu verkaufen.“

Firmengeschichte

Die Geschichte des Familienunternehmens begann, als ihr Ur-Urgroßvater Christian Jacob Lorenz im Jahr 1832 das Haus Lange Straße 44 (die heutige Eisdiele) kaufte und im Anbau eine Kupferschmiede betrieb, in der er Pumpen, Lampen, Leuchter und Hausrat aus Kupfer fertigte. Seine Frau Juliane führte zur Straße hin ein Ladengeschäft, in dem sie unter anderem Dinge aus der eigenen Schmiede vertrieb.

1863 übernahm Sohn Carl mit seiner Frau Hermine die Firma. Carl Lorenz spezialisierte sich auf die Fertigung und Montage von Pumpen und Brunnen, während seine Frau das Geschäft weiter betrieb. Sie bauten im Jahr 1912 gegenüber an der Langen Straße 43 das neue, größere Geschäfts- und Wohnhaus für ihren Sohn Emil Lorenz, in dem heute das Spielwarengeschäft ist. Uta Brackes Großvater Emil eröffnete dort ein Geschäft und vertrieb Glas, Porzellan, Hausrat und während der Saison auch Spielwaren. „Trotz wechselvoller Entwicklung, gestört durch zwei Kriege, Inflation, Weltwirtschaftskrise und Währungsreform behauptete sich Emil Lorenz mit seiner Frau Johanna gegen starke Konkurrenz am Platz“, weiß Uta Bracke zu berichten.

1952 heiratete Tochter Margarethe Lorenz Claus Bracke. Beide traten als Teilhaber in die Firma ein, die dann als OHG geführt wurde. Die Eheleute Bracke strukturierten die Firma um. Das elterliche Haus Lange Straße 44 wurde umgebaut und das Spielwarensortiment 1965 dorthin verlagert. Das Haus 43 wurde zum Fachgeschäft für Porzellan und Glas, später ergänzt durch hochwertige Geschenkartikel. Nach dem Tod von Emil Lorenz führte Margarethe Bracke die Firma weiter. Sie leitete das Stammgeschäft, während sich Claus Bracke um das Spielwarengeschäft kümmerte. Die Firma nahm einen überdurchschnittlichen Aufschwung und zog viele Kunden aus dem gesamten Kreisgebiet an. Im Haus 43 wurde durch Umbau und Erweiterung zusätzlicher Platz geschaffen. Seit 1968 ist Lorenz Mitglied bei Vedes, dem Einkaufsverbund für Spiel und Freizeitartikel.

Aufschwung in den 70-ern

Bald reichte auch der Raum im Haus 44 für Spielwaren nicht mehr aus. Es gelang der Familie, den Laden im Haus Lange Straße 50-52 (heute Etog) zu mieten, und im Juli 1971 zog das Spielwarengeschäft dorthin um. Im Januar 1978 stand das Haus Lange Straße 50-52 zum Verkauf und Uta Brackes Vater Claus erwarb es. Das Porzellangeschäft in Haus 44 betrieb Margarethe Bracke, bis sie es im März 1987 aus Altersgründen aufgab. Es wurde vom Ehepaar Hannig als Pächter weiter geführt.

Zu diesem Zeitpunkt war Tochter Uta Bracke bereits Inhaberin des Spielwarengeschäftes, das sie im August 1985 vom Vater übernommen hatte. Für sie habe schon früh festgestanden, dass sie eine große Vorliebe für den Spielwarenladen hatte und die Familientradition dort fortsetzen wollte. „Wenn ich als kleines Mädchen von der Schule nach Hause kam, hab ich den Ranzen in die Ecke geworfen und bin sofort zu meinem Vater ins Geschäft gelaufen, um ihm zu helfen“, erinnert sich Uta Bracke. So kam es, dass sie nach ihrer Ausbildung 1973 in die elterliche Firma Lorenz eintrat und seitdem ganz in dieser Arbeit aufging.

Spieletrends

Uta Bracke kann sich an viele Spielzeugtrends aus diesen Jahrzehnte erinnern – von der Barbie über Monchhichi bis hin zu Bayblade-Kreiseln und Loom-Armbändern. „Die Spielwarenmesse in Nürnberg war immer ein Muss“, sagt sie. Und drei Mal im Jahr gab es Vedes-Einkaufstagungen.

Ihren sechs Mitarbeitern hat Uta Bracke schon im Mai von der Schließung berichten müssen – wegen der langen Kündigungsfristen. „Alle haben ihre Ausbildung bei uns im Haus gemacht. Eine Kollegin ist schon seit 48 Jahren bei uns, andere zwischen 20 und 30 Jahren“, sagt die Geschäftsfrau. „Das war schon sehr hart.“ Allerdings hätten sie ja durchaus schon länger erlebt, wie viel schlechter der Umsatz geworden sei.

Ausverkauf ab Donnerstag

Am Donnerstag, 15. Oktober, beginnt bei Spielwaren Lorenz der Ausverkauf. „Daher haben wir für die Vorbereitung von Montag, 12., bis Mittwoch, 14. Oktober, geschlossen.“ Wie lang der Ausverkauf geht, weiß sie nicht: „Bis alles weg ist. Letzter Geschäftstag ist offiziell der 31. Dezember.“

Uta Bracke will sich auch im Ruhestand weiterhin ehrenamtlich für das Lübbecker Kinderfest, organisiert von Stadtmarketing, engagieren, das sie seit Jahren unterstützt. Denn so kann die Spezialistin für strahlende Kinderaugen auch weiterhin zu deren Freude beitragen.

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