Beim „Corona-Unternehmertalk“ findet Franz-Josef Schmitz (MKK) deutliche Worte
Heimischer Professor kritisiert das RKI

Lübbecke/Minden (WB). Er nimmt kein Blatt vor den Mund: Der Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin, Mikrobiologie, Umweltmedizin und Transformationsmedizin der Mühlenkreiskliniken, Professor Dr. Franz-Josef Schmitz, wirft dem Robert-Koch-Institut (RKI) Versäumnisse bei der Datenerhebung zur Covid-19-Pandemie vor. Per Livestream war er dem Unternehmertalk zugeschaltet, den Thomas Struckmeier von Siebdruck Blase mit Claus Buschmann, Wirtschaftsförderer der Stadt Lüb­becke, zum zweiten Mal veranstaltet hat.

Dienstag, 09.06.2020, 06:00 Uhr
Nimmt kein Blatt vor den Mund: Professor Franz-Josef Schmitz kritisiert die in seinen Augen unzureichende Datenerfassung des RKI.

Mit dabei waren neben verschiedenen Unternehmern aus dem Altkreis Lübbecke auch FDP-Bundestagsabgeordneter Frank Schäffler und Prof. Dr. Michael Poll, auf dessen Einladung Professor Schmitz zugeschaltet war. Zuvor gab es Gespräche im kleineren Kreis mit der CDU-Landtagsabgeordneten Bianca Winkelmann und dem SPD-Bundestagsabgeordneten Achim Post.

Die Initiatoren des Unternehmertalks bringen heimische Unternehmer, Politiker und Experten in Zeiten von Corona miteinander ins Gespräch. Im Mittelpunkt steht neben dem Erfahrungsaustausch und der Suche nach Wegen, die negativen wirtschaftliche Folgen abzumildern, auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit der noch bestehenden Einschränkungen. „Es hätte aus meiner Sicht sofort eine Analyse der Dunkelziffer und eine sich daraus ergebende Analyse der Sterblichkeit geben müssen. Und man hätte auch von Anfang an die Verstorbenen obduzieren müssen“, sagte Prof. Dr. Franz-Josef Schmitz. So aber befinde man sich noch immer in einer Phase, in der man nicht wisse, wie hoch das Sterblichkeitsrisiko für unterschiedliche Bevölkerungs- und Altersgruppen eigentlich ist.

Keine verlässlichen Analysen und Berechnungen

Warum das RKI nicht sofort bestrebt gewesen sei, eine valide Datenbasis zu schaffen, mit der sich die Verbreitung des Virus und die von ihm ausgehende Gefahr seriös einordnen ließe, könne er sich bis heute nicht erklären. Um belastbares Zahlenmaterial im Hinblick auf die so genannte Dunkelziffer zu erhalten, hätte man sofort eine größere Population testen und in einem zweiten Schritt die Antikörperprävalenz ermitteln müssen. Beides habe man bis heute nicht getan.

Die Konsequenz: Noch immer könne nur spekuliert werden, wie hoch das Sterblichkeitsrisiko und die Immunität in der Bevölkerung gegen Covid-19 tatsächlich sind. „Es gibt bis heute keine verlässlichen Analysen und Berechnungen für die Virus-Ausbreitung in der Gesamtbevölkerung.“ Weil die entscheidenden Statistiken fehlten, werde das Risiko unterschiedlich bewertet. „Unstrittig ist, dass es schwerere Krankheitsverläufe gibt. Fest steht jedoch auch, dass ein Großteil der Erkrankten symptomlos sei oder nur Symptome vergleichbar einer Grippe habe. Lediglich weniger als zehn Prozent der Infizierten erkranken wirklich schwer. Allerdings muss man die Langzeitfolgen bei den Infizierten in ein bis zwei Jahren nochmals sehr kritisch analysieren“, sagte Prof. Schmitz.

Dieser ärgert sich auch noch aus einem anderen Grund. „Verschiedene Ärzte aus dem Kreisgebiet haben dem RKI vor Wochen eine Studie im Kreis Minden-Lübbecke vorgeschlagen“, sagte Schmitz. Für diese Studie wollte man Bewohner und Personal in Alten- und Pflegeheimen mittels PCR auf das Sars-Co2-Virus und serologisch auf Antikörper untersuchen. „Hier warten wir leider noch immer auf eine Antwort.“ Im Mühlenkreis gebe es besonders viele Alten- und Pflegeheime, so dass hier sehr schnell repräsentative Aussagen für Deutschland getroffen werden könnten.

Mobile Befundübermittlung

Er kündigte Verbesserungen bei den Testverfahren an. „Da die Corona-Virus-Pandemie uns noch monatelang begleiten wird, bietet unser Labor nun die Möglichkeit der mobilen Befundübermittlung direkt aufs Smartphone der Patientinnen und Patienten an. Bei der Probenentnahme bekommen diese QR-Code und Passwort ausgehändigt. Etwa acht Stunden nach Probeneingang im Labor können die Patienten ihr Ergebnis online direkt aus dem Laborsystem abrufen“, erläuterte er.

Bei Verdachtsfällen in Unternehmen der Region könnten laut Schmitz künftig zudem „mobile Einsatzteams der Mühlenkreiskliniken“ vor Ort PCR-Abstriche der betroffenen Mitarbeiter nehmen und sie im Labor in Minden überprüfen lassen. Das Ergebnis liege binnen weniger Stunden vor. Dienstreisenden und Mitarbeitern nach Aufenthalt im Ausland stehen 24 Stunden lang PCR-Abnahmemöglichkeiten direkt vor dem Uniklinikum zur Verfügung. „Hiermit wollen die Mühlenkreiskliniken die regionale Wirtschaft unterstützen.“

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