Fleischkonzern will Standort im Münsterland weiterbetreiben
Corona-Welle in Westfleisch-Werk

Coesfeld (WB). Trotz positiver Corona-Tests bei mindestens 129 der rund 1200 Mitarbeiter seines Werks im münsterländischen Coesfeld will der Westfleisch-Konzern den Standort nicht vorübergehend schließen. Die Produktion könne in reduziertem Umfang weiter stattfinden, teilte Westfleisch am Donnerstag mit. Der Kreis Coesfeld hatte zuvor noch erklärt, aus seiner Sicht sei eine Schließung unausweichlich. Die Entscheidung liege aber bei Westfleisch.

Donnerstag, 07.05.2020, 19:17 Uhr aktualisiert: 07.05.2020, 20:40 Uhr
Aufnahme des Geschäftslogos der Westfleisch eG vor der Hauptverwaltung in Münster. Foto: dpa

Wegen des starken Infektionsgeschehens rund um den Betrieb liegt der Kreis Coesfeld bei den Corona-Neuinfektionen derzeit über der von Bund und Ländern am Mittwoch vereinbarten Obergrenze. Zahlen des Kreises zufolge haben sich in den vergangenen sieben Tagen 73 Personen pro 100.000 Einwohner neu mit dem Virus angesteckt.

Bei einem Wert ab 50 sollen dem Beschluss zufolge wieder Einschränkungen verhängt werden, um die Ausbreitung der Pandemie zu bremsen. Coesfeld ist der einzige Kreis in NRW, der derzeit den Grenzwert überschreitet.

Umfangreiche Tests angeordnet

Der Kreis will zunächst aber auf generelle Einschränkungen der Lockerungen verzichten. Maßnahmen würden sich auf das Werk, die Arbeitskräfte und deren Unterkünfte konzentrieren. Es handele sich um ein lokales Ausbruchsgeschehen bei Westfleisch, hieß es vom Kreis.

Umfangreiche Tests – alle 1200 Mitarbeiter sollen getestet werden – und die Isolierung der Infizierten sollen eine weitere Ausbreitung verhindern. Nach Angaben des Kreisgesundheitsamtes muss sich die Bevölkerung keine Sorgen über eventuell infiziertes Fleisch machen. Das Unternehmen setze umfangreiche Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen um.

Bewohner einer Unterkunft in Dülmen bleiben zuhause

Über mehrere Erkrankte sei man auf Westfleisch aufmerksam geworden. Abstriche von Personen seien vor allem in Unterkünften, aber auch im Betrieb vorgenommen worden, erklärte eine Amtsärztin. Getestet worden seien zunächst Mitarbeiter mit Symptomen. Die Bewohner einer größeren Unterkunft in Dülmen müssen komplett zu Hause bleiben.

Seit Ende vergangener Woche laufe bei Westfleisch „eine gezielte Testreihe unter Kontaktpersonen, um mögliche Virusträger noch schneller zu identifizieren“, erläuterte Unternehmenssprecher Philipp Ley.

„Auch bei diesem Vorgehen folgen wir den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts und arbeiten eng mit den Behörden zusammen“, sagte er. Dass das gut läuft, bestätigte die Amtsärztin. Die getroffenen Absprachen würden eingehalten. Nach Auskunft von Ley hat Westfleisch schon Anfang des Jahres eine Pandemie-Sonderkommission eingerichtet.

Gearbeitet werde im Betrieb „in klar abgegrenzten Kleingruppen“. Bereits beim Betreten des Geländes müssten Mitarbeiter Mund-Nasen-Schutz tragen. Am Werkstor läuft eine kontaktlose Fiebermessung.

Plätze im Pausenraum sind abgeschirmt

Kritik eines ehemaligen Mitarbeiters, der sich bei unserer Zeitung meldete, dass teils auch fiebernde Personen durchgewinkt worden seien und vor allem bei den Arbeitern aus Osteuropa „viel Druck aufgebaut“ werde, auch krank zu kommen („Sonst kannst Du deine Papiere abholen!“) wies Ley zurück.

„Generell achten wir sehr konsequent auf jegliche Warnsignale, nehmen Krankheitsmeldungen sehr ernst und schicken jeden Mitarbeiter bei ersten Verdachtsmomenten zum Arzt“, unterstrich er. Die Automatik zum Fiebermessen, räumte er ein, habe am Anfang „eine falsche Temperatur angezeigt, so dass öfter nachgemessen wurde.“ Nach einer Nachjustierung laufe das nun reibungslos.

In den Pausenräumen, zählte er weiter auf, sind alle Plätze durch Plexiglas abgeschirmt. Spezielle Schutzmasken würden in Bereichen getragen, in denen der empfohlene Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden kann. Die Zahl der gleichzeitig in der Produktion arbeitenden Menschen sei reduziert worden. Die Produktionsfähigkeit sei aber weiterhin gegeben.

Gemeinsame Unterbringung von maximal fünf Personen

Kann das vermehrte Corona-Auftreten etwas mit überbelegten Unterkünften zu tun haben? Ley winkt ab: Die Unterbringung sei „der von Familien und Wohngemeinschaften sehr ähnlich“. Mehrheitlich seien die Wohnungen mit drei bis fünf Personen belegt.

Der genossenschaftlich organisierte Westfleisch-Konzern verfügt über zwölf Standorte. Darunter ist auch das auf Rindfleisch spezialisierte Fleischcenter in Lübbecke . Der Wettbewerber Vion hat derweil nach einem Corona-Ausbruch in einer Unterkunft für rumänische Arbeiter in Kellinghusen seinen Schlachthof in Bad Bramstedt nördlich von Hamburg vorübergehend geschlossen.

Lockdown befürchtet

Durch die Fälle bei Westfleisch steigen die Zahlen der Neuinfizierten im Kreis Coesfeld so drastisch, dass die Ängste vor einem erneuten Lockdown groß sind.

Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr verweist darauf, dass die Fälle klar eingegrenzt werden können und hofft auf die von Bundeskanzlerin Merkel angekündigte Ausnahmeregelung. „Abgesehen von dem Ausbruch bei Westfleisch waren die Zahlen zu den Neuansteckungen in der Bevölkerung des Kreises in den letzten Tagen stagnierend oder leicht rückläufig“, sagt er.

 

Kommentare

A. von Aulock  wrote: 08.05.2020 08:26
Corona-Welle in Westfleisch-Werk
Das Westfleisch sein Werk in Coesfeld nicht selber schliesst um seine Mitarbeiter in häusliche Quarantäne schicken zu können ist schon ein schlechter Scherz, aber das der zuständige Landrat keine Schließung anordnet, weil das Unternehemen Systemrelevant sei, ist ein Skandal. Zum einen ist Coesfeld nicht die einzige Produktionsstätte von Westfleisch und zum 2. gibt es mehr als ein weiteres Unternehmen das die Bürger auch weiter mit Fleischwaren beliefern könnte. Dem Bürger ist es sicherlich egal ob seine Wurstwaren aus Coesfeld Gütersloh oder Oberammergau kommen, aber wer sich lebende Tiere über hunderte Kilometer anliefern lassen kann nur verarbeitetes Fleisch nicht einmal über wenige Kilometer ausgeliefert bekommt sollte über seine eigenen Fähigkeiten einmal ernsthaft nachdenken.
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